huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden
Public Domain / Georg Matthäus Vischer 1674
Der "Vischer Stich" aus dem Jahr 1674 zeigt die ehemalige Größe der Gesamtanlage. Die Mauerfunde sind dahingehend nicht als Überraschung zu deklarieren. Rot hervorgehobene Teile entsprechen in etwa der bislang bekannten, überirdisch erhaltenen Substanz (einige Gebäude sind im Hintergrund verborgen).

(C) Florian Machl
Nur höchstens 25% des ehemaligen Renaissanceschlosses sind derzeit überirdisch als Ruine erhalten.

Oberösterreichisches Burgenmuseum
Auf der Visualisierung der Betreibergesellschaft sieht man, wie das Burgmuseum architektonisch sanft und gefällig in den Hang integriert werden soll. Überall dort fand man jetzt hochaufragende Mauerreste verschiedener Bauphasen.

(C) Florian Machl
Archäologe Mag. Bernhard Leingartner (2. v. l.) führte unseren Redakteur stundenlang über das Gelände. Mit voreiligen Befunden ist er vorsichtig - was einen seriösen Wissenschaftler auszeichnet.

(C) Florian Machl
Viele der Mauerstücke auf einen Blick. Genau hier soll das Burgmuseum entstehen. Derzeit wird umgeplant. Das gefundene Mauerwerk soll in den Neubau integriert und somit erhalten werden.

(C) Florian Machl
Rätselhaft. Diesem höchstens 1m hohen Bauwerk, innen als Gewölbe ausgeführt, kann man bislang keine Funktion zuordnen.

(C) Florian Machl
Im Detail liegt die Freude des Archäologen. Diese Ziegel sind untypisch für die Anlage, da sie Einschlüsse aufweisen, die hier nirgendwo sonst gefunden wurden.

(C) Florian Machl
Bis hierher und nicht weiter. Der aktuelle Plan sieht vor, nicht weiter in die Tiefe zu graben. Dabei liegt auf der Hand, dass hier unter meterhohen Erdmassen noch vieles zu entdecken ist. Im Bild der obere Rand eines Torbogens, der später mittels eingefügter Ziegel niedriger gestaltet wurde.

(C) Florian Machl
Zwischen der massiven Außenmauer und einer Innenmauer wurde gut 6m in die Tiefe gegraben. Die Löcher in der Wand (rechts) können Gerüstlöcher aber auch die Löcher ehemaliger Tragbalken für Fußböden gewesen sein. Die Mauer links steht im hinteren Teil auf blankem Granitfelsen. Die endgültige Tiefe wurde hier noch nicht ergraben.

(C) Florian Machl
Diese Szenerie, so der ORF Bericht, stünde für "eine Burganlage unter der Burg". Tatsächlich kann mit großer Sicherheit angenommen werden, dass es sich um Bauteile des jüngsten Bauabschnittes handelt, die dem Vischer Stich an dieser Position durchaus entnehmbar sind. Sie ähneln in der Bauweise dem überirdisch erhaltenen Gemäuer.

(C) Florian Machl
Bildbeweis: Rundbögen aus dem obersten erhaltenen Teil der Ruine.


Vielfältige Mauerfunde auf Burgruine Reichenstein
Archäologische Grabung wird zum Politikum
Florian Machl
23.05.2012 21:10

Fotogalerie

Fotogalerie

Auf Burgruine Reichenstein entsteht derzeit für ein Planbudget von 1,67 Millionen Euro das Oberösterreichische Burgenmuseum, dessen Dauerausstellung die Zeit vom 11. bis zum 17. Jahrhundert abdecken soll. Das ehrgeizige Projekt wurde so konzipiert, dass eine Fertigstellung bis April 2013 möglich ist – dem Beginn der OÖ Landesausstellung dieses Jahres, die in mehreren Gemeinden der Region Schwerpunkte setzt. Dies bedeutet Terminstress. Die beim Bau entdeckten, weitläufigen Mauerfunde sind zweifelsfrei spannend. Über ihr "unerwartetes Auftauchen" aber auch den vermeintlichen "Sensationsgehalt" kann man jedoch streiten. Außer Streit hingegen steht das Interesse der Gemeinde, den Baufortschritt nicht zu verschleppen. Ein Spannungsfeld ist daher logisch: Zwischen den Interessen der Archäologie, vertreten durch das BDA auf der einen Seite – sowie der nachvollziehbaren Motivation, ein attraktives Museum bieten zu können auf der anderen Seite.

