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(C) Convent Verlag
Zehn Jahre Forschungsarbeit werden in dieser wissenschaftlichen Arbeit von Thomas Förster detailliert und übersichtlich präsentiert.

(C) LBD-MV
Zeichnung des Gellen-Wracks.

(C) Klaus Andrews, Hamburg
Demontage des Gellen-Wracks.
Foto: Klaus Andrews

(C) LBD-MV
Schematische Darstellung von Beplankungsarten, unten Gellenwrack.

(C) Klaus Andrews, Hamburg
Bergung der Planken.
Foto: Klaus Andrews

(C) Wxpo-Gruppe MV
Computerbild des Gellen-Wracks.

(C) Wikipedia: Lencer
Seetüchtiger 1:1 Nachbau der Poeler Kogge.

Handelsschiffe des Spätmittelalters
Wissenschaftliche Aufarbeitung
von Wrackfunden in der Ostsee

25. 11. 2009 - 20:15
Klappentext / Florian Machl


In der Reihe "Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums", Convent Verlag, erschien mit der Nummer 67 der Band "Große Handelsschiffe des Spätmittelalters". Es ist zwei großen Wrackfunden in der Ostsee gewidmet, die mit aktuellen Methoden der Unterwasserarchäologie genauestens untersucht wurden. Es sind dies das "Poeler Wrack", datiert auf 1369, und das "Gellenwrack" von 1378. Die Funde unterscheiden sich aufgrund verbesserter Segeleigenschaften und einer erheblich vergrößerten Ladekapazität von den bislang bekannten Schiffsfunden des Spätmittelalters. Die Konstruktion dieser Fahrzeuge liefert ein völlig neues Bild hinsichtlich Variationsbreite und Leistungsfähigkeit im spätmittelalterlichen Schiffbau. Zehn Jahre Forschungsarbeit des Autors Thomas Förster sind in die Entstehung dieses Buches geflossen, eine Tatsache, die sich auf jeder Seite bemerkbar macht.

Allein im Bereich der deutschen Ostseeküste vor Mecklenburg-Vorpommern gelang in den letzten Jahren der Nachweis von annähernd 1.500 Schiffswracks. Unter der Leitung des Verfassers des vorliegenden Buches, konnten über 300 dieser Fundpositionen in aufwendigen Tauchexpeditionen wissenschaftlich erfasst werden. Einen Schwerpunkt der Forschungen stellten dabei zahlreiche neu entdeckte Schiffsfunde des Spätmittelalters dar. In dieser Zeit dominierte das Wirtschaftsbündnis der Hanse den Warenaustausch im nördlichen Europa. Dabei bildete das Schiff als wichtigstes Transportmittel die Basis der ökonomischen Macht.

Zwei Schiffe aus dem 14. Jahrhundert

Im Mittelpunkt des Buches stehen zwei hansezeitliche Wrackfunde, die am Gellen an der Südspitze der Insel Hiddensee und vor Timmendorf an der Westküste der Insel Poel entdeckt, untersucht und geborgen wurden. Das "Poeler Wrack" von 1369 und das "Gellen Wrack" von 1378 zeigen in besonderer Weise, dass die Schiffsform durch das Fahrtgebiet, die Frachten und auch durch die beherrschten Bautechnologien geprägt wurde.

Nachweis für sprunghaften Anstieg der Ladekapazität

Sensationell erscheint dabei der Nachweis, dass in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine sprunghafte Erhöhung der Ladekapazität der Handelsschiffe stattfand. In der Blütezeit der Hanse bedeutete die Vergrößerung des Transportraumes auf Schiffen eine Profitmaximierung bei den hansischen Kaufleuten. Das Streben nach einer größeren Ladekapazität führte im Schiffbau zu neuen Entwicklungen, die sich an der Konstruktion der beiden Wrackfunde nachweisen lassen.

Aufschlüsse über Schiffbautechnologien

Die Fertigung einer Replik des Poeler Wrackfundes erlaubte ein genaues Studium der traditionellen Schiffbautechnologien. Zugleich konnten an dem originalgetreuen Nachbau der "Poeler Kogge" moderne schiffstheoretische Berechnungen durchgeführt werden. Die Analyse des noch erhaltenen Schiffsinventars ermöglichte wichtige Aussagen zu Ladungsgütern und Fahrtrouten, zur Seemannschaft und zum Alltagsleben an Bord.

