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Spielleute im Mittelalter
Zwischen Verdammnis und Prestigeobjekt
10. 10. 2007 - 11:00 - Michaela Dereani

Fahrende Spielleute bereicherten die Gesellschaft nicht nur mit Musik - sie waren die fahrenden Journalisten ihrer Zeit. Von der Kirche wurden sie verteufelt, von anderen wurden sie reich beschenkt. Dieser Artikel erzählt von ihrem Leben zwischen Verdammnis und Prestigeobjekt.

Bildquelle: Buch Walter Salmen, Der Spielmann im Mittelalter
Doppelflötenbläser, bei der Feier der Schwertleihe des hl. Martin, 1. Hälfte 14. Jh., Fresko von Simone Marini in der Kirche S. Francesco zu Assisi

Bildquelle: Buch Walter Salmen, Der Spielmann im Mittelalter
Tänzerin, 1. Hälfte 14. Jh, 8. Knauf am Chorgestühl im Dom zu Köln

Bildquelle: Buch Walter Salmen, Der Spielmann im Mittelalter
Portativspieler, 14.Jh, Miniatur in Biblia Veteris Tesstamenti, Metropolitana Zagreb

Bildquelle: Buch Walter Salmen, Der Spielmann im Mittelalter
Moriskentänzer, um 1500, süddeutsche Federzeichnung (10,6 x 14,7 cm), Kufersichkabinett des Kunstmuseums Basel, Inv. Nr. U. VII. 54

Spielleute und der Teufel

Die Namen, die den fahrenden Spielleuten gegeben wurden drücken das aus, was die Kirche von ihnen hielt – sie sind „des tuivels blâsbelge“, „des Teufels Lockvögel“, „des tiuvels messener“. Der Tanz wurde ebenso verdammt als des „tuivels sprung“. Paradoxerweise ist Tanz im Himmel als „gaudium celeste“ (himmlische Freuden) zulässig. In einem geistlichen Lied des 14. Jahrhunderts fidelt und pfeift Christus und schlägt sogar als Tanzmeister die Trommel. Dennoch – es herrscht Erbfeindschaft zwischen Kirche und Spielmann. Spielleute waren unliebsame Konkurrenten. Sie warben zur gleichen Stund wie die Predigt um Zuhörer. Zuweilen wurde von Spielleuten auch Zauberei und Wahrsagung ausgeübt. Sie waren Repräsentant des altgermanischen heidnischen Sing- und Musiziererbes. Heidnische Heldengesänge und Gebet lagen so in heftiger Fehde.

Die ablehnende Grundeinstellung des Mittelstandes hatte reale Folgen für die Spielleute. Fahrende Musiker waren ständelos und vogelfrei. Als Fahrende waren sie der Willkür des Stärkeren schutzlos ausgeliefert, denn „spielmann sin, das ist unreht leben!“. Spielleute waren sozusagen Freiwild für jedermann. Im 16. Jahrhundert wurden in England Leichname von Spielleuten nicht in gesegneten Grabstätten sondern auf freiem Felde verscharrt - dazu ein Spruch von Hans Sachs:

"Stolp, stolp, stölperlein, da wird ein Pfeifer begraben sein."

Den Straßenräubern und Mörden gleichgestellt konnten „spiellut nicht zeugen seyn“ und als Kläger vor Gericht auftreten. Trotz dieses Rechtsgrundsatzes sind Spielleute als Zeugen in Rechtssachen nachweisbar.

Unentbehrliche Rolle in der Gesellschaft

Das Paradoxon geht weiter – denn in der Gesellschaft waren sie trotz des schlechten Ansehens unentbehrlich. Spielleute waren im Mittelalter das, was für uns heute Fernsehen und Radio ist. Sie befriedigten die Schau- Hör- Lach- und Bewegungslust und waren durch ihre Reisen leicht bewegliche Journalisten, Boten und Kundschafter. Ins kaiserliche Heer gehörten Trompeter, Pfeiffer und Trommler um ermutigend in die Schlacht voraus zu singen und zu spielen. Spielmänner waren gern gesehen bei langen Reisen, Wanderungen, festlichen Essen, Baden und selbst der Kirchengang wurde mit Musik vollzogen. Sie waren willkommen in der Kindbettstube, bei Hochzeiten, am Sterbebett, in der Werkstatt des Handwerkers, bei der Arbeit der Bauern, in Burgen und Schlössern. Dort sorgten sie für Kurzewile und Gaudium.

