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Bildquelle: Museum für Urgeschichte, Asparn/Zaya

Bildquelle: Rudolf Böttcher

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Wie effektiv war ein steinzeitlicher Langbogen?
Die Ergebnisse des Beschusstests
des Museums für Urgeschichte

30. 7. 2009 - 10:00
Arnulf Zeilner / Rudolf Böttcher


Fotogalerie
Am 8. Juli 2009 wurde vom nieder­öster­reichischen Museum für Urgeschichte Asparn an der Zaya ein wundballistischer Beschusstest verschiedener Waffen auf dem Schiessplatz des österreichischen Bun­des­heeres in Mistelbach veranstaltet. Hoch­ka­rätige Experten wie Wundballistiker DI Anton Eder, Ing. Andreas Bichler vom Verein Historia Vivens 1300, der Archäologe Robert Graf und 2 Schuetzen des Bun­des­heeres waren anwesend, um bei der Lösung der Frage "Welche der verwendeten Waffen hat die stärkste Durchschlagskraft?" mitzuwirken.


Organisiert vom MMag. Renate Heger vom asparner Museum für Urgeschichte und Dank der freundlichen Unterstützung des Bundesheeres begann nach einleitenden Worten von Josef Engelmann das Schiessen.

Um menschliches Körpergewebe nachzustellen und damit ein realitätsnahes Experiment durchführen zu können, wurde ein spezielles Gel original nach Rezeptur von Beat P. Kneubuehl verwendet. Für das Gel wird 20% Gelatine (die aus Haut, Knochen und Sehnen besteht) mit 80% Wasser vermengt und 2 Tage bei bestimmter Temperatur gelagert.

Die verwendeten Waffen

Ein neolithischer Langbogen aus Eibe mit etwa 85 Pfund Auszugsgewicht, 184 cm Länge. Robert Graf stellte den Bogen samt den dazugehörigen Pfeilen aus wolligem Schneeball mit Spitzen aus Silex her und schoss diesen auch selbst.

Eine 260 Pfund Hornkompositarmbrust, rekonstruiert nach einem Originalfund um 1400. Die immense Zugkraft wird durch eine Kombination von Bockshornbauch und sehnenverstärktem Bogenrücken erreicht. Eine Wicklung aus Birkenrinde schützt die witterungsempfindliche Armbrust etwas vor Feuchtigkeit.

Diese mit viel Liebe zum Detail und zur historischen Vorlage gefertigten Waffen sollten gegenüber einer Pistole Glock 17 Kaliber 9mm und einem Sturmgewehr STG 77 Kaliber 5.56 ihre Durchschlagskraft unter Beweis stellen. Die kurze Distanz von nur 5 Metern bereitete den historischen Schützen doch einige Probleme, da sich Geschosse wie Pfeil und Bolzen auf dieser Entfernung noch nicht stabilisieren können.
Am deutlichsten zeigte sich das beim neolithischen Langbogen. Die Armbrust hatte zudem noch unter der anhaltend feuchten Witterung der letzten Tage zu leiden. Trotz dieser misslichen Umstände konnten auch von Armbrust und Langbogen beeindruckend genaue Schüsse abgegeben werden. Die Schützen des Bundesheeres glänzten durch perfekte Treffsicherheit, die das Publikum teils in Erstaunen versetzte.

Um es vorwegzunehmen: Das STG 77 hat in Kombination mit der verwendeten Munition, die sich kurz nach dem Auftreffen in ihre Bestandteile zerlegt und querstellt, mit Abstand die größte Schadenswirkung. Herr Eder meinte wörtlich zum Bereich des permanenten Schadens: "...da kann man drin umrühren.", was die völlige Zerstörung des umliegenden Gewebes verdeutlichen sollte.

Welche Waffe hat die größte Durchschlagskraft?

Die Glock 17 schlug die etwa 50 cm dicken Gelatineblocke mit militärischer Standardmunition glatt durch. Der permanente Wundkanal und damit der bleibende Schaden fallen am geringsten aus. Im Gegensatz dazu verursacht die Glock mit im Polizeieinsatz verwendeter Munition EMB keinen Durchschlag des Blocks, aber einen größeren Schaden und somit eine wahrscheinlich mannstoppende Wirkung. Die Polizei verwendet diese Munition unter anderem um die Gefährdung von Passanten durch durchschlagende Geschosse zu minimieren.

Als einzig nicht militärische Waffe ist der neolithische Langbogen anzusehen, dessen Einsatzgebiet wohl grundsätzlich die Jagd war. Nichts desto trotz ergab der 85 Pfund-Bogen im letzten Versuch eine rund 27 cm tiefe, glatte Wunde, deren tropfenförmiger Wundkanal am Ende die 3 fache Breite der Pfeilspitze einnahm. Man konnte auch deutlich einen beginnenden Spin erkennen. Dort lag ja auch das Problem des Langbogens, der erst auf Distanz durch Flugstabilisierung des Pfeils die volle Wirkung zeigt. Bei einem Versuch drang der Pfeil trotz unterwegs verlustig gegangener Steinspitze tief genug in den Gelatineblock ein, um tödliche Wirkung erzielen zu können.

Die Mühsal, die Armbrust mit 280 Pfund mittels am Gürtel befestigten Spannhaken zu spannen, war dem Schützen Andreas Bichler durchaus anzusehen (man hatte fast das Gefühl die Bandscheiben protestieren zu hören). Hier waren sowohl die Zielgenauigkeit als auch die Eindringtiefe beeindruckend, auch wenn man auch hier davon ausgehen sollte, dass die Schadenswirkung auf etwas größere Distanz auf Grund der Stabilisierung des Bolzens noch größer gewesen wäre. Bei der Gesamtlänge von 38cm lag die Eindringtiefe bei 33cm. Der Bolzen verschwand bis zum Nock im Gelatineblock. Die rhombische Spitze verursachte einen tiefen und geraden permanenten Schaden im "Gewebe", wobei sich auch die Befiederung, beim Bolzen bestehend aus Holz, durch den Block schnitt. Eine durchaus grausige Vorstellung solch ein Geschoss bis zum Anschlag im Körper stecken zu haben. Die Bolzen waren nach Entfernen aus dem Gelatineblock wieder verwendbar, die Spitzen der Pfeile des Langbogens mussten hingegen wegen des authentisch verwendeten Birkenpechs nach der ersten Runde neu geklebt werden. Eine sowohl für unsere Leserschaft wie auch die beiden Redakteure interessante Frage, die bei diesem Beschusstest keine Antwort fand, wäre, welche Ergebnisse bei diesem Versuch wohl ein mittelalterlicher Langbogen mit einer typischen Bodkinspitze, wie sie in den Schlachten von Crecy und Azincourt verwendet wurde, erzielt hätte.


Weiterführende Links:






Der Bogenstand Gesierich

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