Azincourt 2009
Teil 2: Über Guédelon nach Paris
19. 11. 2009 - 22:45
Walter Herdin
Dies ist der zweite Teil des Reiseberichtes des Vereins Prima Nocte auf ihrem Weg nach Frankreich, um an der Feldschlacht in Azincourt teilzunehmen. Tag drei bis fünf der dreizehntägigen Expedition werden diesmal behandelt. Die Route führte von Autreville über das Burgenbau-Projekt in Guédelon nach Paris - und schlussendlich wurde am Ende des fünften Tages das Reiseziel Azincourt erreicht.
Tag 3
Autreville - Guédelon – Paris
Ankunft in Guédelon
Nach schadfreiem Überleben der Nacht (wenngleich sie zumindest bei der Begleitung des Autors etwas schlaflos war) und einem kleinen aber guten Frühstück, ging es auf zum ersten Fixpunkt der Reise – der Burgbaustelle Guédelon. Diese liegt etwa 150 km südlich von Paris. Dank Navigationssystem schnell gefunden, erstaunte erst einmal der gut gefüllte, riesige Parkplatz. Auch der günstige Eintrittspreis von 9 Euro für Erwachsene war eine positive Überraschung.
Die Rahmenbedingungen
Vorbei an einigen kleineren Modellen der Anlage eröffnete sich vor uns die Burgbaustelle. Der Bauzustand ist schon wieder einen guten Teil weiter fortgeschritten als auf den Bildern der letzten Jahre. Der Burgbau wird von einem für dieses Projekt gegründeten Verein getragen und finanziert sich ausschließlich durch Eintrittsgelder. Die Idee für das Projekt stammt von Michael Guyot, dem Eigentümer und Retter des nahe gelegenen Schlosses von Saint-Fargeau. Der Archäologe, Kunstgeschichtler und Steinmetz Florian Renucci leitet den Bau. Das Gelände wurde so gewählt, dass alle nötigen Rohstoffe vor Ort verfügbar sind: Von einem bestehenden Steinbruch mit eisenhaltigem Sandstein bis hin zu einem Wald, der das Holz liefert und dessen Erde guten Ton beinhaltet. Nur wenige Rohstoffe wie Eisen minderer Qualität, das vor Ort raffiniert wird und Kalk werden an der Baustelle extern zugekauft.
Projektdauer: 26 Jahre
Der auf 26 Jahre geplante Bau wurde 1997 begonnen. Er stellt den Neubau einer kleinen philippinischen (nach Pillipp II. August) Burg nach den Gesichtspunkten des 13. Jahrhunderts dar - genauer gesagt einem Baubeginn um 1226. Es wird jedoch keine bestehende Burg nachgebaut, sondern eine von Grund auf neu entworfene Anlage. Diese beinhaltet allerdings die wichtigsten Räumlichkeiten, die das von König Phillipp II. August standardisierte architektonische Muster aufweist. Dies sind im Fall von Guédelon, laut einem Führer, der im Uhrzeigersinn oben links platzierte (Ritter-)Saal mit großem Kamin, in welchem die Familie des Ritters lebte und bei Bedarf Empfänge organisierte. Anschließend daran die sogenannte Kammer/Kemenate, welche ebenfalls beheizt war und als Schlafraum oder auch als Unterbringung für hohe Gäste genutzt werden konnte. Darunter befindet sich die Küche mit einer großen Feuerstelle. Daran anschließend, unter dem Saal, die große Vorratskammer und Begrüßungshalle/Aula. Die massiven Mauern um den Burghof werden von mehreren zylindrischen Türmen geschützt. Bis jetzt sind bereits zwei davon begehbar.
Die Umgebung
Um die Burg herum findet man die Hütten der einzelnen Handwerksbereiche. Diese reichen von steinbearbeitenden Betrieben und der vielfältigen Verarbeitung des Rohstoffes Holz aus dem naheliegenden Wald über Tonverarbeitung und Textilerzeugung bis hin zu Seilerei und Korbflechterei. Ebenfalls auf dem Gelände sind Stallungen für Nutztiere und ein Kräutergarten.
