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... wurfen hin in steine /grôze und niht kleine...
Ein Tagungsband zu Belagerungen und Belagerungsanlagen im Mittelalter
Andreas Ahammer
02.12.2011 09:31

Wie der Titel dieses Sammelbandes - ein Zitat aus der Österreichischen Reimchronik Ottokars über die Belagerung der Burg Falkenberg (NÖ) - bereits vermuten lässt, handelt es sich bei dem vorliegenden Sammelband um eine Veröffentlichung, welche sich dem leider noch sehr schlecht erforschten und vor allem im Hinblick auf Publikationen stark unterrepräsentierten Themenkomplex rund um Bliden, Katapulte und sonstige Belagerungswaffen widmet.

“Bleidenberg und Burg Thurant - Belagerungsburgen an der Mosel, in Rheinland-Pfalz und in Europa”

Entstanden ist der Band in Folge der vom 18. bis 25. März 2005 in Oberfell an der Mosel stattgefundenen Tagung “Bleidenberg und Burg Thurant - Belagerungsburgen an der Mosel, in Rheinland-Pfalz und in Europa”. Organisation und Initiatoren dieser Tagung, sowie auch der vorliegenden Veröffentlichung der Tagungsakten, waren Olaf Wagener und Heiko Laß. Ebenfalls beteiligt waren die Ortsgemeinde Oberfell, der Marburger Arbeitskreis für europäische Burgenforschung e.V., das europäische Burgeninstitut sowie einige Sponsoren.

Aufarbeitung eines bis dato
unterrepräsentierten Themengebiets


Ausgangspunkt der Tagung und des damit verbundenen Tagungsbandes war der Themenkomplex "Belagerung und Belagerungsburgen". Während die Burgenforschung “in den letzten Jahren verstärkt die zeichenhafte Funktion von Burgen und auch die symbolische Bedeutung von Wehrfunktionen in den Vordergrund der Betrachtung” (Wagener S.19) rückte, wurde dabei der Wehraspekt - welcher in den letzten Jahren immer wieder bei Tagungen und im Zuge von Publikationen mehr oder minder kontrovers diskutiert wurde und wird - eher vernachlässigt. Auch das Themengebiet der Belagerungen - welches von dem Gerät bis hin zu speziellen Belagerungsbauten ein sehr umfangreiches Feld ist - blieb bis dato eher vernachlässigt. Wenige Arbeiten mit meist unzureichendem Tiefgang bearbeiteten den Themenkomplex höchstens oberflächlich. So lässt es eigentlich wundern, dass eine einschlägige Fachtagung verhältnismäßig lange auf sich warten ließ. Kerninteresse der Tagung war es, Fragen rund um Belagerungsburgen bzw. Gegenburgen zu erörtern.

Kommen die federführenden Akteure Wagener und Laß zwar aus dem Gebiet der Burgen- und Bauforschung, so war es dennoch gesetztes Ziel, “das Phänomen Belagerungsburg von mehreren Seiten anzugehen und dabei verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zu vereinen” (Laß S.13). Dieser interdisziplinäre Ansatz wurde engagiert umgesetzt und spiegelt sich dementsprechend in den Aufsätzen wider.

Ein rundes Bild des Themenkomplex
von Europa bis Japan


Die Aufsätze sind eingeteilt in vier den Sektionen der Tagung entsprechende Kapitel:
Kapitel eins behandelt “Die funktionalen Grundlagen - Waffen und Kriegsgerät”.
Michael Kirchschlager und Thomas Stolle erörtern in ihrem Aufsatz “Das teuflische Werkzeug - Entstehung und Geschichte der Weißenseer Steinschleuder” die Geschichte der Blide und dokumentieren das Entstehen der sich auf der Runneburg befindlichen so genannten Weißenseer Steinschleuder.

Gerd Strickhausen gibt in seinem Aufsatz “Bemerkungen zu frühen Feuerwaffen im 14. Jahrhundert” eine interessante Rundschau über frühe Geschützrohre und geht dabei auf die Loshult Büchse sowie andere bekannte Exemplare ein.

Das zweite Kapitel “Die historischen Umstände - Die Belagerung in der Geschichte / Die Belagerung einer Burg - Historische Beispiele” behandelt die Belagerung an sich und will einen Blick auf die konkreten Umstände der Belagerung selbst werfen.

