Reise zum Fest Azincourt 2009
Teil 4: Fest und Schlacht in Azincourt
2. 12. 2009 - 22:30
Walter Herdin
Der vierte Teil des Reiseberichtes beschreibt unsere Eindrücke und Erlebnisse am Ziel unserer Reise: am Wochenende des Festes und der Feldschlacht in Azincourt, dem 25. und 26. 7. 2009. Am Samstag war dieses Fest noch nicht für unbeteiligtes Publikum geöffnet. Am Sonntag wurden Zuschauer unterhalten. Diese beeindruckende Veranstaltung war Wegstrecken und Mühen wert.
Tag 7
Azincourt - Die Schlacht - erster Tag
Der Markt
Der Höhepunkt der Reise war gekommen. Allerdings wurde der Tag erst später begonnen, da wir uns zuvor richtig ausschliefen. Nach dem Mittagessen ging es auf den kleinen aber feinen Markt, wo ausgiebig neue Ausrüstung gekauft oder zumindest beim Begutachten davon geträumt wurde. Es fällt schwer, hier nicht jeden einzelnen Händler gesondert aufzuzählen und von den feilgebotenen Waren zu schwärmen. Bei einem kann ich es jedoch nicht lassen und zwar beim niederländischen Händler Fairbow. Die hier gesehene Auswahl an Bögen, davon etliche Echtholz-Eibenbögen, bei denen auch ein paar richtige s.g. "Charakterbögen" dabei waren hat wohl jeden vorbeigehenden Bogenschützen angezogen und zumindest kurz über seine finanziellen Möglichkeiten nachdenken lassen. Mit Preisen in der Gegend 500-800 Euros für die besseren Modelle war das doch schon eine etwas größere Investition. Doch solche Überlegungen wurden wohl auch bei fast allen anderen Ständen hervorgerufen. Auch das Handwerk kam nicht zu kurz. Am unteren Ende der Händlermeile zeigten Handwerker kunstvolle Schnitztechniken und Lederarbeiten.
Donnerbalken
Immer wieder kommen wir auf ein Thema zurück, die Toiletten. Am Festgelände von Azincourt sucht man vergeblich nach Dixiklos oder Klowagenanhängern. Selbst der Nase kann man nicht trauen wenn es um das Aufspüren des Aborts geht. Doch was sind diese vier leicht windschiefen alten Holzteile mit Herzchen in der Tür dort? Richtig, das sind Plumpsklos. Mit Brettern, die mit genug Abstand zusammengenagelt wurden, sodass gerade noch genug Licht ins Innere durchdrang. Eine einfaches, ungeschliffenes Brett mit einem Loch in der Mitte bildete die Sitzfläche. An der Wand hing ein Zettel mit der Anleitung. Hier konnte man in mehreren Sprachen lesen, wie das Ganze funktionierte. Unter dem Loch war ein großer Plastiktopf und im "Scheißhäuschen" lag ein großer Sack mit Sägespänen und zugehörigem Schäufelchen. Nach dem Geschäft, ob groß oder klein, ein paar Schäufelchen Sägespäne darauf und schon war man fertig. Das Endprodukt wird später zu Humus verarbeitet. Das Ganze stank selbst nach dem vierten Tag der Anwesenheit so gut wie gar nicht. Wasser zum Hände waschen hatten die meisten Gruppen ohnehin im Lager bzw. war auf dem Festgelände, etwas abseits, gut zugänglich. Für diejenigen, die jedoch auf eine Wasserspülung nicht verzichten konnten, gab es jedoch im Eingangsbereich zusätzliche Klos, welche jedoch allesamt nur Hockklos oder Klos mit fehlender Klobrille sind.
Die Schlacht
Wir waren aber nicht hier um die Klos zu beurteilen, sondern um an der diesjährigen Gedenkschlacht teilzunehmen. Am Samstag war das Gelände generell nur für Mitwirkende geöffnet und so fand auch die Schlacht ohne große Zuschauermassen statt. Unter den Rüstungen der Teilnehmer waren Modellen vom 12. bis ins 16. Jahrhundert vertreten, wobei ein deutlicher Fokus auf Rüstungen des 15. Jahrhunderts lag. In den nächsten Jahren soll dies laut dem Veranstalterteam noch weiter forciert werden, sodass bald ein einheitliches Rüstungsbild nach dem Stil des 15. Jahrhunderts vorherrscht. Bei Prima Nocte wird bereits von einzelnen Mitgliedern an einer Zweitdarstellung zu diesem Zweck gearbeitet. Schade jedoch, dass es außer den Söldnern zu Graetz keine Gruppen, welche diese Darstellung als Hauptdarstellung verfolgen, bis nach Azincourt geschafft haben. Leidet Österreich hier etwas unter Prophetenmangel?
