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Verlag Bachmann

Liber Lacteus
Eine unbeachtete Mirakel- und Exempelsammlung
aus dem Zisterzienserkloster Stams

29. 7. 2010 - 11:00
Christina Laurin


Das 2009 erschienene literaturwissenschaftliche Werk von Daniela E. Mairhofer widmet sich, wie der Titel bereits sagt, dem sogenannten "Liber Lacteus", einer von einem unbekannten Autor gegen Ende des 13. Jahrhundert verfassten Exempel- und Mirakelsammlung, dessen Entstehungsort im süddeutschen bzw. Tiroler Raum vermutet wird. Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um Band 1 einer Serie des Bachmanns-Verlags unter dem Titel "Codicologia".

Die Bedeutung von
Exempel- und Mirakelsammlungen im Mittelalter

Der Name "Liber Lacteus" geht auf die Intention des Autors der Handschrift zurück, verschiedene Werke "rechtsgläubiger" Autoren gleichsam wie "Euter zu melken", sollten sie doch das lesende oder zuhörende Publikum geistig läutern, nähren und erbauen. Vergleichbar mit Fabeln lässt sich aus jedem Exempel eine Moral ableiten, die das Publikum zu Zucht, Ordnung, Frömmigkeit und Askese aufrufen soll. Besonders im kirchlichen Bereich gewannen die Vertreter der Exempelsammlungen im Verlauf des Mittelalters zunehmend an Stellenwert, boten die Inhalte doch eine Materialsammlung von unschätzbarem Wert für Predigten. Die Themen überspannen hierbei die gesamte Glaubens- und Sittenlehre – von Glaubensregeln und Erziehung über Kleidung bis hin zu sittsamem Verhalten im Alltag werden alle für das soziale Zusammenleben in Kloster, Land, Stadt und bei Hof wichtigen Bereiche des Lebens angesprochen.

Erster Eindruck

Optisch ist das Buch sehr ansprechend gestaltet, der weiße Hardcoverumschlag, verziert mit Abbildungen aus dem Spätmittelalter, lädt den Leser förmlich zum Blättern ein. Einen Vorgeschmack auf den Schreibstil der Autorin bietet bereits der Klappentext, denn auch der Theorieteil musste von der Rezensentin an manchen Passagen mehrfach gelesen werden, um als Nicht-Wissenschaftler hinter den Sinn der Sache zu gelangen.

Geballtes Wissen: Interessant,
aber nur für Experten auf dem Gebiet!

Auf 428 Seiten wird der Leser in die Handschrift des "Liber Lacteus" eingeführt, wobei sich das Buch in einen angenehm kurzen, theoretischen und einen längeren, "praktischen" Teil aufteilt.

Nach der englischen Einleitung von Nigel F. Palmer, welcher zur möglichen Herkunft der Handschrift und den Einflüssen dieser Exempelsammlung in anderen Literaturwerken Stellung nimmt, folgt durch die Autorin Daniela Mairhofer auf den übrigen der 56 Seiten des Theorieteils eine genaue Beschreibung des Buchzustandes und seines Aufbaus, sowie dem Zweck der Exempla im Mittelalter. Besonders interessant für Historiker, für den Laien wohl aber nur schwer bis kaum nachvollziehbar, sind hierbei die anhand einer Tabelle verdeutlichten Vergleiche zwischen dem Liber Lacteus sowie den im Aufbau ähnlichen Exempelsammlungen von München (BSB Clm 23420), Heiligenkreuz (Stiftsbibl., Cod 323) und Lilienfeld (Cod. 95), stellvertretend für die insgesamt ca. 20 "Schwesterhandschriften".