„Schau, wir haben wieder was g’fundn.“ Der Archäologe vor Ort, Mag. Bernhard Leingartner, wird gerufen. Der Mitarbeiter der ARDIG (Archäologischer Dienst) GmbH untersucht im Auftrag der OÖ Burgenmuseum Reichenstein GmbH alle Funde. Und tatsächlich, unter den Schuttbergen waren mehrere Meter perfekt erhaltene Wand freigelegt worden, knapp sichtbar ist die Oberkante eines großen, aus Ziegeln gemauerten Bogens. Solche Rundbögen waren auch am Bild sichtbar, das am Vortag vom ORF publiziert wurde. „Sensationell“ seien die Funde, so zitierte man das Bundesdenkmalamt. Überraschend wäre es gewesen, dass Mauern und Turmreste zum Vorschein gekommen wären. Dabei wären Entdeckungen aus der Zeit der ersten bekannten Burg aus dem 12. Jahrhundert denkbar, so weit der Bericht.

Gefundene Bausubstanz hätte nicht überraschen müssen

Freilich, wer sich mit der Geschichte der Burg auseinandergesetzt hat, muss bei so vielen Superlativen hellhörig werden. Zum Ersten – und es könnte das Projektmanagement schmerzen, dies lesen zu müssen – sind die Funde weder als Überraschung, noch als sonderlich unerwartet einzustufen. Die Anlage Reichenstein als monumentales Renaissanceschloss ist von einem Stich des Georg Matthäus Vischer aus dem Jahr 1674 bestens bekannt. Von der darauf abgebildeten Bausubstanz sind heute vielleicht noch 25% als Ruine erhalten. Dass der Rest der einst bis zu sieben Stockwerke aufragenden Burg irgendwo unter dem Boden liegen muss, hätte man durchaus vermuten dürfen. Somit ist auch die „Sensation“ mit Vorsicht zu genießen, da Teile der ausgegrabenen Bausubstanz ohne Probleme schon auf den ersten Blick mit den noch erhaltenen, überirdischen Teilen übereinstimmen. Die Behauptung, eine "Burg unter der Burg" wäre gefunden worden, ist somit höchst unpräzise und verspricht etwas mehr als zu halten ist - auch wenn die gefundenen Mauerreste natürlich "unter" dem Bodenniveau lagen.

Über die Geschichte der Burg ist wenig bekannt

Freilich, fast unter jeder Burg liegen ein älteres Gebäude oder zumindest Reste früherer Baustufen verborgen. Die Sensation ist derzeit möglicherweise noch von einer meterhohen Erdschicht bedeckt. Und hier beginnt das Politikum, zu dem man geteilter Meinung sein kann – und nach objektiver Betrachtung Sympathien für beide Seiten entwickeln muss. Auch, wenn man die Reichensteiner kennt, die sich durch intensives Interesse an ihrer Geschichte und „ihrer Burg“ auszeichnen. Eine Aussage, die sich auf den gesamten Ortsverbund von Tragwein, zu dem Reichenstein gehört, erstrecken lässt. Das besondere geschichtliche Interesse mag auch daher rühren, dass gerade über die Geschichte der Burg Reichenstein kaum Details bekannt sind.