Es wird ernst
Jedenfalls ging es am frühen Abend, als die Temperaturen wieder etwas rüstungstauglicher wurden, aufs Schlachtfeld. Zuvor wurde natürlich im Laufe des Tages an jedem Teilnehmer eine Waffen- und Rüstungskontrolle durchgeführt, Bögen erhielten rote Stoffstreifen zur Markierung. Die in Azincourt verwendeten Pfeile sind s.g. Bluntpfeile. Im Gegensatz zu den s.g. LARP Pfeilen mit ihren mehr als 5cm großen, weichen Schaumgummibommeln besitzen Bluntpfeile lediglich einen etwa 2-3 cm breiten Kopf aus Gummi. Dieser hat den Vorteil, dass der Pfeil sich in seinen Flugeigenschaften kaum von einem Pfeil mit Metallspitze unterscheidet und auch optisch besser aussieht. Das Einsetzen dieser Pfeilspitzen in Azincourt sowohl im ballistischen als auch im direkten Schuss zeigt, dass bei angemessenem schweren Rüstschutz und beidseitiger Vernunft bei Schütze und Beschossenem Verletzungen unwahrscheinlich sind. Dies kann jedoch nur möglich sein, wenn der Schütze über seine Ausrüstung Bescheid weiß und die Qualität derselben passt. Das unbestreitbare Risiko dieser Pfeile im Vergleich zu den Bommelpfeilen ist fraglos, dass kein Schutz vor einem Eindringen in eine Augenhöhle besteht und dementsprechender Rüstschutz notwendig ist.
Die Heere beziehen Position
Auf der einen Seite stand bereits das französische Heer in Position, aus dem optisch besonders die Herren mit dem im Gelb gehaltenen Wappen, "La Guerre des Couronnes" herausstachen. Diese sah man tagsüber schon Formationstrainings absolvieren und sie sollen hier später noch weitere Erwähnung finden. Auf der anderen Seite marschierten die Briten auf, ausgezeichnet durch jede Menge Bogenschützen, welche vielfach Ihre Zeige- und Mittelfinger spöttisch Richtung französische Seite zeigten. Zur Erklärung: der Ursprung des heutigen Victory- oder Peace Fingerzeichens, das Spreizen des Zeige- und Mittelfingers bei gleichzeitigem Anlegen der restlichen Finger hat wahrscheinlich seinen Ursprung in dieser Handbewegung. Es war ein Ausdruck des Spottes der Bogenschützen, die Ihren Feinden zeigten, dass sie ihre beiden Finger, welche für das Bogenschießen nötig waren, noch besaßen. Es war zeitweise üblich, gefangenen Bogenschützen diese Finger abzutrennen.
Auf gehts
Nach letzten Anweisungen ging es dann los. Exklusiv für Huscarl.at hatte der Autor die Möglichkeit, direkt auf dem Schlachtfeld Bilder des Geschehens zu schießen. Vor der eigentlichen Schlacht wurde in kleinem Rahmen in der Mitte des Schlachtfeldes verhandelt. Hier kam es, wie wir das ja kennen, auch zu aggressiven Verhandlungstaktiken mit dem Schwert. Nachdem aber selbst nach gespielter Verletzung eines Beteiligten und sogleich humoristischem Abtransportieren des selbigen auf einer Schubkarre keine Einigung erzielt werden konnte flogen schon die ersten Pfeilsalven in Richtung französisches Lager. Auch der kleine Tribok verschoss Salatköpfe (mit aufgemaltem Smileygesicht und wallender Perücke) und die Kanone feuerte. Der Einschlag der Kanonenkugel wurde am anderen Ende des Schlachtfeldes mit pyrotechnischen Sprengsätzen in einem kleinen, abgesperrten Bereich simuliert.
Als nächstes folgte das Einsammeln der Pfeile. Dies wurde vor allem durch eigene Sammler durchgeführt. Wie anderorts schon vorgekommen sein soll, wurde hier nicht versucht, die teils sehr teuren Pfeile während der Schlacht absichtlich zu zertreten. In Azincourt kam es auch nicht zu Vorfällen wie unerwartetem Pfeilbeschuss des Lagerbereiches, was wohl an der Erfahrung oder Disziplin der Schützen liegen dürfte.
