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Brettchenweben
Eine Jahrtausende alte Handwerkstechnik
13. 01. 2008 - 21:00 - Renata Bock

Das Brettchenweben ist eine eigenständige, vom Webstuhl oder Webrahmen unabhängige Arbeitstechnik. Es ist eine sehr alte Handwerkstechnik, mit der sehr feste Bänder von einigen Millimetern bis zu ca. 30 cm Breite hergestellt werden. Diese Bänder werden als Abschlusskanten von Bekleidung, als Gürtel, als Pferdezaumzeug, als Hundeleinen und zu vielem anderen verwendet.

Codex Manesse
Codex Manesse, Tafel 94: Rost, Kirchherr zu Sarnen. Darstellung des Brettchenwebens. (um 1300)

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Typische Brettchen zum Weben.

Bildquelle: Wikipedia
Frühmittelalterlicher Fund aus Augsburg: Webbrettchen; Quelle: Wikipedia

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Eingefädelte Brettchen mit angefangenem Band.

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Weben mit zwei "Brettchen-Päckchen" für aufwendige Mustergestaltung.

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Schluss einlegen und Anschlag mit Schiffchen.

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Ein Beispiel für ein gewebtes Band.

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Vorführung und Erklärung bei einem historischen Fest in Salzburg.

Foto (C) Bocksche Werkstatt
Weben bei einer Veranstaltung in Pappenheim.

Die Technik

Als Webgerät dienen Brettchen, die an den Ecken mit Löchern versehen sind. Die Form der Brettchen ist je nach der Anzahl der Löcher unterschiedlich. Es gab Brettchen mit bis zu 10 Löchern. Brettchen wurden aus Holz, Horn, Knochen, Leder, Elfenbein oder Bronzeblech hergestellt. Heute werden meist quadratische, vierlöcherige Brettchen verwendet.

Üblicherweise wird in jedes Loch ein Kettfaden eingezogen und die Kette dann gespannt. Die Flächen der Brettchen stehen parallel zur Kette. Ein zusammenhängendes Gewebe entsteht dadurch, dass nach jeder Brettchendrehung um 90 Grad (= ein Loch weiter) ein Schussfaden durch das neu entstandene Webfach geführt wird. Er hält nur die Verschnürungen der Kettfäden fest und wird selbst, außer bei Spezialtechniken, nicht im Gewebe sichtbar.

Ein Brettchengewebe besteht also aus den nebeneinander liegenden Schnüren, die jedes einzelne Brettchen liefert, und dem verbindenden, quer zur Kette durchgeführten Schussfaden. Aus den im Gewebe mehrfach übereinander liegenden, miteinander verdrehten Kettfäden erklärt sich die besondere Zugfestigkeit und Haltbarkeit der Brettchenbänder.

Die Farbverteilung und die Schrägrichtung der Kettfäden, damit die Musterung des Bandes, sind abhängig vom ursprünglichen Einzug der Kettfäden in die Brettchenlöcher und auch von der jeweiligen Drehrichtung der Brettchen. Dreht man bei mehrfarbig eingefädelten Brettchen alle Brettchen gleich oft in Richtung des entstehenden Gewebes bzw. in Richtung des Kettvorrats, so entstehen regelmäßige. spiegelbildliche Muster, die durch beliebigen Wechsel im Drehrhythmus leicht abzuwandeln sind.

Geschichtliches

Archäologischen Funden entnahm man, dass mit Brettchen gewebte Bänder auch Anfangs-, Seiten- oder Abschlusskanten für Gewebe bildeten, die auf dem Gewichtswebstuhl hergestellt wurden.

Abbildungen in ägyptischen Grabkammern sowie der Fund eines elfenbeinernen Webbrettchens in einem Tempel in Susa führen vielleicht bis ins 3. vorchristliche Jahrtausend zurück. Ein altägyptischer Fund, der so genannte "Ramsesgürtel" (aufbewahrt im Museum in Liverpool) stammt aus etwa 1200 vor Chr. und ist höchstwahrscheinlich in Brettchenwebtechnik hergestellt. Er wurde aus Leinen in den Farben blau, rot, gelb und grün mit Hilfe vier- und fünflöchriger Brettchen gewebt, er hat eine Länge von 515 cm und eine Breite von ca. 13 bis 5 cm (am Ende verschmälert sich das Band).

Aber nicht nur in Ägypten, sondern auch in weiten Teilen Europas geht die Technik der Brettchenweberei sehr weit zurück. Der Fund eines Knochenbrettchens aus einer jungbronzezeitlichen Schicht bei Göttingen ist ein Indiz, dass diese Technik bereits in der Bronzezeit beherrscht wurde.

Ein weiterer Brettchenfund stammt aus Spanien. In einem Grab aus El Cigarralejo (aus dem Anfang des 4.Jh. v. Chr.) wurden neben einer Anfangskante in Brettchenweberei auch Brettchen aus Buchsbaumholz gefunden. Ihre Kantenlänge beträgt 3,0 bzw. 3,5 cm und sie haben 4 Löcher. Gesicherte Textilfunde liegen aus dem 9. Jh. v. Chr. vor (nach M. u. H. Joliet van den Berg).