Erstes Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert

Bekannt ist, dass im 13. Jahrhundert (zur Korrektur der oben stehenden ORF-Behauptung) eine urkundliche Erwähnung eines Ulrich von Reichenstein stattfand. Der Bau der ersten Burganlage wird gemeinhin dann im Laufe des 13. Jahrhunderts ab ca. 1230 angesiedelt. Der Umbau zu einem an seiner Lage gemessen völlig überdimensioniert erscheinenden Prunkschloss erfolgte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Christoph Haym. Dieser presste seine Untertanen bei seinem Bauvorhaben derart aus, dass es zum Reichensteiner Robotaufstand kam. Der Burg- und Bauherr wurde dabei aus dem Hinterhalt erschossen.

Sensationen sind zur Zeit noch unter Erde und Schutt verborgen

Zurück zur potentiellen Sensation. Diese wittert das BDA (Bundesdenkmalamt) vermutlich zu Recht. Denn würde man die Grabung vom heutigen Stand aus fortführen, stieße man mit hoher Chance auch auf Restsubstanz der allerersten Baustufe. Einige bereits jetzt freigelegte Mauern lassen aufgrund der Bauart und der Beschaffenheit des Mörtels vermuten, dass sie zu einer der ersten Baustufen gehören könnten. Freilich, weiterzugraben würde bedeuten, dass sich der Museumsbau verzögern könnte. Der politische Traum einer zeitgerechten Fertigstellung des Oberösterreichischen Burgenmuseums wäre vorerst ausgeträumt. Zwar wird bereits jetzt geplant, die bislang freigelegten Mauerreste in den Museumsbau zu integrieren und somit zu erhalten, aber es muss klar sein: Alles was unter dem jetzigen Bodenniveau liegt, bliebe dem Auge des Archäologen so lange verborgen, bis das Museum irgendwann wieder abgerissen wird. Denn steht es einmal, sind all die Fundschichten, Mauerreste und sonstigen Schätze, welche die Erde noch beinhalten könnte, fürs Erste ziemlich endgültig versiegelt.

Begehrlichkeiten nach weiteren Grabungen mehr als verständlich

Somit ist verständlich, dass das BDA sich mit einer Eilmeldung voll großer Sensationen an die Medien wandte, die einer genaueren Prüfung nicht standhalten kann. Der Hintergrund ist wohl darin zu verorten, politischen wie auch öffentlichen Rückhalt für weitere, tiefer gehende Ausgrabungen zu erhalten. Das bringt die Reichensteiner vor Ort in ein großes Dilemma – denn einerseits wären sie natürlich mehr als interessiert, mehr über ihre eigene Geschichte zu lernen – andererseits sieht man das Burgenmuseum als einen unschätzbar wertvollen Kulturimpuls für die gesamte Region an. Man hat große Pläne, viele Arbeitsplätze wie auch Umwegrentabilitäten hängen davon ab. Schon jetzt muss das Budget um geschätzte 200.000 Euro aufgestockt werden, um die Erhaltung und Integration der bisherigen Funde zu ermöglichen. Wer deckt die Kosten dieses Fasses ohne Boden, das sich hier definitiv noch auftun wird, wenn man die Grabung weiter vorantreibt? Aber wäre es andererseits nicht auch ein Hohn, auf die genaue Erforschung des Areals zu verzichten, auf das Oberösterreichs wichtigstes Burgenmuseum erbaut werden soll?

Was tatsächlich gefunden wurde

Zu all diesen Themen äußerte sich Mag. Leingartner nicht, der den Redakteur mehrere Stunden lang zuvorkommend über das weitläufige Grabungsareal führte. Es ist faszinierend: Eine so große Grabungsfläche, durchzogen von verschiedensten Burgmauern unterschiedlicher Jahrhunderte, bekommt man selten zu Gesicht. Auch ohne „Sensation“ ist dieser Grabungsort einmalig. Der seriöse Archäologe verkneift sich auch jeglichen vorschnellen Befund. Nur wenn etwas klar ersichtlich ist, weist er darauf hin – wie beispielsweise auf einen Brandbelag mit vielen Kohleresten auf einem ehemaligen Ziegelfußboden. Hier könnte einmal eine Brandkatastrophe gewütet haben, die das entsprechende Areal flächig verwüstet hat, das würde bei genauer Betrachtung vielleicht nachweisbar sein.