Zeit für das Spiel mit den Klingen
Nachdem das Schlachtfeld wieder frei von Pfeilen war, begannen sich nach Kommando der "Officers" und "Marshalls", welche Teil des Veranstalterteams waren und einen Überblick auf Ablauf, Fairness und Sicherheit hatten, die ersten Nahkampftruppen zu bewegen. Der erste Aufprall wirkte zwar motiviert, aber dennoch etwas zaghaft. Dies änderte sich mit den weiteren Durchgängen. Vollkontakt und Infight waren in Azincourt ausdrücklich erlaubt, nur das Stechen war wie üblich verboten. Die Schlacht lief nicht nach Trefferpunkten sondern nach Selbsteinschätzung ab. Die bekannten Stangenwaffen mit alles vernichtenden Köpfen gab es daher nicht, sodass ein guter Schwert-Schildblock auch problemlos einen Stangenblock bekämpfen konnte. Gekämpft wurde prinzipiell nach einer, je nach Rüstungsausstattung, drei-Treffer-Regelung, bei der jedoch selbst bewertet wird ob Treffer Wirkungstreffer oder nur Berührungen sind. Somit wird das Schlachtgeschehen um einiges dynamischer und glaubhafter und auch das Publikum hat mehr davon als bei einer 1-Treffer-Tod Regelung. Die "Toten" blieben nach dem Tod mindestens 60 sekunden liegen oder liegen so lange bis ihnen von einem Gefährten oder Officers aufgeholfen wird und sie in die eigenen Schlachtreihen zurück geführt werden. Teilweise wurde dies auch mit schauspielerischem Humpeln o.ä. untermalt.
Die Schlacht läuft
In den Pausen der einzelnen Nahkampf-Auseinandersetzungen wurden immer wieder Pfeilsalven, teilweise mit Schilden abgefangen, abgefeuert, Tribok-Salatköpfe verteilt und Kanonen-Pyrotechnik eingesetzt. Auch wurden immer wieder kurze Pausen für einzelne Blöcke ermöglicht, sodass diese von den Wasserträgerinnen mit erfrischendem Nass versorgt werden konnten. Diese wurden im Vorfeld ausdrücklich unterwiesen, die Kämpfer zum Trinken zu "zwingen", da bisher wohl jedes Jahr der eine oder andere einen Kreislaufzusammenbruch erlitt. Dem Autor ist diesbezüglich jedoch dieses Jahr nichts aufgefallen. Kleinere Blessuren, wie eine blutige Lippe waren kein Problem: Man klopfte sich auf die Schulter und umarmte sich. Für Kämpfer, die keine Verletzung riskieren wollten, gab es in Azincourt einen eigenen Block: Hinter der Absperrung im Publikumsblock. Für alle anderen war, neben dem Sanitätsteam, im Veranstalterteam ein eigener Chirurg anwesend, welcher kleinere und größere Verletzungen behandeln konnte. Zum Glück sind kaum Verletzungen aufgetreten, der Autor hat jedoch gerüchteweise von einem Fingerbruch gehört, welcher im Schlachtgetümmel natürlich leicht vorkommen kann.
Die Schlacht ist gewonnen
Im Andenken an die historische Schlacht sahen sich die letzten Reste des französischen Blocks am Schluss von einer deutlichen Mehrheit englischer Langbogenschützen umgeben, welche derSchlacht im Direktschuss das endgültige Aus setzten. Doch auch wenn alle Kämpfer gefallen und nichts mehr abzuschießen oder zu bekämpfen war fehlte noch eines: Als das Geschehen von den Officers offiziell beendet wurde nahmen sich die meisten Kämpfer trotz Hitze, Anstrengung und Schweiß die Zeit, um sich persönlich von ihren Kampfkameraden zu verabschieden und ihnen zum guten Kampf zu gratulieren. Auch die eine oder andere Tanzeinlage konnte beobachtet werden. Es war deutlich spürbar, dass die Schlacht allen Beteiligten Spaß gemacht hat.
Der Tag geht zur Neige
Der Abend verlief recht ruhig, die meisten Gruppen bestanden aus Kämpfern, welche nach der Schlacht natürlich dementsprechend müde waren. In den Lagern wurde zu Abend gegessen, über die Schlacht und allerlei diskutiert und auch am Markt wurden langsam die Stände geschlossen. Manch Lagerfeuer brannte zwecks Besuch von anderen Gruppen an diesem Abend wohl auch ein wenig länger.