Wissenschaftliche Arbeit mit hohem Detailgrad

Die Publikation ist klar als wissenschaftliche Arbeit mit hohem Detailgrad erkennbar. Das bietet dem akademischen Leser die Freude einer sauber strukturierten und mit zahllosen Quellen belegten Basis für eigene Forschungen - oder auch nur zur Erweiterung des eigenen Wissensstandes. Einem Gelegenheitsleser muss hingegen klar sein, dass hier keine humoristischen Anekdoten oder Ausschmückungen enthalten sind. Wer sich damit anfreunden möchte, dem offenbart sich eine Welt der Methodik der hochinteressanten Unterwasserarchäologie. Die Methodik umfasste Luftbildprospektion, Prospektion mit Hydroakustik und Georadar, Magnetometertechnik, Kamerasysteme und Tauchuntersuchung. Daraufhin folgen archäologische Dokumentation, Bergung und Konservierung.

Herausforderungen der Unterwasserarchäologie

Ausgrabungen und Dokumentationsarbeiten unter Wasser sind um einiges aufwändiger als an Land. Dies ist im Buch eindrucksvoll nachzuvollziehen, wenn beispielsweise einzelne Fundstücke in und um eines der Wracks einzeln bewertet werden müssen. Sie könnten ja auch später gesunken und von anderen Stellen angeschwemmt worden sein - und sind dies auch tatsächlich, wie ein Zinnlöffel aus dem 18./19. Jahrhundert zeigt, der anhand von Stempeln eindeutig zugeordnet werden konnte. Solche kleinen Beispiele verdeutlichen, mit welcher Akribie die Wissenschaftler vorgegangen sind, um größtmögliche sichere Erkenntnisse aus den Funden zu gewinnen.

Von Holznägeln über Beplankung zu Ausrüstung und Ladung

Die umfangreiche Analyse des verbliebenen Materials der Schiffe, die wie erwähnt auch in einer 1:1 Rekonstruktion des Poeler Wracks resultierte, führte zu einer Reihe wichtiger Erkenntnisse über den Schiffbau aber auch über später erfolgte Reparaturen. Von der genauen Dokumentation und zeitlich exakter Bestimmung gefundener Holznägel, Beschaffenheit und Bearbeitungszustand der Planken und Spanten bis hin zu der Analyse des Kalfatermaterials aus Tierhaaren und weiteren Bestandteilen. Selbstverständlich wurde auch auf die Ausrüstung und Ladung eingegangen und diese auf verschiedene Weise in den wirtschaftlichen Kontext der Zeit gestellt. Selbst der Schädlingsbefall durch Pfahlbohrmuscheln, der vor allem Anlass für die rasche Bergung und Konservierung gab, wurde in Wort und Bild festgehalten.

Reichhaltig bebildert

Das Buch weist eine Vielzahl an Fotografien und Grafiken auf, anhand derer sowohl die Prospektions- und Dokumentationsarbeiten als auch deren Resultate gezeigt werden. Weiters finden sich viele Abbildungen von relevantem Material wie alten Seekarten, Schiffsabbildungen aus der betreffenden Zeit auf Gegenständen oder in Form von Wandmalereien. 173 Fotos erfreuen den Leser und bieten Abwechslung inmitten der wissenschaftlichen Abhandlung. Dazu kommen 60 achäologische Zeichnungen von Wracks, Fundlagen und Fundstücken - ergänzt durch Diagramme und Fundkarten mit geographischer Position von Fundorten von Schiffen gleicher Bauweise. Die Funde wurden stets auch in Kontext mit Funden im Umfeld gestellt, die im Buch ebenso akribisch aufgelistet werden.

Dimensionen der Schiffe

Schlussendlich werden die Wracks nicht nur mit bisherigen Funden und Erkenntnissen in Relation gesetzt, sondern auch miteinander, was eine Auflistung zentraler Daten ergibt. So war das Gellenwrack ein 28 m langes, 7 m breites Schiff mit einem Tiefgang von 1,8 m ohne und 2,5 m mit Ladung, fasste 150 t bei einem Laderaum von 265 m³. Das Poeler Wrack maß zu seiner Zeit 31,5 m Länge und 8,5 m Breite, der Tiefgang wird von 2,0 m ohne und 2,75 m mit Ladung angegeben, und verfügte über eine für diese Zeit und diesen Ort ungewöhnliche Kapazität von 230 t bei 400 m³ Laderaum. Beide Schiffe wurden mit Hilfe eines Rahsegels fortbewegt. Die Geschwindigkeit wird auf Basis eines Rekonstruktionsmodells in der Gegend von 5,5 Knoten (10,86 km/h) eingeschätzt. Auch die Gründe, die zum jeweiligen Untergang geführt haben dürften, werden präzise erläutert.

Über den Autor

Der Autor, Thomas Förster, geboren 1966 in Bergen auf der Insel Rügen, studierte Museologie an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und promovierte 2005 mit dieser Arbeit an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Seit 1985 ist er maßgeblich an der Erfassung und Untersuchung von archäologisch bedeutsamen Schiffsfunden in der Ostsee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns beteiligt. Er ist als Wissenschaftler am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund tätig und in verschiedenen unterwasserarchäologischen Projekten aktiv - unter anderem als Projektkoordinator des Ozeanums.