Zusammenhängende Mauerabschnitte identifizierbar

Genau weist er auf Ähnlichkeiten mancher Mauern hin, die im endgültigen Befund vermutlich zu einem Bauabschnitt gezählt werden können. Dazwischen immer wieder hochinteressante Mauerreste, die möglicherweise aus früheren Etappen stammen dürften. Hier ist der Mörtel locker, dort fest, hier weist er eher eine gelbliche Tönung auf, dort eine weiße. Hier wurden große Steinblöcke verwendet, dort ein völlig anders zusammengesetzter Granit und wieder anderswo gebrannte Ziegeln. Spannend sind dabei Ziegelfunde, die nicht zu allen anderen bekannten Ziegeln des Bauwerks passen wollen. Sie zeichnen sich durch Einschlüsse aus.

Gewölbe mit rätselhafter Funktion

Sehr interessant ist auch ein abgeschlossenes Gewölbe, das wohl etwa einen Meter Höhe aufweist. Nach oben hin gibt es zwei Löcher unbekannter Funktion. Nichts an dem Fund, der inzwischen auch innen unter großen Mühen vollständig freigelegt wurde weist auf den Verwendungszweck hin. Nutzung zur Beheizung erscheint aufgrund fehlender Feuerspuren unwahrscheinlich, ein Wasserspeicher dürfte wegen fehlender Isolierschichten an den Mauern auszuschließen sein. Und so hat man auch sein erstes archäologisches Rätsel inmitten vieler massiver Außenmauern, deren Funktion zweifelsfrei klar ist.

Zwischenraum zwischen zwei Mauern auf mindestens 6m Höhe freigelegt

An einer Stelle teilt der Redakteur die Schlussfolgerungen des Archäologen nicht, denn eine vielleicht auf sechs bis acht Metern erhaltene Außenmauer, der gegenüber in zwei bis drei Metern Entfernung teils blanker Granitfelsen, teils eine Innenmauer liegt, weist viele Balkenlöcher auf. Waren dies bloß Gerüstlöcher oder kann man von mindestens zwei Zwischenebenen ausgehen? Der Redakteur denkt an diese Variante, auch wenn das bedeuten würde, dass diese sehr großen Räumlichkeiten keine Fenster gehabt hätten. Denn sehr wohl finden sich an der gegenüberliegenden Seite einige passende Balkenlöcher als auch massive Mauersimse. Doch der interessierte Laie soll sich keinesfalls anmaßen, über Befunde zu streiten, dazu reicht das Wissen gewiss nicht aus. Er freut sich vielmehr darauf, was die Untersuchungen und umfangreichen Dokumentationen ergeben werden. Auch die Ergebnisse aus den Scherben- und Metallfunden aus den Bodenschichten werden interessante Aufschlüsse hinsichtlich der zeitlichen Datierung erlauben.

Beeindruckende Grabungsarbeiten – auf eine für alle zufriedenstellende Lösung darf gehofft werden

Schlussendlich soll man nicht unzufrieden sein. Was bislang vom archäologischen Dienst geleistet wurde, ist großartig. Schon die versprochene Erhaltung dieser Substanz für die interessierte Nachwelt ist viel mehr, als man bis Baubeginn vorweisen konnte. Natürlich ist aber jegliche Neugier verständlich, den Dingen jetzt vollständig auf den Grund zu gehen, solange dies noch möglich ist. Es bleibt zu hoffen, dass man in Reichenstein einen Weg findet, der alle beteiligten Interessen entsprechend bedient. Auf das Burgenmuseum selbst freut sich wohl jeder Mittelalter- und Burgen-Begeisterte im Inland – und darüber hinaus.


Weiterführende Links:




Miroque - das Magazin



Isi's Spezereyen

Fantasy Flagship

Kultur- und Veranstaltungsgemeinschaft Eulenspiel

Huscarl Diskussionsforen


Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:




Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.