Man stelle sich vor, dass alle Belehrungen und Verteufelungen nichts nutzten. Selbst in Bischofsburgen und Klöstern wurden Gastmahle mit Gesängen und spielmännischen Instrumentalvorträgen geschmückt – eine Sitte, die über das Mittelalter hinaus den meisten geistlichen Wohnstätten von fürstlichen Gepräge weitergepflegt wurde. Spielleute waren Bestandteil eines vornehmen Mahls. Teilweise wurde dies mit Stillschweigen toleriert, teilweise wurde Exkommunikation angedroht, wenn Spielleuten Geschenke ausgehändigt wurden.

Ab dem 13. Jahrhundert beginnt eine tolerantere Einstellung – es werden einige den Engeln zugebilligten Instrumente toleriert, wie Orgel, Psalterium, Glockenspiel und Posaune. Dies milderte den eingewurzelten Hass. In Florenz hingegen brannten im 14. Jahrhundert Harfen am Scheiterhaufen und selbst im 17. Jahrhundert gilt das anhören alter von Spielleuten vorgetragener Lieder als sündhaft.

Nach dem 13. Jahrhundert gibt es fast keinen römisch-katholischen geistlichen Fürsten in Europa mehr ohne Hof-Spielleute. Auch bei prunkvollen Prozessionen wurden Spielleute bestellt. Der Kurzweil wegen benötigten auch in vielen einsamen Stunden Ehefrauen zu ihrem Privatvergnügen einige „Singvögel“ (Spieler und Tänzer). Zwecks Ansehen konnten reiche Grundbesitzer bei Festivitäten nicht auf Spielleute verzichten.

Durch das Sesshaft-Werden an fürstlichen und adeligen Wohnstätten wurde ein Teil der Spielleute wenigstens einige Monate im Jahr von der Landstraße fern gehalten. Kleider und Wappen mit den Insignien des jeweiligen Herren zeichneten diese gegenüber den übrigen Berufsgenossen aus, was auch in den Augen der Mittelschichten und der Landbevölkerung Eindruck machte.

So entwickelte sich ein recht unterschiedliches Verhältnis zum Spielmann – zum einen Ablehnung, zum anderen Prestigeobjekt.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin ist einer der ersten Scholastiker, welche die Wirklichkeit gerechter beurteilten. So verurteilte er nicht das Gewerbe generell, sondern nur diejenigen, welche es nicht vermögen im Rahmen des sittlich Erlaubten diesem nachzugehen. Er erkannte die Notwendigkeit des Spiels und verteidigte es. Auch Thomas de Cabham, Bischof von Salisburg unterschied zwischen ehrbaren bzw. annehmbaren Fahrenden und solchen, die minder zu achtend sind.

Innerberufliche Unterschiede

Innerberufliche, soziale und individuelle Unterschiede waren erheblich. Folgende Faktoren machen die Rangunterschiede aus und beeinflussen auch die Bezahlung.

Geburt und Herkommen (Adeliger, Gaukler-Sohn)
Besitzverhältnisse (Grundbesitzer, Habenichts)
Bildungsstand (entlaufener Scholar, Analphabet)
Maß des Könnens (technische Beherrschung der Stimme und des Instruments, eigenschöpferisches Vermögen, perfekte Ausbildung oder stümperhafte Bierfiedelei)
Haltung und Charakter (stolz oder liederlich)
Wirkungsort (Hof, Dorf)
Repertoire (Heldenlied, Tanzmusik)

Eine eindeutige Trennung dieses „freien” Berufes von den übrigen ist deswegen nicht möglich, weil viele aus der Musikantentätigkeit einen Nebenberuf machten. So boten sich verschiedene Handwerker im 15. Jahrhundert (z.B. Leineweber, Schuhflicker, Schiffmecher) auch als Pfeifer oder Lautenschlager an. Unter den Spielleuten im Mittelalter gab es arme und reiche. So gab es neben Betterlmusikanten auch Hausbesitzer. Selbst Sklavinnen und Leibdiener tauchten im Gefolge von stolzen hochbezahlten Fahrenden auf.

As blind as a harper

Auf der tiefsten sozialen Stufe stehen die herumsitzenden musizierenden „Dirrlisgiger“ mit Trumscheit, Drehleier oder Dudelsack in zerlumpten Kleidern. Sie sind ungelernte Stümoer, zerbrochene Existenzen. Ein Großteil dieser Bettelmusikanten war blind. Sie saßen oft vor „der handwercks leuten läden“, im „frawenhaus“ oder auf Kirchentreppen. In England waren dies oft Harfner, welche „stories of old time“ vortrugen – daher kommt auch das Sprichwort „as blind as a harper“ (blind wie ein Harfner).