“Zu Frieden, Frommen und Nutzen des Landes... Belagerung und Untergang pfälzisch-elsässischer Burgen” von Alexander Thon beschreibt die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Rietburg, Wegelnburg, Frönsburg, Burg Hohenfels und die Burg Montfort.

“daz nuwe Hus; ... wollen und sullen helfin brechen - Der Kampf um Burgen im mittleren Lahngebiet im Spiegel der schriftlichen Überlieferungen” von Jens Friedhoff geht weiter auf das Thema des “umkämpften Orts” ein und zieht dazu als Beispiel die Belagerungen der Burgen Alt- und Neu-Elkerhausen heran.

“Ward die vesti gewunnen und zerbrochen - Der Kampf um feste Plätze im Mittelalter” von dem bekannten Schweizer Archäologen Werner Meyer bringt Beispiele über das Vorgehen bei Belagerungen und geht auf die Häufigkeit von Zerstörung, kampfloser Kapitulation, völliger Zerstörung und Anzahl von Belagerungen ein.

“De Monckler destructione - Die Belagerung der Burg Montclair und die Burgstellen in ihrer Umgebung” von Sascha Wagener beschäftigt sich mit der Belagerung von Burg Montclair, dem umgebenden Burgensystem und den errichteten Belagerungsanlagen.

“Gegenburgen als Mittel der Territorialpolitik anhand von Beispielen aus der südöstlichen Oberpfalz” von Bernhard Ernst zeigt ein durch Burgen gestütztes territorialpolitisches Vorgehen ohne kriegerische Auseinandersetzung.

“Bedrängnis, Angst und große Mühsal - Die Belagerung von Neuss durch Karl den Kühnen 1474/75" von Jens Metzdrof geht genauer auf eine der in machtpolitischer und militärischer Hinsicht wohl interessantesten und bedeutendsten Belagerungen des späten Mittelalters ein.

“...ein solches Nest, deme man wider alles verhoffen weder mit groben noch klainen geschütz nichts abgewynnen khann - Die Belagerung und Zerstörung der Burg Godesburg im Jahre 1583" von Tanja Potthoff berichtet von den Schwierigkeiten der Belagerung der Godesburg im Kölnischen Krieg, welche lange Zeit unerwarteterweise sehr erfolglos blieb.

“histori von der belegnus so der türkisch kaiser gehabt hat vor Rhodis - Die Belagerung der Stadt Rhódos (Griechenland) durch die Türken 1480 im Spiegel der Chronik des Guillaume Caoursin, eines Zeitzeugen” von Michael Losse beschäftigt sich mit der 89 Tage anhaltenden Belagerung der Stadt, welche trotz großer Anstrengungen erfolglos blieb.

Der Aufsatz von Gerrit Himmelsbach mit dem Titel “Kriegsführung im späten Mittelalter - Belagerungen am Beispiel der Burgunderkriege 1474-77" gibt als Abschluss des Kapitels nochmals einen Überblick über das Kriegswesen des ins Auge gefassten Beobachtungszeitraumes.

Das dritte Kapitel des Bandes “Belagerungsburgen und Belagerungsanlage - Architektur und Form” beschäftigt sich mit den baulichen Eigenheiten von jenen befestigten Bauten, welche in explizitem Zusammenhang mit militärischen Auseinandersetzungen entstanden sind.

Der Beitrag “Zu den Belagerungsburge der Wartburg” von Hilmar Schwarz zeigt die Belagerungssituation der Wartburg sowie deren Belagerungsburg, die Eisenacher Burg und die im größeren Umfeld im Zuge des thüringisch-hessischen Erbfolgekrieges errichteten Gegenburgen.

“Die Belagerungen der Burg Hohenstein im Elsass 1251 und 1338" von Bernhard Haegel befasst sich mit den im Zuge der Belagerungen errichteten Schanzen und den in großen Mengen im Gebiet gefundenen Schleuderkugeln.

Der von Lorenz Frank verfasste Aufsatz mit dem Titel “Von der Gegenburg zur Stadtgründung - Balduinstein 1319 bis 1339" zeigt die interessante Entwicklung wie sich eine im Zuge einer Fehde errichtete Gegenburg (Anm.: nicht Belagerungsburg!) zu einer Stadt entwickelte.

