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Wikimedia Creative Commons, CeCILL-Lizenz 2.0, User Rama
Trepanierter weiblicher Schädel aus dem Neolithikum. Es konnten Spuren eines Heilungsprozesses gefunden werden, die Patientin hat die Operation demnach überlebt.


Neue Beweise für Schädel-Operationen im mittelalterlichen Spanien
Neurochirurgen gibt es seit Jahrhunderten. Erfolgreiche wie auch Scharlatane.
Simone "Mone" Jatropulus
14.06.2012 09:20

Schädeloperationen wurden bereits seit dem Neolithikum durchgeführt - manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich. Und es gibt äußerst selten Funde, die solche medizinische Praktiken auch im Mittelalter beweisen - wie jüngst eine archäologische Untersuchung in Spanien.

In der spanischen Provinz Soria (Region Kastilien/Leon) wurden kürzlich bei archäologischen Grabungen auf einem Friedhofsareal die Schädel eines Mannes und einer Frau aus dem Spätmittelalter gefunden. Die Forscher datieren die Knochen auf das 13. und 14. Jahrhundert.
Beide Schädel weisen zweifelsfrei Spuren von Kraniotomien auf - so werden in der Neurochirurgie operative Öffnungen des Schädels bezeichnet. Ein kleiner Sensationsfund also, bedenkt man die Seltenheit von Schädel-Operationen, auch Trepanationen genannt, in der Ära des Mittelalters.

Die Fundobjekte

Bei dem ersten Objekt handelt es sich um den Schädel eines etwa 50 bis 55 Jahre alten Mannes, in welchen ein Loch gebohrt worden war. Die Wissenschaftler können nicht mit Sicherheit sagen, ob der Patient zum Zeitpunkt der Operation wirklich noch am Leben war - doch sollte es tatsächlich so gewesen sein, war dieser Eingriff sein Todesurteil. Operation gelungen - Patient tot.

Der zweite gefundene Schädel gehörte einer etwa 45 bis 50-jährigen Frau, deren Chirurgen ihr das Operationsloch in den Schädel schabten - eine wesentlich modernere Art dieses Eingriffs, im Gegensatz zur Bohrung. Die Operation war erfolgreich - laut den Wissenschaftlern lebte die Frau mittleren Alters noch einige Zeit weiter. Im Zuge genauerer Untersuchungen der Archäologen stellte sich heraus, dass der Knochen bereits wieder zu Heilen begonnen hatte, als die Frau schließlich verstarb.

Besonders der operierte Schädel der weiblichen Person gilt als außergewöhnlicher Fund - warum, erklärt die Anthropologieprofessorin Belén López Martínez gegenüber der PM History wie folgt:
"Ein interessanter Aspekt ist dabei, dass Trepanationen bei Frauen in jeder historischen Epoche als selten gelten", und weiter: „in Spanien gehören nur 10% der gefundenen trepanierten Schädel zu Frauen.“

Blaublütiges Todesopfer der mittelalterlichen Neurochirurgie

Anfang des 13. Jahrhunderts traf den blutjungen König Heinrich I. von Kastilien ein herabfallender Dachziegel am Kopf. Am Schädel des erst 13 Jahre alten Herrschers wurde umgehend eine Trepanation in Form einer Bohrung durchgeführt. Heinrich I. erlitt eine Hirnblutung. Ob diese - durch den stürzenden Ziegel - verursachte Blutung oder der operative Eingriff den Tod des kastilischen Königs verschuldete, bleibt auch nach so vielen Jahrhunderten im Dunkeln.

Steine, Tiere und Dämonen im Kopf

Warum genau die Praktiken der Schädelöffnungen bereits im Mittelalter angewendet wurden, ist fraglich. Professorin Martínez vermutet einen religiösen oder mystischen Hintergrund, etwa die Angst, von Dämonen besessen zu sein. Sie könne sich aber ebensogut Therapiezwecke zur Heilung von Migräne, Epillepsie oder der Entfernung von Tumoren vorstellen.

Theorien, die durch historische Aufzeichnungen andernorts durchwegs glaubwürdig und berechtigt sind. Ob nun aus religiösen oder medizinischen Gründen an Kopf und Hirn operiert wurde, darum lässt sich streiten.
Von religiöser Sicht aus betrachtet, fürchteten die Menschen im Mittelalter verstärkt den Teufel, seine Dämonen und böse Geister. Man kann also davon ausgehen, der mittelalterliche Mensch glaubte wohl daran, dass durch eine Schädelöffnung eine Art Austreibung des Bösen hervorgerufen wurde. Ein Fest für Scharlatane und betrügerische Möchtegern-Quacksalber, die für ein paar wenige Münzen anboten, Steine, Tiere und Metalle - oder was ihnen sonst noch gerade einfiel - mittels Hammer und Meißel aus dem Schädel des leichtgläubigen armen Tropf operativ zu entfernen...

