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gemeinfrei / historische Abbildung
Malerei aus 1508: Lucas van Leyden - älteste Abbildung einer Partie Kurierschach.

Reichsöllner
Das Kurierschach in der handgefertigten Rekonstruktion.

Reichsöllner
Detailansicht der handgedrechselten Spielfiguren.

gemeinfrei / historische Abbildung
Die Regeln des Spiels sind von August II. von Braunschweig-Wolfenbüttel überliefert (1579 - 1666).


Kurierschach des Mittelalters
Junges Grazer Startup rekonstruiert originalgetreues Kurierschach
Jakob Reichsöllner
06.11.2012 09:40

Ein junges Grazer Unternehmen hat eines der ältesten mittelalterlichen Schachspiele - das Kurierschach - unter Beachtung der wichtigsten und ältesten Überlieferungen originalgetreu rekonstruiert und bietet dieses in seinem Spieleportal zum Kauf an. Den mittelalterbegeisterten Spieler erwartet eine detailgetreue Nachbildung unter Verwendung authentischer Materialien, ideal zum Eintauchen in die Welt des mittelalterlichen Spiels. Ein ausführlich erläutertes Regelwerk liegt bei. Aber worum handelt es sich überhaupt beim Kurierschach?

Spiele sind so alt wie die Menschheit selbst. Von Anbeginn an haben sich unsere Vorfahren miteinander gemessen, sei es zum Zeitvertreib oder zum Training logischer oder motorischer Fähigkeiten. Allem gemeinsam ist das Vergnügen, in einer kleinen Welt an Möglichkeiten das allergrößte Experiment wagen zu können, immer neugierig auf das noch Unbekannte. Ihre Veränderung gleicht oft einer steten Evolution, in der sich Regeln, Figuren und Spielfelder über Jahrhunderte hinweg verändern und der jeweiligen Zeit anpassen.

Die Welt des mittelalterlichen Spiels ist auch noch in der heutigen Zeit allgegenwärtig. Die „Klassiker“ Schach, Backgammon, Dame etc. haben historische Vorläufer, die oft noch weit vor die Zeit des Mittelalters zurückreichen. Besonderes Interesse kommt bei der Geschichte des Spiels oftmals auch dem Schach, als dem Spiel der Könige zu.

"Importprodukt" aus dem arabischen Raum

Als „Importprodukt“ aus dem arabischen Raum war man im Mittelalter von Anfang an bestrebt, das „Schachzabel“-Spiel zu verbessern und zu aktualisieren. Eine der ältesten dokumentierten historischen Schachvarianten aus Europa ist hier das Kurierschach, das erstmals um 1208 in einem höfischen Versroman der sich mit der Artussage auseinandersetzt erwähnt wird: dem Wigalois. Allerdings ohne Bezug auf Regeln, Figuren oder Brett zu nehmen. Nur der Name wird erstmals tief in die Rillen der Geschichte des Spiels geritzt.

Erst 300 Jahre später malt Lucas van Leyden um 1508 das Bild einer Schachpartie, dessen Besonderheit von Historikern lange nicht erkannt wird: Hier ist kein gewöhnliches Schachbrettt abegebildet, sondern eines mit 12 mal 8 Feldern, auch die Figuren weichen stark von dem ab, was man heutzutage erwarten würde. Das auf dem Bild dargestellte Spiel ist die älteste bildliche Darstellung des Kurierschach, bei der auch einzelne Figuren erkennbar sind.

Regeln aus dem Mittelalter erhalten

Zum Glück von Historikern gibt es aber neben seit dem Jahr 1200 zahlreichen namentlichen Erwähnungen auch eine Überlieferung der Regeln. Diese verdanken wir August II. von Braunschweig-Wolfenbüttel, einem gelehrten Fürsten, der in seiner Regierungszeit nicht nur eine der größten Bibliotheken Europas schuf und sich massiv für die Förderung der deutschen Sprache einsetzte, sondern auch als Kryptograph und Forscher hervortat, der auch die Regeln des Kurierschachs unter dem Pseudonym Gustavus Selenus veröffentlichte. Dass besagter Herrscher während des dreißigjährigen Krieges auch zahlreiche Hexenverbrennungen durchführen ließ, relativiert das vormals edle Bild beträchtlich.

