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(C) Verlag Theiss
Das Buch von Doris Fischer kann als bestes Werk am Markt bezeichnet werden, wenn es um einen umfassenden Einstieg in die Thematik geht, der zudem durchgehend auf historischen Quellen beruht.

Doris Fischer: Mittelalter selbst erleben
Reenactment-Projektbuch
für Einsteiger mit Hintergrundwissen

30. 4. 2010 - 8:30
Erec Lingam


Gerade rechtzeitig zu Saisonbeginn ergänzt mit Doris Fischer eine fachlich höchst erfahrene und kompetente Autorin das stetig wachsende Angebot an Do-It-Yourself-Anleitungen für Mittelalter-Anfänger mit einem "Reenactment-Kochbuch" für alle Sparten.

Manches darin ist bekannt, Gugel und Bundhauben gab es schon öfter, dafür liefert uns die gelernte Archäologin mit dem Schwerpunkt auf die Welt der Kinder und Jugendlichen im Mittelalter einige Vorschläge, die es in dem Zusammenhang bisher kaum in die Bauanleitungen schafften. Meine persönlichen Bastel-Highlights dabei sind wohl die Gesichtsmaske aus dem Oberleder eines alten Schuhs, Bauanleitungen für Messer, Löffel und Holzschwert sowie die detaillierte Schilderung, wie man mit einer Schweinsblase umgeht, damit daraus ein brauchbares Spielzeug wird.

Historische Belege

Wichtig ist der Autorin ganz offensichtlich, dass jeder ihrer Vorschläge auch seinen fundierten archäologischen Beleg vorweisen kann, in Zeit und Gebrauch tatsächlich "A"-Qualität hat. Aus einem Christbaum lassen sich mehrere Quirle für das ganze Jahr schnitzen - mit einer schlichten Schnur die komplizierteren gotischen Muster anreißen, aus einem Stäbchen und Ton werden Spinnwirtel, aus Weide und Holler einfache Pfeifen und Flöten.

Kochbuch für Arbeitsschritte

Das besondere an Doris Fischers Arbeitsanleitungen ist die stilistische Nähe zum Kochbuch: Zuerst wird erklärt, wozu das Werkstück taugt, dann folgt eine exakte Aufzählung aller benötigten Materialien (und aller Werkzeuge!). Danach werden die einzelnen Schritte so einfach und nachvollziehbar wie möglich beschrieben. Dabei wird auch auf die möglichen Gefahren bei der Benutzung (z.B. bei den knöchernen Schlittsschuhen) Bezug genommen.

Der Leser wünscht sich immer mehr...

In diesem Zusammenhang zeigt sich die einzige Schwäche des durchwegs klar verständlichen und gut nachvollziehbaren Arbeitsbuchs: Manche im Text angesprochene historische Bezüge – oft konkret angesprochene Bilder – bleiben ohne die entsprechenden Illustrationen im Buch. Wer im Netz die anderen Arbeits- und Rekonstruktionsarbeiten der Autorin gefunden hat, die durchgehend akribisch dokumentiert sind, mag sich über die vergleichsweise spartanische Ausstattung der einzelnen Projekte im Buch wundern. Da hätte man dem Werk gern einen zusätzlichen Druckbogen für die sicher vorhandenen Detailaufnahmen und Arbeitsfotos gegönnt.

Zur Zeit das beste Werk am Markt

Aber auch in der vorhandenen Form ist das Buch das bei weitem beste, das sich hinsichtlich Vielfalt und historischer Korrektheit für den Reenactment-Einstieg finden lässt. Die Erfahrung der Autorin in der Materie ist auf jeder Seite zu spüren, ihre Begeisterung für die experimentelle Archäologie als Forschungsmethode ebenfalls.

Österreich-Bezug

Freundlicherweise hat die Autorin eine Frage nach einem möglichen "Österreich-Bezug" akribisch genau beantwortet: "Ich arbeite zur Zeit an einer Übersicht mittelalterlicher Spielzeugfunde von archäologischen Grabungen, die um einiges umfangreicher werden wird als meine Kurzfassung auf der Internetseite (Link siehe unten). Das umfasst Funde von der Türkei bis Norwegen und von Frankreich bis Russland - natürlich auch vieles aus Österreich (u.a. Keramikpferdchen, Knochenpfeifen, Knochenwürfel)."