Spielweiber

Spielfrauen (auch Baleresses, Tumbleresses, Jongleresses, Chantaresses, Fidicinas, etc.) wurden teilweise als Vortänzerinnen oder Wahrsagerinnen reich entlohnt. Ihr Ansehen war dennoch extrem gering. Nach Buch III, Artikel 36 des Sachsenspiegels war sogar die Notzucht an fahrenden Weibern straflos gestellt. An Instrumenten spielten sie ab dem 12. Jahrhundert bevorzugt Kastagnetten, Schellenbänder, Drehleier und Schellentrommel. Schautänzerinnen mit akrobatischen Fähigkeiten wanderten von Hof zu Hof. Andalusische Tänzerinnen waren in Paris bekannt.

Künstlernamen

Künstlernamen dienten zur Maskierung von bürgerlicher Herkunft, um bestehende Familienbande zu vergessen oder aber auch um durch fremdartige außergewähliche Namen das Interesse beim Publikum zu wecken. So dienten Künstlernamen quasi als Reklameattribut. Es blieben ihnen aber auch Spott- und Kosewörter als Stempel haften. So hießen Fahrende Spielleute beispielsweise: Suchsbrot, Auf und dahin, Wandervogel, Mayenfogel, Froschmaull, Bomparadach oder Soumerdanze. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wird die Berufsbezeichnung, wie Pfeifer oder Trummenschlager zu einem gängigen Nachnamen.

Kleidung

Die Kleidung der Spielleute war meist auffallend, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. So wird von Spielleuten berichtet, die Federschmuck auf dem Kopf haben, einen kahlgeschorenen Kopf, glattrasierten Bart oder ein bemaltes Gesicht. Spielfrauen mit offenem Haar waren Außenseiterinnen – man denke daran, dass gerade Gebände „in“ waren. Der Farbenreichtum der Kleider war wohl nicht immer gewollt. Es lag vermutlich auch daran, dass Fahrende anzogen, was ihnen schenkfreudige Reiche überließen. Die Farbwahl passte hier zwangsläufig nicht immer zusammen.

Getragenes Gewand an Fahrende zu verschenken war üblich. Der Adel konnte so seine Mildtätigkeit demonstrieren. Es herrschte sozusagen ein Wettbewerb des Schenkens – der Ehre wegen. So trugen Spielleute mal Lumpen wie Bettler, mal Pelze mit Schmuckbehang. Neben grün, blau, gelb und grau war besonders die Farbe rot begehrt. Sie steht für Lebensmut, Kraft und Stolz. Rot ist aber auch reizvoll und werbend. So waren Spielweiber beispielsweise in lange rote Gewänder gekleidet. Tänzerinnen zeigten sich aufreizend in wallenden lockeren Tuniken. Auch Mi-Parti war beliebt – meist Rot/Grün oder Rot/Weiß.

Narr und Spielmann ähneln sich, die Grenzen sind fließend. So trugen beide zwecks Blickfang Schlitzungen im Gewande, Zaddelung und Schellen an Arm und Bein. Für andere Berufe war ein Schellengewand eher verpönt.

Lernen von anderen Völkern

Fahrende Musiker zogen in fremde Lande und waren begierig von fremden Völkern zu lernen und eigene mündliche Traditionen so weit wie möglich zu verbreiten. 1547/48 werden in Emden Spielleute „mit dem Camelthiere“ mit 8 Talern beschenkt. Dies müssen weitgereiste Fahrende gewesen sein, die auch mit dem Orient in Kontakt standen.

Die tägliche Reisegeschwindigkeit betrug in etwa 30 bis 40 km. Zu den Habseligkeiten eines Spielmanns zählte ein kleines Bündel mit notwendigen Utensilien auf dem Rücken, das Instrument in einer Lederhaut verpackt am Sattel oder am Schulterband tragend. Mit den strapazierenden Umständen und ohne ein sicheres warmes Dach über dem Kopf, konnten sich Spielleute glücklich schätzen, wenn sie das 45 Lebensjahr erreichten.