Ähnlich wie das moderne Schach bildet auch das Kurierschach ein wenig die mittelalterliche Weltordnung ab, nur etwas detaillierter und archaischer. In der Mitte stehen der König und seine Dame, letztere aber weit weniger beweglich als die heutige Dame, da sie nur ein Feld diagonal zieht. Darauf folgen links und rechts deren persönliche Diener, „Der Mann“ als Rat des Königs und der „Schleich“ als Diener der Königin. Weit weg von der Aristokratie die im Zentrum des Spiels steht, befindet sich am Rand das Symbol des Bürgertums, der Turm.

Im Kurierschach ist der Kurier die mächtigste Figur

Während im konventionellen Schach nun die Läufer als Symbol der Geistlichkeit kommen, die eng beim Adel sitzen (vergleiche die englische Bezeichnung „bishop“ für Läufer!), kommt hier die mächtigste Figur des Kurierschachs: der Kurier. Als dynamischste Figur verdankt das Spiel ihm seinen Namen. Das vormittelalterliche und das konventionelle Schach war wegen der unbeweglicheren Figuren weniger populär, der Kurier hatte diesem einiges entgegenzusetzen. Der Alfil, der auch noch in seiner Gestaltung an zwei Stoßzähne erinnert ist ein aus dem persischen Schach stammender Elefant, dessen Reiter diagonal in das übernächste Feld seine Pfeile verschießt. Das Pferd ist hingegen identisch zum heutigen Pferd.

Das Kurierschach ist ob seiner ungewohnten Figuren eine spannende Herausforderung sowohl für Schachliebhaber als auch für begeisterte Freunde des Mittelalters. Es bietet ein authentisches Spielerlebnis abseits eingelernter Schachzüge und Eröffnungen. Übrigens ist noch um 1850 im deutschen Schachdorf Ströbeck eine Partie Kurierschach dokumentiert. Das dortige Schachmuseum stellt deshalb in Kürze auch das unter http://www.brettspielprofi.at erhältliche Kurierschach als einzig verfügbare authentische Rekonstruktion aus.


Details zur Rekonstruktion

Das Kurierschach / Kurierspiel
Ein mittelalterliches Schachspiel - neu entdeckt

Höhe des Königs:    7 cm 
Fußdurchmesser:    2,6 cm 
Brettgröße:    46 x 31 cm 
Feldgröße:    3,5 cm

Nachbildung nach dem Gemälde „Die Schachpartie“ von Lucas van Leyden (1508).

Die hohe Handwerkskunst des Mittelalters ist eine Herausforderung, die wir gerne angenommen haben. Jedes einzelne Teil dieses Spiels wurde unter Bewahrung größtmöglicher historischer Authentizität hergestellt.

An diesem Set ist alles per Hand geschnitzt, gedrechselt und gehobelt. Selbst die Quadrate des Bretts sind aufwändig per Hand aufs Holz gemalt.

Preis: 169,00 Euro incl MWSt.

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1. Kommentar von basti am 06.11.2012 um 12:06


sollte der artikel nicht etwas deutlicher als die werbung gekennzeichnet werden die er ist? ich mein, wenn die angepriesene rekonstruktion nicht mal die gleichen farbe wie die gemäldevorlage verwendet und der autor zufällig im impressum des händlers steht, dann hat das mit den sonst ja immer gut geschriebenen artikeln meiner persönlichen meinung nach zu wenig zu tun.
wegen der etwas komischen klarlackoptik des replikats und der im bild anderen proportionen möchte ich lieber nichts sagen wenn ich nur die beiden eher kleinen bilder zur verfügung habe.

