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Verlag Knaur
Ursula Niehaus: Die Tochter der Seidenweberin. Knaur, 2011. 560 Seiten

Verlag Knaur
Heini Rehn: Hexengold. Verlaug Knaur, 2010, 671 Seiten.

Verlag Droemer
Ulf Schiewe: Die Comtessa. Droemer 2011, 560 Seiten

Verlag Knaur
Die Jüdin von Konstantinopel. Verlag Knaur 2010. 687 Seiten


Historische Romane im Schnellverfahren
Vier Bücher in der Kurzrezension
Florentina Seidl
29.02.2012 23:10

So genannte historische Romane erfreuen sich großer Beliebtheit. Wir testen diesmal gleich vier davon im Schnellverfahren und prüfen, ob diese Romansparte zurecht übel beleumundet ist oder ein paar verborgene Perlen aufweisen kann.

Bleibt besser in der Klarsichtfolie:
Die Tochter der Seidenweberin


Die Fortsetzung des Bestsellerromans „Die Seidenweberin“ spielt in Köln im 16. Jahrhundert. Die Autorin, selbst Stoffhändlerin, bürgt für korrekten Umgang mit dem Rohmaterial. Typischerweise beweist sich die Hauptfigur selbstbewusst als Seidenhändlerin in der Männergeselleschaft ihrer Zeit. Die Männer sind „breitschultrig“, „hochgewachsen“, „großgewachsen“ oder zumindest „sehnig“. Kölner Lokalkolorit wie traditionelle Gremien der Zünfte oder Ratsverwaltung schmücken den Schauplatz. An literarischer Qualität werden diese liebevollen Schilderungen übertroffen durch die ebenso liebevolle Schilderung der Liebesszenen. Das Schaudern stammt ausschließlich aus der Fassungslosigkeit über dergleichen sprachlichen Durchschnitt. Der Verdacht liegt nahe, dass der Verlag hier über ein Set von Textbausteinen verfügt, die gemäß einer Marketingrichtlinie einzusetzen sind.

Auch keine Überraschung: Hexengold

Warum müssen weibliche Figuren in so genannten historischen Romanen immer rothaarig, gebildet, schön und selbstbewusst sein? Zudem gehört „makellose“ Haut ganz vorne in die Liste der Attribute. Wenn zwei unterschiedliche Frauen binnen fünf Seiten aber mit der gleichen „makellosen“ Haut beschrieben werden, wissen wir überdies: der Verlag hat das Lektorat zugunsten der Covergestaltung eingespart. Im Frankfurt nach dem 30jährigen Krieg versucht der hochgewachsene, attraktive Ehemann das Erbteil seiner Frau, die Opfer einer Intrige von Königsberger Kaufleuten wurde, zu retten. Die Frau ist ausgebildete Ärztin und hat im Krieg gedient, kennt somit alle Tricks und die richtigen Leute, um im verwüsteten Deutschland vorwärts zu kommen. Der Roman ist –erraten!- die Fortsetzung des Buches „Die Wundärztin“, und hätten wir das Vorgängerwerk gekannt, wäre „Hexengold“ sofort der Wärmstoffverwertung anheim gefallen. 

Klischeebeladenes Rittermärchen: Die Comtessa

Aus der Feder von Ulf Schiewe stammt diese groschenromanhafte Rittergeschichte (eine Fortsetzung seines Romans "Der Bastard von Toledo"). Der Schauplatz ist Südfrankreich Mitte des 12. Jahrhunderts. Der Stil ist typisch für den Autor: zeitgenössische Begriffe werden kursiv gesetzt in den Text eingeflochten, um Stimmung zu erzeugen, die mangels erzählerischer Kraft sich aber nicht einstellen mag. Die Handlung ist am Klappentext sofort zu erfassen und lässt auch keine Prognose über den Inhalt unerfüllt. Grafentochter wiedersetzt sich durch Flucht ihrer Heirat, unterstützt vom jugendlichen Helden und seinem treuen Diener. Den flüchtigen Leser erfasst Haarsträuben ob der Simplizität des Plots. Wie immer hilft auch hier das Fleddern einiger historischer Fakten und belegter Personen über die geringe Qualität des Fließbandproduktes nicht hinweg.

Ganz andere Liga: Die Jüdin von Konstantinopel

Übelriechender Unrat schreckt die Verzagten ab, doch entgeht ihnen dadurch die eine oder andere Perle, die aus dem Dreck leuchtet wie dieses Buch von Waldtraut Lewin. Natürlich ist die Hauptfigur eine erfolgreiche, selbstbewusste Frau (in Konstantinopel des 16. Jahrhunderts), aber erstens hat sie ein Verhältnis mit dem Ehemann ihrer Tochter, der nebenbei ihr Neffe ist, hat sich zweitens nach einem gescheiterten Handelsboykott zum Selbstmord entschlossen und hat  drittens keine roten Haare, sondern ist Jüdin. So viel konstruierte Erzähl-Exotik macht neugierig. Erfrischend fruchtlos verläuft die Suche nach Klischees. Die Figuren sind seltsam bis verschroben und passen in keine Schublade, was diesen Roman heraushebt. Rückblenden und Wechsel der Erzählhaltung fordern die Konzentration, ergeben aber ein schlüssiges Bild: Die Rettungsversuche der Jüdin zugunsten ihrer Glaubensgemeinschaft werden von intriganten Glaubensgenossen vereitelt.
Zum Buch: Natürlich verlangt der Verlag ein Glossar der verwendeten Begriffe, aber anstelle von in solchen Büchern üblichen Begriffen wie „Peinlicher Befragung“ oder „Kotzbank“ werden Judaica-Begriffe erläutert, die in ihrem Kulturkreis bis heute Verwendung finden. Fortsetzung möglich.


Bibliographische Angaben:

Ursula Niehaus: Die Tochter der Seidenweberin
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Knaur HC, 2011
ISBN-13: 978-3426663592

Heidi Rehn: Hexengold
Taschenbuch: 752 Seiten
Verlag: Knaur TB, 2011
ISBN-13: 978-3426505441

Ulf Schiewe: Die Comtessa
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Droemer, 2011
ISBN-13: 978-3426198872

Waldtraut Lewin: Die Jüdin von Konstantinopel
Taschenbuch: 688 Seiten
Verlag: Knaur TB, 2010
ISBN-13: 978-3426504307

Weiterführende Links:




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