Empfehlenswertes Werk

"Große Handelsschiffe des Spätmittelalters" ist für all diejenigen bedingungslos empfehlenswert, die sich für die Materie interessieren. Für historisches Reenactment ist es bedingt als Quelle empfehlenswert, da es räumlich naturgemäß nur stark eingeschränkt nutzbar ist und ein Spätmittelalter-Darsteller aus Wien sich keinerlei neue Erkenntnisse für seine Darstellung erhoffen kann. Ebenso kann eine klare Empfehlung abgegeben werden, wenn man sich für die Methoden und Ansätze der Unterwasserarchäologie interessiert und sämtliche Arbeitsgänge übersichtlich aneinandergereiht in einer hochqualitativen wissnschaftlichen Publikation studieren möchte. Sowohl Inhalt und Präsentation des Materials erwecken den Wunsch, vom Wissen des Verfasser in Form einer universitären Veranstaltung profitieren zu dürfen. Ebenso ist der Publikationsreihe großes Lob auszusprechen, da das großformatige Buch im Hardcoverformat, nicht zuletzt wegen der ansprechenden Umschlaggestaltung, eine Zierde in jedem Bücherregal darstellt.

Daten:

Große Handelsschiffe des Spätmittelaters
Untersuchungen an zwei Wrackfunden des 14. Jahrhundert vor der Insel Hiddensee und Insel Poel
Thomas Förster
Gebundene Ausgabe: 376 Seiten
260 farbige Abbildungen
Verlag: Convent; Auflage: 1., Aufl. (29. September 2009)
ISBN-10: 386633012X
ISBN-13: 978-3866330122
Aktueller Richtpreis: 49,90 Euro

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1. Kommentar von Lord Michael am 03.12.2009 um 15:29

Sehr schön
Zufällig hab ich grad in einem anderen Forum eine Liste gepostet von historischen Schiffen oder Nachbauten solcher. Ich setz die mal für den interessierten Leser hier mit rein. Aufgeführt sind aber nicht nur mittelalterliche sondern auch Schiffe späterer Zeit bis ins 19. Jhr.
Deutschland- Hier fand ich mehrere Nachbauten von Hansekoggen
Bremerhaven/Originalfund der Bremer Hansekogge im deutschen Schiffahrtsmuseum
http://www.dsm.national.museum/
Bremen/Roland von Bremen Nachbau
http://www.bremer-hansekogge.com
Bremerhaven/Ubena von Bremen Nachbau
http://www.hanse-koggewerft.de/
Kiel/Hanskogge Nachbau
http://www.hansekogge.de
Wismar/Wissemara Nachbau
http://www.poeler-kogge.de
Lübeck/Lisa von Lübeck Nachbau
http://www.hanseschiff-luebeck.de/Lisavo...vonLuebeck.html
Niederlande
Nachbauten zweier niederländischen Ostindienfahrer
Lelystad/Batavia Nachbau
http://www.bataviawerf.nl/
Amsterdam/Eastindiaman Amsterdam Nachbau
http://www.scheepvaartmuseum.nl/english/...iaman-amsterdam
Kampen/De Kamper Kogge Nachbau einer Kogge
http://www.kamper-kogge.nl/
Great Britain
Dundee/HMS Unicorn Original
http://www.frigateunicorn.org/
Die britische Fregatte von 1824 liegt heut als ein sog. Hulk in Dundee.
Als Hulk bezeichnet man unter anderem Schiffe die ihrer Fortbewegungsmöglichkeiten beraubt z.b. als Lager oder Wohnschiffe genutzt werden
Hartlepool/HMS Trincomalee Original
http://www.hms-trincomalee.co.uk/
Neben der HMS Unicorn und der USS Constitution einzig noch erhaltene Fregatte dieser Zeit
London/Golden Hind Nachbau
http://www.goldenhinde.com/
Brixham/Golden Hind Nachbau
http://www.goldenhind.co.uk/
Flaggschiff des Weltumseglers und Bezwingers der spanischen Armada Sir Francis Drake
Portsmouth/Victory Original
http://www.hms-victory.com/
Admiral Nelsons Flaggschiff
Irland/Jeanie Johnston Nachbau
http://www.jeaniejohnston.ie/
Nachbau eines Auswandererschiffs des 19. Jhr.
Dänemark
Kopenhagen/Vasa Original
http://www.vasamuseet.se/international/German.aspx
Kopenhagen/Tvekamp av Elbogen Nachbau einer Kogge
http://www.koggmuseet.se/
Russland/Shtandart Nachbau
http://www.shtandart.com/
Nachbau einer russischen Fregatte nach englischem Vorbild von 1703

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