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2. Kommentar von das Schandmaul am 06.11.2012 um 14:43

Wen historische Spiele interessieren ...
... bei unserer Veranstaltung "Games For The Throne" im November in Herrnleis haben wir z.B. auch das "Schach der vier Jahreszeiten" - eine Version, die zu viert gespielt wird und aus der Spielesammlung von Alfons X. (13. Jahrhundert) bekannt ist. Ich selbst versuche meine Mittelalter-Spielesammlung immer wieder etwas zu erweitern, allerdings setze ich da - aus Kostengründen - viel auf selber machen, oder Standard-Spiele. 

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3. Kommentar von otfrid am 07.11.2012 um 12:46

hallo basti,
diesen Artikel hab ich geschrieben. zu deinen Bemerkungen drei Dinge:

1.) Das Replikat entspricht nicht nur in der Figurenform, sondern auch farblich der Vorlage. Inwiefern stellst du Abweichungen fest? Soweit feststellbar sind die Figurenpaare auch dort schwarz und hell, wahrscheinlich aus Birkenholz. Das Brett haben wir natur/schwarz und nicht natur/rot gestaltet. Wir glauben nicht, dass die Übernahme dieser Farbe ein Mehr an Authentizität bedeutet. Authentizität benötigt immer auch Variation, aufgrund der Überlieferung mehrerer bildlicher Darstellungen von Schachspielen aus dem Mittelalter weiß man, dass auch schwarz/natur eine gerne verwendete Kombination war. Der große Gewinn dieses Gemäldes ist die detaillierte Figurendarstellung. Auch heute gibt es Schachbretter in den verschiedensten Farben, die Essenz ist aber die Form der Figuren.

2.) Klar- oder Glanzlack verwenden wir grundsätzlich nicht. Woran willst du das erkennen? Du schreibst ja selbst, dass dir die Bilder zu klein sind. All unsere Figuren sind mit natürlichen Stoffen behandelt, auch die auf den Fotos, bei denen ich keinen Glanz erkennen kann. Du möchtest nichts über die Proportionen sagen, sagst aber dann doch, dass sie anders sind: Die Proportionen haben wir genau bedacht und abgestimmt.

3.) Die Kennzeichnung oder Nichtkennzeichnung von PR Artikeln ist natürlich Sache von huscarl, dazu kann ich nichts sagen. Der Artikel zeigt sich dem aufmerksamen Leser aber offen als das, was er auch ist.

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4. Kommentar von das Schandmaul am 07.11.2012 um 13:22

Zum Thema Spiele ...
... wollte ich anmerken, dass dies ein Steckenpferd von mir ist. Kannst Du mich mal kontaktieren? Ich hätte mir noch mehr zum Thema "Handwerkliches" gewünscht. Aber vielleicht kann ich mal mit Dir direkt plaudern.

Liebe Grüße,
Arnulf

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5. Kommentar von otfrid am 07.11.2012 um 13:43

Lieber Arnulf,
du müsstest Post bekommen haben!

LG Jakob

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6. Kommentar von anachronismus am 08.11.2012 um 08:01

schönes ding
gefällt mir sehr gut. mit was habt ihr die schwarzen teile eingefärbt?

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7. Kommentar von Hiltibold am 08.11.2012 um 12:24

Mittelalter?
Die Rekonstruktion scheint sich in erster Linie auf das abgebildete Gemälde zu stützen, welches der frühen Neuzeit (Rennaissance) zuzurechnen ist, nicht dem Mittelalter (Erwähnung im 13. Jh. hin oder her).
Trotzdem, das was auf den Bildern zu sehen ist, gefällt mir. Freilich, ob der Preis gerechtfertigt ist, kann man erst sagen, wenn man das Spiel persönlich in Händen hält.

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8. Kommentar von anachronismus am 09.11.2012 um 16:53

da hat er recht...
...der hiltibold. belegt ists fürs Mittelalter, die Rekonstruktion ist aber nur was für Neuzeitdarsteller.

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