Das Mittagessen konnte in der leicht abseits gelegenen Taverne zu sich genommen werden. Positiv zu erwähnen ist hierbei, dass auf typische Pommes- und Hamburger-Angebote verzichtet wurde und die Speisen an die kulinarischen Rahmenbedingungen des Mittelalters angelehnt wurden. Die Preise könnten etwas geringer sein (großer gemischter Eintopf 14 Euro), hielten sich aber aber im Rahmen. Der schattige Essbereich wurde von uns bei ca. 35°C Lufttemperatur gerne in Anspruch genommen.
Arbeitsweise top, Gewandung flop
Zur Arbeitsweise in Guédelon ist zu sagen, dass das Ziel die manuellen Handwerkstechniken des Hochmittelalters zu zeigen, sehr gut verfolgt wird. Kleinere Augenblicke moderner Technik wie z.B. moderne Schrauben, welche an kritischen Bauteilen aus Sicherheitsgründen verwendet werden, sind die einzigen Dinge, die den Besucher beim Herumspazieren über das Gelände ins 21. Jahrhundert zurückholen. Die Gewandung der Mitarbeiter kann man jedoch leider nur als gut gemeint bezeichnen. Dass auf einer Baustelle dieser Größe Sicherheitsmaßnahmen wie Sicherheitsschuhe nötig sind ist selbstverständlich, jedoch besteht die Kleidung der Arbeiter aus modernen Hosen, modernen Arbeitshandschuhen und T-Shirts, welche mit einer einfachen, teils ärmellosen Tunika teilweise überdeckt sind. Auf den ersten Blick sicher nett für den Zuschauer, aber in den bisherigen 13 Jahren Baudauer wäre eine bessere Anpassung sicher möglich gewesen. Nichtsdestotrotz soll dies dem insgesamt beeindruckenden und mit viel Liebe geführten Bauprojekt nichts an Sehenswürdigkeit nehmen.
Andere Länder, andere Sitten (schon wieder)
Am Nachmittag ging es weiter zu einem Supermarkt. Erstaunlich für uns: In Frankreich scheint es nicht üblich zu sein, in Supermärkten frische Milch oder Frischmilchprodukte anzubieten. Etwa die Hälfte der Supermärkte, an denen wir auf der Fahrt den Proviant auffüllten, führten nur Haltbarmilch und dergleichen. Dafür waren die Käseabteilungen ein Traum. Das Abendessen gab es dann im zweitägigen Quartier (diesmal wieder mit Klotür) nahe Paris.
Links zu Tag 3
Tag 4
Zu Fuß durch Paris
Der komplette vierte Tag wurde für den Aufenthalt in Paris eingeplant. Um in für die Mittelalterszene relevanten Bereichen zu bleiben, soll die Beschreibung hauptsächlich auf die Kathedrale Notre Dame beschränkt werden. Nachdem der Weg durch den gemeingefährlichen Pariser Stadtverkehr in einem Parkhaus endete, ging es zu Fuß mit einigen Zwischenstopps in größeren Kirchen über den Champs-Élysées zum Arc de Triomphe und von dort aus zum Eiffelturm. Nach einem Mittagessen wanderten wir am Musée de l'Armée vorbei, welches in einem Veteranenheim aus dem späten 17. Jahrhundert untergebracht ist, um schließlich zur Kathedrale Notre Dame de Paris vorzustoßen.
Vor dem Gotteshaus tummelten sich Touristenmassen, durch die wir uns mit Blasen an den Füßen durchkämpften. Für die Bewunderung der imposanten Portale aus den Anfängen des 13. Jahrhunderts (renoviert weitgehendst nach Originalvorgaben im 19. Jahrhundert von Viollet-Le-Duc und Lessus) blieb wenig Zeit, da man in der Menschenschlange immer wieder weiterrücken musste. Im Inneren der Kirche, die architektonisch ihrer Zeit ein wenig nachhinkt, fallen dem Besucher sofort die schönen, großen Kirchenfenster auf. Besonders zu erwähnen sind hier die drei Fensterrosen mit bis zu 13,1 m Durchmesser, welche restaurierte Originalmotive aus dem 13. Jahrhundert enthalten, wenn auch nicht mehr in der originalen Anordnung.