Die beiden folgenden Aufsätze “Burg Thurant und der Bleidenberg” von Olaf Wagener und “Die Kapelle auf dem Bleidenberg” von Udo Liessem sind gemeinsam zu betrachten. Olaf Wagener gibt in einem sehr kurzen Überblick einen Abriss der Geschichte der Burg Thurant und ihrer Belagerung. Udo Liessem geht daraufhin genauer auf die Geschichte der Kirche auf dem so genannten Bleidenberg, dem nachgewiesenen Standort der Bliden während der Belagerung der Burg, ein.

“Zum derzeitigen Stand der Studien zu Belagerungswerken vor böhmischen Burgen” von Thomáš Durdik zeigt mit umfangreichem Kartenmaterial einen anschaulichen Plan über ein Gebiet, in welchem noch wenige Grabungen durchgeführt wurden, in dem allerdings sehr interessante Ergebnisse zu vermuten sind.

Thomas Küntzels Aufsatz “Belagerungsburgen in Niedersachsen” bietet einen sehr fundierten und ausführlichen Überblick über Schanzen und andere befestigte Anlagen im Raum Niedersachsen.

Der das Kapitel schließende Beitrag von Olaf Wagener mit dem Titel “Das Schicksal der Belagerungsanlagen nach Ende der Belagerung, dargestellt an Einzelbeispielen - ein Arbeitsbericht” zeigt anhand einer Vielzahl an untersuchten Beispielen den Verbleib von Schanzen und Belagerungsburgen.

Das vierte Kapitel, welches im Sammelband mit “Schluss - Belagerungsburgen in Japan” betitelt wird, besteht lediglich aus einem einzigen Aufsatz. Andrea Höllers Beitrag “Burgen und Belagerungstechnik in Japan zur Zeit der Shōgune (14.-19. Jh.)” bietet einen schönen Blick über die europäischen Grenzen hinaus und rundet das Kernthema ab. Umso schöner ist es, dass dieses doch exotische Thema auch in den Tagungsband aufgenommen wurde.

Zusammenfassung

Der Tagungsband kann sowohl in Auswahl und Qualität der Texte sowie auch in der Qualität des Druckwerkes als solches uneingeschränkt empfohlen werden. Der umfangreiche wissenschaftliche Apparat und die das Maß treffende Bebilderung machen das Werk zu einem Muss für alle am Themenkomplex Interessierten.
Die Aufsätze decken ein sehr breites Interessensspektrum ab und sind somit auch für den Reenactment- und Living-History-Begeisterten schwer empfehlenswert. Unabhängig davon ob der Zugangspunkt über Bauforschung, Militärgeschichte, Realienkunde oder Mittelalterarchäologie kommt, wird der größte Teil der Aufsätze in jedem Fall von großem Interesse und Nutzen für den Leser sein.

Der für ein Fachbuch nicht überraschende Preis von € 75,90 mag zwar auf den ersten Moment für viele Leser abschreckend wirken, allerdings ist das Buch sein Geld mehr als nur wert, ist es doch meiner Meinung nach die bis dato beste und umfangreichste Lektüre, welche man sich zu diesem Thema aneignen kann.

Die Herausgeber

Olaf Wagener, geboren 1977, Diplom-Rechtspfleger, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte; seit vielen Jahren Beschäftigung mit burgenkundlichen Themen, insbesondere mit Belagerungen von Burgen und Belagerungsanlagen; mehrere Veröffentlichungen zu diesen Themen in verschiedenen Fachzeitschriften.

Heiko Laß, geboren 1968, Kunsthistoriker und Historiker, Gründungsmitglied und erster Vorsitzender des Marburger Arbeitskreises für europäische Burgenforschungen e.V.; Dissertation über Jagd- und Lustschlösser im 17. und 18. Jahrhundert, zahlreiche Publikationen zur Kunst- und Kulturgeschichte des Adels, Architekturgeschichte und Landesgeschichte.


Bibliographische Angaben:

Wagener, Olaf und Lass, Heiko: ...wurfen hin in steine / grôze und niht kleine... - Belagerungen und Belagerungsanlagen im Mittelalter. (= Beihefte zur Mediaevistik. Monographien, Editionen, Sammelbände. Band 7. hrsg. von Peter Dinzelbacher) Frankfurt a. M. u.A. 2006.
410 Seiten, broschiert
über 100 SW-Abbildungen
ISBN 978-3631554678

Weiterführende Links:






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