Zusammenarbeit mit Historia Vivens 1300

"Mit Andreas Bichler von Historia Vivens 1300 aus Puchberg habe ich mich über die Rekonstruktion mittelalterlichen Spielzeugs ausgetauscht. Von Historia Vivens habe ich dankenswerterweise auch zwei Abbildungen für mein Buch bekommen: Einmal Karin Bichler im Kapitel 'Gebetsschnur' und dann die Tafelrunde in der Bachritterburg im Kapitel 'Esslöffel'. Persönlich kennengelernt habe ich die Gruppe bisher noch nicht, da es mich urlaubsmäßig eher in den Norden zieht." Dieser Text spiegelt die Arbeitsweise der Autorin wider: Betont korrekt, knapp und aufs wesentliche beschränkt - so viel Information, wie es in kurzer Form nur möglich ist.

Informativ und lesenswert

Abschließende Bewertung: Informativ und lesenswert und wegen der Fülle an Informationen nicht nur für Einsteiger sondern auch für Lehrer und erfahrenere Darsteller dringend empfohlen!


Daten:

Doris Fischer
Mittelalter selbst erleben!
Kleidung, Spiel und Speisen - selbst gemacht und ausprobiert
2010. 96 S.
Verlag: Theiss
ISBN: 9783806223088
14,90 Euro


Weiterführende Links:








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1. Kommentar von Regentropfen am 30.04.2010 um 12:45

*haben will*
Genau nach soetwas habe ich seit Ewigkeiten gesucht und nie gefunden. Und das klingt ja jetzt mehr als vielversprechend.

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2. Kommentar von caly am 30.04.2010 um 13:33

Kann wer Genaueres zum Kleidungsteil sagen?
Was kann man sich da erwarten, ist das ein allumfassender Guide für diverse Zeiten und Gegenden? Kann mir grad nicht vorstellen, dass man auf einem Bruchteil der 96 Seiten Alles von Wikingern bis Spätmittelalter unterbringen kann, Basisschnitte, mehrer soziale Schichten, alles Wissenswerte zur Herstellung und Verwendung diverser Accesoires (Gugel, Mantel, Gürtel, Surcot, Strümpf, Schuhe)... Und noch dazu mit Quellen.
Es klingt zwar echt preiswert, würde es aber trotzdem schad finden, wenns dann in der Ecke landet.

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3. Kommentar von das Schandmaul am 30.04.2010 um 14:55

Gutes Buch...
...für die ganze Familie. Es bietet einiges für den Einsteiger, aber gerade der Gewandungsteil kann es mit einem Buch über dieses Thema nicht aufnehmen - wie denn auch? Das Thema Spiele und das Beutelbuch sind Dinge, die für mich eher interessant sind. Man kann auch viel mit den Kindern basteln.
Gute Tipps also, wen aber ein bestimmtes Thema näher interessiert, wird man an einschlägiger weiterführenden Literatur nicht herumkommen.

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4. Kommentar von erec am 03.05.2010 um 06:22

@ caly
Das wirst wirklich ned ernsthaft auf 96 Seiten erwarten können.
Aber zumindest eine erste Gewandung für Durchschnittsmenschen ist vom Kopf bis Fuß historisch richtig und leicht nachschneiderbar vorhanden. Und dazu kommt das wichtigste an Ausrüstungsteilen was man so braucht, um in Markt und Lager nicht als Ambientewolpertinger rumzustiefeln. Dafür gibts die Quellen.
Eine Einstiegsdroge eben fürs Reenactment.
Auf kurz oder lang kommst um die Handvoll wissenschaftlicher Standardwerke ohnehin nicht herum, wenn dein Mittelalter nicht nur ganz wenige Tage im Jahr sinnvoll sein soll.
Aber kontaktier mich (oder wen anderen) gern für Fragen nach einer sinnvollen Bücherliste für deine spezielleren Anforderungen und Bedürfnisse.
Alles Liebe! Erec

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