1515 wurde eine Doppelhochzeit zwischen den Enkeln Kaiser Maximilian I und Kindern König Ladislaus von Ungarn gefeiert. Dazu strömten Musiker aus Polen, Böhmen und Ungarn herbei. Selbst Türken und Tartaren erschienen mit asiatischen Instrumenten. Bei solchen Zusammenkünften entstanden die „Newen Zeitungen“ (neue Nachrichten). Es wurden orientalische Instrumente nach Norden weitervermittelt und Tänze und Lieder ausgetauscht.

Während des Hochmittelalters genossen Kaiser Friedrich II in seiner sizilianischen Residenz sowie spanische Herrscher in Kastilien oder Katelonien den Reiz orientalischer Tänzerinnen und Musiker – für Europäer ein fremdartiges Spiel und ungewohnte Tanzformen. Harte langwierige Abwehrkämpfe und religöser Eifer konnten nicht abhalten, dass vorzugsweise sogar Moros (muslimisches Volk) in den Dienst genommen wurden.

Das Instrumentarium wurde außerdem durch Kreuzzüge bereichert. Vornehme Kreuzfahrer nahmen ihre Minéstrels mit in den Orient, von wo sich diese sicherlich manches asiatische Instrument in ihre Heimat überführt haben.

Von einem guten Spielmann verlangte man auf verschiedenen Instrumenten spielen zu können. Außerdem mussten Spielleute ihre Instrumente nicht nur spielen, sondern auch bespannen und teilweise selbst bauen können. Erst in spätmittelalterlichen Städten traten spezialisierte Handwerker als Instrumentenbauer auf.

Über die Autorin:

DI (FH) Michaela Buchhas studierte Engineering für Computer-basiertes Lernen an der Fachhochschule OOE, Standort Hagenberg. Sie ist Mitglied des Vereins Viatoris Vitiosus – die mittelalterlichen Markttreyber und aktiv bei der Handwerksgilde tätig.

Literatur:




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1. Kommentar von Schelmut am 10.10.2007 um 13:07

So sprach der alte Häuptling der Germanen...
Schöner Artikel!

Allerdings halt ich "Sie waren Repräsentant des altgermanischen heidnischen Sing- und Musiziererbes. Heidnische Heldengesänge und Gebet lagen so in heftiger Fehde." für eine etwas gewagte These. Mir ist wohl bewußt, dass es gerade sehr modern ist, überall heidnisch - germanische Wurzeln zu schlagen,  das geschieht aber auch ein wenig inflationär!

Inwieweit in einer durch das Christentum und den Dualismus Himmel-Hölle  dermaßen geprägten Zeit wirklich ausdrücklich heidnische Traditionen bewußt als heidnisch gepflegt wurden, werden wir wohl nie nachvollziehen können.

Für unsere Region böten sich allerdings auch eher die Kelten an und welches heidnische Durcheinander am Donau - Limes geherrscht hat, will ich jetzt überhaupt einmal bei Seite lassen...also allgemein von germanisch-heidnischen Traditionen für das Mittelalter zu sprechen, trifft wenn überhaupt, nur auf ein geografisch engbegrenztes Gebiet zu!

Strenggenommen könnte man mit der gleichen Argumentation auch von "islamischen Sing- und Musiziererbe" sprechen, betrachtet man den intensiven Kulturaustausch im Mittelalter. Nicht wenige Musikinstrumente entstammen arabischen Traditionen...

Aber wie gesagt, schöner Artikel!

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2. Kommentar von Gloria am 11.10.2007 um 17:04

Sehr informativ...
...und, zumindest für mich, umfangreich ausgearbeitet. Einiges davon war noch neu für mich. Klasse Artikel, Michi.
(Aber ich werd dich mal fragen, was ein glattrasierter Bart ist. ;))

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3. Kommentar von Rene am 15.10.2007 um 22:27

Zur Passage über Spielfrauen und den Sachsenspiegel
Mich würde interessieren, wo die Autorin die Aussage über den Sachsenspiegel und die Straffreiheit bei einer Vergewaltigung von Spielfrauen her hat. Diese Aussage ist meiner Ansicht nach so nicht haltbar, da in den Quellen, die ich kenne, das genaue Gegenteil steht.

Zunächst ein Hinweis: Die angegebene Paragraphennummer ist falsch. In Buch 3 Paragraph 36 geht es um Zweikämpfe vor Gericht. Vermutlich sollte es Paragraph 46 heißen und die 3 ist ein Tippfehler.