Mit starken Fußschmerzen ging es dann vorbei an der Kapelle in der Conciergerie, welche leider schon geschlossen hatte und dem Louvre zurück zum fahrbaren Untersatz. Ein willkommener Schutz vor dem Regen, der bei der Heimfahrt zum Quartier einsetzte.
Links zu Tag 4
Tag 5
Paris - einige Kirchen am Weg - Azincourt
Nachdem wir uns ordentlich ausgeschlafen hatten, ging es nach einem Frühstück gemütlich Richtung Azincourt. Ein wenig zu früh dran, hatten wir die Möglichkeit spontane Stopps einzulegen, so geschehen z.B. in Mitry Mory, wo die Kirchturmspitze der L’Eglise Saint Martin uns anlockte. Die Fassade enthält unter anderem Reste aus dem 13. Jahrhundert. Leider wurde die Kirche, wie sich durch einen Spalt in der Tür zeigte, gerade renoviert. Eine Besichtigung wäre nur Dienstags von 10-12 Uhr möglich gewesen, also mussten wir weiter. Von außen erweckte eines der Fenster unser Interesse, das wir sogleich im Bild festhielten. Ob der abgebildete "Flügelhelm" auf historischen Tatsachen beruht, einem Kreativitätsausbruch der Restaurateure, oder einfach nur unsere Fehlinterpretation von außen ist, wird man wohl erst bei einer Führung durch den Innenraum erfahren. Ein weiterer Spontanstopp wurde in Fontenay de Parisis unternommen, die Ortskirche dort besitzt Teile aus dem 11., 12., 13. und 16. Jahrhundert. Leider wurde auch Sie gerade an der Fassade restauriert, die übrigens aus dem 13. Jahrhundert stammt, weshalb der Zugang nicht möglich war.
Ankunft in Azincourt
Nach telefonischer Abstimmung der Ankunftszeiten mit den weiteren Vereinsmitgliedern, die sich auf der Anreise befanden, sowie einem kleinen Umweg über die Küste, kamen wir dann schlussendlich in Azincourt an. Bereits auf der Hauptstraße lugten etliche Sperrholz-Bogenschützen und Schwertkämpfer hinter Bäumen hervor, sodass wir wussten: "Hier sind wir richtig!". Die Auffahrt zum Festgelände war etwas versteckt. Nach einer kleinen Ehrenrunde durch das gesamte Dorf im Schlepptau eines Niederländers mit klischee-erfüllendem Wohnwagen, konnte man dann auch schon die Hände der anderen Mitglieder unserer Gruppe schütteln und mit dem Zeltaufbau beginnen. Da sich das Wetter mittlerweile wieder von einer milderen Seite zeigte, konnte auch das Abreißen einer Zelt-Herings-Schlaufe, welche mühsam vernäht werden musste, die Vorfreude auf das Wochenende nicht trüben. Die Lagerfläche war an diesem Donnerstag Nachmittag zwar noch recht dünn besiedelt, doch mit jeder Stunde trafen neue Darsteller ein. Auch das eine oder andere bekannte Gesicht der letzten Jahre wurde erspäht. "Die Oxfords" (Oxford Household aus UK), Freunde unseres Vereins, welche es dieses Jahr sogar bis auf die Schlacht um die Ortenburg (Kärnten, Huscarl.at hat berichtet) geschafft hatten lagerten neben uns. Hierzlulande blieben sie sicher dem einen oder anderen mit dem Ausspruch "in Austria, nobody wants to die..." in Erinnerung blieben.
Am Abend ging es dann gemeinsam ins örtliche Wirtshaus, wo der kommende Tag geplant und die bisherigen Erlebnisse der verschiedenen Anfahrten zum Besten gegeben wurden.
Nun sind unsere Reisenden also endlich in Azincourt angekommen. Die kommenden Tage würden zeigen, ob sich die Reise auch im heurigen Jahr gelohnt hatte. Teil Drei des Reiseberichts wird in einigen Tagen auf Huscarl zu lesen sein.
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