Geschichte der Trepanation

Im dritten Jahrtausend vor Christus führten Mediziner in Ägypten bereits erfolgreich Schädeloperationen durch. Vor 2000 Jahren wurden den Ärzten in Südamerika ihre chirurgischen Bestecke und Werkzeuge für Kraniotomien als Grabbeigabe mitgegeben. Immer wieder finden sich Schädel, auf denen eindeutig Heilungsprozesse erkannt werden können. Das heißt, selbst vor tausenden von Jahren waren Neurochirurgen offensichtlich nicht nur am Werk, sondern auch noch erfolgreich!

Der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460-377 v. Chr.) beteiligte sich mit anderen Ärzten am "Corpus Hippocraticum", einer Schriftensammlung, in der unter anderen auch die posttraumatische Schädeltrepanation mittels eines Schädelbohrers, dem sogenannten "Trypanon", beschrieben wird.

Im Hochmittelalter waren Trepanationen am lebenden Menschen vom Christentum stengstens verboten. Wenn überhaupt fanden solche Eingriffe ausschließlich im Verborgenen statt. Dies änderte sich mit dem frühen Spätmittelalter: Ab dem 13. Jahrhundert wurden wieder vereinzelt Kraniotomien vorgenommen. Erst ab dem 16. Jahrhundert fanden - trotz schlechter hygienischer Verhältnisse - häufiger Operationen am menschlichen Schädel statt, was im 17., 18. und 19. Jahrhundert schließlich zu zahlreichen Todesfällen am OP-Tisch führte. Die moderne Chirurgie begann erst mit der Einführung von Antiseptik und Betäubungsmitteln.


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1. Kommentar von elmarto am 14.06.2012 um 11:47

Alter Hut?
Ich konnte vor 21 Jahren in der NÖ Landesausstellung "Kunst des Heilens" bereits Funde aus dem "Mittelalter" betrachten - Schädel von Leuten die sochle Operationen über scih ergehen haben lassen teils erfolgreich (Lochränder verheilt und Rund - Patient hat die OP zumindest einige Monate überlebt) teils weniger erfolgreich (Lochränder kantik/schartig - Patient verstarb während/unmittelbar nach der OP). Aus welcher Epoche diese Exponate waren weiss ich nicht mehr genau, ich war ja auch erst elf damals- Es wurde jedenfalls dazu erklärt, dass unter anderem der "Druck" aus dem Schädel abgelassen werden sollte um Migräne u.ä. zu behandeln.

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.


2. Kommentar von elmarto am 14.06.2012 um 11:51

Fehlerteufel }:c)>
(Ich bitte mir die Rechtschreibfehler zu zeihen, ich kanns leider nicht mehr nachbearbeiten)

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.


3. Kommentar von Brecuno am 10.07.2012 um 09:49

Zur Medizin
Die Leutz damals waren nicht totale Vollkoffer. Wenn uns schriftliche Beweise oder archäologische Funde fehlen (noch!), dann von der Tatsache her, daß viele Fehden, Kriege, Klosterplünderungen und Umwälzungen seit her stattfanden und mancherorts einfach die Bevölkerung fehlte, um Wissen weiterzugeben, sei es mündlich oder schriftlich. Dort wo ganze Landstriche regelrecht entvölkert wurden, gingen auch jahrhunderte altes Brauchtum und Wissen jeglicher Art unwiederbringlich verloren.
Die Gebrüder Grimm fassten da auch nur einen verhältnissmäßig geringen Teil von Kultur in ihren angelichen Märchen zusammen, doch ist die Chirurgie seit grauer Vorzeit bekannt - Scharlatane ebenfalls.
Aber es war damals wie heute weltweit auch ein Privileg medizinisch versorgt zu werden, das sollte man bedenken.
Der einfache Arbeiter im Mittelalter starb deswegen früher und ergrauter, weil die enormen Kraftanstrengungen als normal angesehen wurden. Heute hat man mehr Freizeit als damals, damals aber holte man auch Wasser und Fresalien und GING von da nach dort.
Wenn da mal ein Hackler ein Aua Aua hat, ging und geht er nicht gleich zum Doktor. Leider.

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