Aber auch den Inhalt von Paragraph 46 kann man meiner Auffassung nach nicht so interpretieren, wie es im Artikel getan wird. Aber nun kommt es darauf an, welche Version des Sachsenspiegels zu Grunde gelegt wird. Es gibt immerhin mehr als vierhundert erhaltene Fragmente, die sich inhaltlich zum Teil unterscheiden. Ich beziehe mich hier jetzt auf die aktuelle Reclam-Ausgabe und auf das Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Aus letzterem stammen auch die Zitate.

Hier der betreffende Paragraph im Original:
"Ane wergelt sin unechte lute. Doch swer ir einen
wundet oder roubet oder totit oder unechte wip
notiget unde den vride an en brichet, man sal uber en rich-
ten noch vrides rechte. An varnden wiben unde an siner
ameien mag der man not tun unde sinen lip vorwirken,
ab he si ane danc belegit."

Übersetzung nach der Veröffentlichung auf www.sachsenspiegel-online.de:
"Ohne Wergeld sind rechtsunfähige Leute.
Doch wer einen von ihnen verwundet oder ausraubt
oder tötet oder eine rechtsunfähige Frau
vergewaltigt und (so) den Frieden an ihnen bricht,
über den soll man nach Friedensrecht urteilen. An
einer fahrenden Frau und an seiner Geliebten
kann ein Mann Notzucht begehen und sein Leben
verwirken, wenn er sie gegen ihren Willen beschläft."

Der Wortlaut des betreffenden Satzes der Reclam-Ausgabe, der sich auf zwei andere Handschriften stützt, ist fast identisch zu dem des Wolfenbüttlers Exemplars.
Zumindest in diesen beiden Fassungen geht aus dem Text meiner Ansicht nach klar hervor, dass die Vergewaltigung durchaus strafbar war. Wie gesagt, es ist möglich, dass in anderen Versionen etwas anderes steht, aber dann würde ich mir eine genauere Quellenangabe wünschen.

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4. Kommentar von Skima am 16.10.2007 um 22:37

Danke...
... für die Info. Schön, dass den Lesern kein Detail entgeht :)
Werde bei Gelegenheit nochmal in meinen Quellen nachlesen - vielleicht habe ich etwas anders interpretiert. Kann aber etwas dauern... bin momentan ständig unterwegs. Ich bitte um Geduld.

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5. Kommentar von Skima am 23.10.2007 um 12:24

Straflose Notzucht
Zitat aus Salmen, Walter: Der Spielmann im Mittelalter. Innsbruck, 1983, S.52:

>>An Fahrenden Weibern war nach Buch III, Artikel 36 des Sachsenspiegels die straflose Notzucht erlaubt, das Passauer Stadrecht von 1225 bestimmte in Artikel 36: "Swer varund volkch, daz guet fur er nimt, schilt oder sleht, daz daz bluht niht fur chumt und niht toettet, der ein gesezzner man ist, der ist dem Rihtaer niht dar umb schuldich".<<

Ich muss zugeben, dass ich mich hier auf die Angaben von Salmen verlassen habe (ich weiß, nicht sehr wissenschaftlich...).

René hat hier einen Tippfehler aufgedeckt. Zusätzlich wird klar, dass der Text das Gegenteil bedeutet, wenn man im Sachsenspiegel Buch 3, Artikel 46 die Zeile weiter liest und einmal umblättert. Wenn ich die digitalisierte Handschrift betrachte, fällt es mir aber auch schwer die Zeichen genau zu deuten. Glücklicherweise gibt es aber die Transkription bei Sachsenspiegel-Online. Wer fahrende Frauen gegen ihren Willen nimmt, wird also mit dem Tode bestraft - Das ist eine gute Nachricht

Was das Passauer Stadtrecht betrifft: Online bin ich nicht fündig geworden, es wäre aber möglich das Buch über Fernleihe zu bekommen (A. Maidhof: Das Passauer Stadtrecht. Ein Beitrag zur bairisch-österreichischen Rechts- und Kulturgeschichte, Passau 1927). Ob darin auch etwas über Notzucht geschrieben steht, wäre zu überprüfen. Interessant wäre hier beispielsweise auch Freiherr von Freyberg: Sammlung historischer Schriften und Urkunden.

Aus verschiedenen Gründen kann ich mich derzeit leider nicht weiter ins Quellstudium vertiefen, obwohl die Rechtslage von Spielleuten ein sehr spannendes Thema ist.

Danke nochmal an René für den Hinweis!

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