Bis irgendwann die Trommeln einsetzten. Mitten in den Lagern hatten anscheinend ein Paar Trommelbegeisterte das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und lärmten bis nach Mitternacht mit nicht sonderlich künstlerisch wertvollem Trommelwirbel. Auch mehrmalige Rufe, dass sie endlich Ruhe einkehren lassen sollten, da bereits einige erschöpft in den Betten lagen, trafen nicht auf offene Ohren, die Unbekannten brockten sich den Unmut einiger Gruppen ein. Erst ein Gespräch der Organisation mit den Musikern dürfte ihnen klar gemacht haben, dass Partylautstärke nur bis zu einer gewissen Uhrzeit sinnvoll ist. Ein rascheres Eingreifen der Organisation wäre in zukünftigen Fällen sicher wünschenswert, bei Gruppen aus fremden Ländern wollte jedenfalls niemand als Spaßbremse dastehen...
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Tag 8
Azincourt - Die Schlacht - zweiter Tag
Guten Morgen
Etwas unausgeschlafen ging der Tag früh los, Besucher beobachteten bereits, wie das Frühstück eingenommen wurde. Die Lagerfläche war jedoch durch Seile und Metallzäune vom Besucherbereich getrennt, weshalb von uns nach dem Verschließen des Lagers die erste Reitereivorführung ausgelassen wurde, stattdessen besuchten wir das örtliche Museum zur Schlacht von Azincourt. Der Rundgang beanspruchte den gesamten Vormittag und ist sehr empfehlenswert. In diesem Museum wurde versucht, den Besuchern ein lebendiges Gefühl davon zu geben, wie es in der berühmten Schlacht gewesen sein muss. Angefangen von Helmhälften, in die man den Kopf stecken kann, um zu sehen wieviel man in welcher Helmart sieht, über die Simulation des Bogenzugs bis zu über den Köpfen hinweg "fliegend" befestigten Pfeilen bot das Museum einen sehr interaktiven Zugang zur Materie.
Zurück am Festgelände fanden wir die Gastronomie im Eingangsbereich fleißig am Werken. Es wurden eigens zwei Megagriller Marke Eigenbau für Grillfleisch aufgebaut. Dazu gab es leider nur längsgeschnittene Ritterknollen, auch bekannt als Pommes Frittes oder French Fries. Wir aßen eine Kleinigkeit im Lager und am frühen Nachmittag startete auch schon das zweite Reitturnier.
Hier zeigten die Reiter der großen und prunkvoll ausgestatteten Pferde ihr Können beim Bekämpfen verschiedener Ziele mit diversen Waffen sowie dem Tjost. Hier war auch der erste und zum Glück einzige und glimpflich verlaufende Kreislaufzusammenbruch zu verzeichnen. Einer der Reiter fiel nach einem Tjostritt vom Pferd. Nach einer mehrminütigen, sofortigen Pause konnte das Turnier, nun allerdings ohne den besagten Reiter, zur Freude des Publikums zu Ende geführt werden.
Schlacht, die 2te
Am frühen Abend begann man in den Lagern wieder die Kämpfer zu rüsten. Der zweite Durchgang der Schlacht stand bevor. Heute wurde das Geschehen durch einen Kommentator, welcher durch für die Aufführungen dieses Tages extra aufgebaute, leistungsstarke Lautsprecher zum Publikum sprach, erklärt. Der Ablauf war ähnlich dem des Vortages, bis auf eine kleine, technisch beeindruckende, jedoch völlig unrealistische Nackt-Kampfeinlage der niederländischen AMEK. Nachdem dies erledigt war, konnte es mit den ersten Kampfblöcken losgehen. Diesmal merkte man die durch die Zuschauer ausgelöste zusätzliche Motivation, wodurch eine tolle Schlacht zustande kam. Dies ging sogar soweit, dass die am Vortag erwähnten "La Guerre des Couronnes" dank eines perfekt eingespielten Schildwalls, welcher praktisch die ganze Schlacht über nicht geöffnet wurde, ohne überlebenden Widerstand bis zu den Bogenschützen vordrang und das Geschehen von den Officers geregelt werden musste. Schlussendlich ging jedoch wieder alles dem historischen Ausgang entgegen und die Bogenschützen siegten. Den Ausklang der Schlacht stellte ein persönliches Verabschieden jedes Kämpfers in einer Abklatschrunde dar und die Massen bewegten sich wieder auf ihre Lager zu. Auch an diesem Tag stand der Spaß im Vordergrund und spiegelte sich in den Gesichtern der Teilnehmer.
Beste Stimmung am Abend
Der Abend verlief gut gelaunt und war geprägt von der positiven Stimmung in den Lagern. Am Abend hatten wir die Gelegenheit, einen wohlschmeckenden Apfel-Lauch-Wursteintopf mit Hilfe der am ganzen Wochenende reichlich vom Veranstalter bereitgestellten Nahrungszutaten zu kochen und das Wochenende ausklingen zu lassen.
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