Älteste und umfangreichste Exempelsammlung

Durch textkritische Vergleiche dieser Exempelsammlungen und Einbeziehung unterschiedlichen Quellen kommt die Autorin zu dem Schluss, dass es sich bei der Innsbrucker Handschrift um den ältesten und auch umfangreichsten Vertreter in der Gattung der Exempelsammlungen, im deutschen Sprachraum als "Lacteus Liquor" bekannt, handeln muss. Zudem vermutet sie, dass aufgrund Vergleichen des Schriftbilds womöglich drei, mindestens aber zwei verschiedene Autoren an der Erschaffung des Werks beteiligt waren. Die Argumente werden hierbei von der Autorin stets sachlich und überzeugend vorgetragen, auf die Schwierigkeiten und Gründe für eine fehlende Zuordnung zu Entstehung, usw. eingegangen ebenso wie die Vorgangsweise bei der wissenschaftlichen Untersuchung des Themas Exempelsammlungen ausführlich dokumentiert wird.

Latein ist ein Muss!

Der Hauptteil des Buchs, und wohl der für den historisch interessierten Leser am meisten ansprechende Part, setzt sich aus einer Auflistung von 677 kurzen, lateinischen Textpassagen aus dem "Liber lacteus" zusammen, welche in ihrer thematischen Anordnung der Originalhandschrift entsprechen. Jede Passage wurde um textkritische Erläuterungen und Quellenhinweise erweitert, womit auch in diesem Fall ein Laie wenig bis nichts anfangen wird können. An die Textpassagen wurde sowohl ein alphabetisches Verzeichnis der lateinischen Passagen und Titel als auch ein umfangreiches Register der im Text vorkommenden Personen, Orte und Realien angeschlossen, was ein gezieltes Suchen stark vereinfacht.

Spannend und informativ

Abschließend bleibt zu sagen, dass das Buch durchaus den Kauf wert ist, wenngleich der Theorieteil unzweifelhaft für ein Fachpublikum mit dem entsprechenden Hintergrundwissen gedacht ist. Wichtig für den potentiellen Käufer ist es zu wissen, dass die Autorin auf die Übersetzung jeglicher lateinischer Texte und Fachwörter verzichtet hat! Jedoch gerade die lateinischen Textpassagen sind, sofern man sich mit einem dicken Stowasser-Wälzer, mehr oder minder guten Lateinkenntnissen und viel Geduld bewaffnet an eine Übersetzung wagt, höchst spannend und informativ, gewähren sie dem Leser doch einen guten Einblick in die Mentalität, und wahrscheinlichen Themen der Kirchenpredigten und -sorgen gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Geboten wird eine unschätzbare Anzahl an Inspirationen für eine klerikale Darstellung.

Über die Autorin

Dr. Daniela E. Mairhofer (geb. 1979) studierte nach Abschluss des Bundesrealgymnasium Kufstein Klassische Philologie an der Universität Innsbruck, wo sie dieses Studium auch 2003, nach Aufenthalten am University College in London sowie an der Karl-Franzens-Universität Graz beendete. 2005 schloß sie ihr Doktorratsstudium mit summa cum laude ab, ihre Doktorarbeit "Francisci Petrarcae Africa. Übersetzung mit Erläuterungen." wurde zudem von der Maria-Schaumayer-Stiftung sowie der Universität Innsbruck prämiert. An dem FWF-Projekt "Katalogisierung der Handschriften der Universität Innsbruck" ist Daniela Mairhofer seit 2003 als Forschungsassistentin beteiligt. Von März 2004 an war sie zusätzlich auch als Lektorin für Latein und Altgriechisch an der Universität Innsbruck tätig. Im Herbst 2007 trat sie eine Stelle im Bereich Mittellatein, Kodikologie und Päläographie an der Universität Oxford an.


Daten

Liber Lacteus
Eine unbeachtete Mirakel- und Exempelsammlung aus dem Zisterzienserkloster Stams
(Innsbruck, ULB, Cod. 494)
Wissenschaftlicher Verlag Dr. Michael P. Bachmann
1. Aufl. September 2009
ISBN: 978-3-940523-04-4
Preis: 54,50 EUR
Seitenzahl und Größe: 428 S.
Anzahl und Art der vorhandenen Bilder: 3 s.w.-Abbildungen (Handschrift)


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