huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden

Warning: Missing argument 3 for displayimage(), called in /data/www/www.huscarl.at/html/wissenschaft61.php on line 12 and defined in /data/www/www.huscarl.at/html/includes/functions.php on line 87

Warning: Missing argument 4 for displayimage(), called in /data/www/www.huscarl.at/html/wissenschaft61.php on line 12 and defined in /data/www/www.huscarl.at/html/includes/functions.php on line 87
Verlag Bachmann

Peter Dinzelbacher:
Unglaube im "Zeitalter des Glaubens"
Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter
21. 7. 2010 - 10:30
Verena Ritzengruber


Das Mittelalter als Zeit tiefster Frömmigkeit und unabdingbaren Kirchengehorsams ist ein Vorurteil, dem sich Peter Dinzelbacher, Professor für Mentalitäts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien mit Forschungsschwerpunkten u.a. im Bereich der Mystik, Religiosität sowie Kulturgeschichte des Mittelalters, in seinem Buch "Unglaube im Zeitalter des Glaubens - Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter" stellt.

Im Falle des im Wissenschaftlichen Verlag Bachmann erschienenen Werks sieht man sich keineswegs mit einem jener Bücher konfrontiert, die einmal mehr beweisen möchten, wie "heidnisch" die Völker Europas im Mittelalter gewesen wären. Ganz im Gegenteil gesteht Dinzelbacher, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen im Bereich der Kultur- und Sozialgeschichte des Mittelalters, der katholischen Kirche und ihren Institutionen, die er durchaus in Fußnoten differenziert, eine Art Glaubensvorgabe, die Konformität des Volkes sichern sollte, zu. Er kritisiert jedoch im selben Moment die mangelnde Forschungslage bzw. fehlende Aufmerksamkeit hinsichtlich etwaiger Neben- oder Gegenströmungen. Seine Ausführungen zielen auf Abweichungen von der "vorgegebenen" Linie durch Intellektuelle, aber auch durch Ordensbrüder innerhalb der Kirche ab und erläutern an Fallbeispielen Auslegungen und Ansichtsweisen.

Kurz und gut, fundiert, aber dennoch flüssig

Vorab ist zu sagen, dass Dinzelbacher in seinem Buch wissenschaftlich korrekt mit zahlreichen Fußnoten und Querverweisen arbeitet, das Werk allerdings schon aufgrund seiner knappen 150 Seiten und ebenfalls kompakten Erzählform schon fast als "Appetizer" aufgefasst werden kann. Der Autor schneidet in seinen Ausführungen immer wieder Thesen an und wirft Fragen auf, die neugierig auf eine genauere Auseinandersetzung mit dem Thema machen. Dabei schafft er es allerdings, trotz seiner wissenschaftlichen Herangehensweise den Leser nicht ins Stocken zu bringen, sondern flüssig durch Hauptaspekte zu führen. So beschleicht einen langsam aber sicher das Gefühl, nicht die Seiten eines Buches umzublättern, sondern in einer Vorlesung einem Vortragenden gegenüber zu sitzen.

Unglaube ist nicht gleich Unglaube

In den Inhalten widmet sich Dinzelbacher nicht den, wie der Haupttitel des Buches vermuten lässt, Andersgläubigen abseits des Christentums, sondern geradewegs den Skeptikern und weiteren Strömungen innerhalb des christlichen Abendlandes. Die drei zentralen Punkte bilden dabei die Leugnung der Existenz Gottes, des Weiterlebens der Seele nach dem Tode und der Gottesnatur Jesu. Was heute mit einem simplen Austritt aus der Kirche enden würde, gestaltete sich vor einigen Jahrhunderten wesentlich schwieriger. Der Autor nimmt dabei Bezug auf Gruppen wie die Averroisten, aber auch auf einzelne Persönlichkeiten wie etwa Abaelard, Anselm von Canterbury oder andererseits auch Thomas von Aquin als Verfechter kirchlicher Positionen. So spannt sich der Bogen von der Skeptik Intellektueller über Philosophen bis hin zur christlichen Interpretation der Begriffe Fatum und Fortuna inklusive Beispielen von "Unglauben" bei Adel, Medizinern, Dichtern, Künstlern und "Volk".

Wissenschaftlich recherchiert, aber
(noch) kein eigenständiges Standardwerk


Ein ausführliches Register, gewissenhafter Quellen- und Bildnachweis sowie ein vollständiges Literaturverzeichnis zeichnet das Werk als Querverweis hin zu anderen Thesen und Positionen aus und lädt zu weiterer Auseinandersetzung mit dem Thema ein. Aufgrund der flüssigen Erzählweise sowie der Übersetzung von lateinischen oder mittelhochdeutschen Originaltextstellen sollten sich auch Einsteiger von der Lektüre nicht abschrecken lassen. Gut verständlich und nachvollziehbar führt Dinzelbacher in die Problematik der aktuellen Forschungslage ein und macht sozusagen Lust auf mehr. Den finalen Paukenschlag aber bleibt der Autor schuldig. Zu unerforscht sieht er die Thematik, verweist aber auf die dringliche Notwendigkeit der weiteren Begutachtung und besseren Herausarbeitung des Skeptizismus zur Vervollständigung des vorherrschenden Mittelalterbildes. So liefert Peter Dinzelbacher also eher den Anstoß zu weiteren Forschungen, als dass er tatsächlich ein neues Standardwerk geschaffen hätte. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere berufen, dort anzusetzen, wo die 150 Seiten "Unglaube im Zeitalter des Glaubens" aufhören.


Daten

Dinzelbacher, Peter
Unglaube im "Zeitalter des Glaubens". Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter
Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2009

ISBN 978-3-940523-01-3
gebundene Ausgabe
166 Seiten, 15 s.-w. Abb.
http://www.bachmann-verlag.de
23,95 Euro


Weiterführende Links:






Vehi Mercatus

Radio Aena



Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:





Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.