Besonders reichhaltig mit brettchengewebten Bändern wurde das Grab des Keltenfürsten von Hochdorf (ca. 520 v Chr.) ausgestattet. In diesem Grab sind ungewöhnlich viele Stofffunde erhalten geblieben. Die Borten sind in rot und blau sowohl aus Pflanzenfasern (Hanfbast) als auch aus tierischen Fasern (feine Grundwolle des Dachsfells) hergestellt worden.

Im Thorsberger Moor (Schleswig-Holstein) fand man die Reste eines prachtvollen Mantels, gewebt in Köperbindung, der an allen Seiten mit Brettchenkanten eingefasst war - eine meisterhafte Leistung der Weber des 3./4. Jahrhunderts nach Chr. die es verstanden, zwei sich grundsätzlich voneinander unterscheidende Webtechniken zu verbinden. Die breiteste brettchengewebte Kante war mit 178 Brettchen hergestellt worden, wie Karl Schlabow u. a. durch eine Nachbildung des Webstückes nachwies. Ein einzigartiger Fund stammt aus der Nähe von Oseberg in Norwegen. Hier bargen Archäologen ein begonnenes Band mit 52 Brettchen und eingezogener Kette, das man der "Wikingerkönigin" Asa und ihrer Dienerin um 850 n. Chr. mit in ihr Totenschiff gegeben hatte.

Schmuckbänder in großer Anzahl benötigte das sich ab dem 8. Jh. in Zentraleuropa ausbreitende Christentum. An vielen liturgischen Gewändern sind Brettchengewebe angebracht worden. Bei der priesterlichen Kultgewandung treten sie jedoch auch als Schmuckborten an Manipeln, Stolen und Mitren auf. Häufig sind in diesen Bändern Widmungsinschriften und liturgische Texte eingewebt. Andere zeigen verschiedenartige Ornamentmotive, Tierfiguren, Fabelwesen, geflochtenes Bandwerk, pflanzliche Ranken und geometrische Strukturmuster auf. Gleichzeitig wurden Brettchenwebereien für Schmuck- und Gebrauchszwecke von Angehörigen aller Stände verwendet. Aber nur die prunkvollen Borten, die sorgfältig aufbewahrt wurden, sind bis in die heutige Zeit erhalten geblieben.

Eine der bekanntesten mittelalterlichen Abbildungen über Brettchenweberei stammt aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (besser bekannt als Codex Manesse) auf der Tafel 94. Brettchenbänder des 14./15. Jahrhunderts dienten zunehmend nur noch als Stickuntergrund, und nach dem 15. Jh. verschwand die Brettchenweberei weitgehend.

Mit dem Beginn der Neuzeit stirbt die Technik der Brettchenweberei in Mitteleuropa aus. Diese Webart wurde durch die mechanischen Webtechniken verdrängt. Nur in Island, in Russland und auf dem Balkan erhielten sich Reste der Brettchenweberei bis ins 18. und 19. Jahrhundert, aber in Mitteleuropa war dieses Handwerk ausgestorben. Die Pracht des Mittelalters wurde nie wieder erreicht.

Als Volkskunst im bescheidenen Umfang weiterbetrieben, findet sie sich heute noch in Skandinavien, im europäischen Russland, auf dem Balkan, in der Türkei, im Kaukasus, im Iran, im Nahen und Fernen Osten, in Nordafrika und jetzt auch in Amerika, wo sie wahrscheinlich im vorigen Jahrhundert eingeführt wurde.


Literaturhinweise:

Magarethe Lehmann-Filhes,1901: Ueber Brettchenweben
Karl Schlabow, 1965: Der Thorsberger Prachtmantel
Marga und Heribert Joliet, 1975: Brettchenweben
Otfried Staudigel, 2000: Der Zauber des Brettchenwebens

Über die Autorin:

Mag. Renata Bock studierte in Breslau an der Universität Wroclaw Ur- und Frühgeschichte. Sie verfügt über mehrjährige Erfahrung bei archäologischen Ausgrabungen, Fundbergungen und Restaurierungen in Polen und Österreich. Gemeinsam mit ihrem Mann Friedel Paul Bock betreibt Sie in Oberfellabrunn die 'Bocksche Werkstatt', die sich der Bewahrung und Verbreitung von historischem Handwerk widmet.

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1. Kommentar von Aibon am 16.01.2008 um 01:12

Informativ
Sehr informativ Renata! Toller Artikel. Vor allem der zeitliche Überblick und die Vielfalt der Techniken gibt eine gute Übersicht. Interessant wäre es noch welche Vorrichtungen (Webstühle) es im Laufe der Zeit gegeben hat bzw. typisch waren.

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.


2. Kommentar von ida am 17.01.2008 um 20:36

Webstuhl zum Brettchenweben
Was die Techniken und ihre Vielfalt betrifft, habe mich schon sehr zurückgehalten, sonst würde der Artikel mehrere Seiten haben müssen um alle Techniken wenigstens kurz zu erklären. Webstühle zum Brettchenweben mit historischen Funden belegt, gibt es leider keine, deshalb auch keine Informationen darüber. Die Webstühle, die heute üblicherweise bei Vorführungen verwendet werden, sind moderne Konstruktionen.
Danke Aibon für Dein Lob.
Renata

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