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Verlag V.F.SAMMLER/Stocker
Das Titelbild zeigt eine der faszinierenden Ganganlagen, die häufig sehr exakt gefertigt sind und gemeinhin dem Mittelalter zugeschrieben werden.

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Der reichhaltig mit Fotos bestückte Text-Bildband zeigt und beschreibt viele Fundorte.

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Vor Kurzem ist eine Filmdokumentation erschienen, die bewegtes Bildmaterial zu den Inhalten des Buches präsentiert.


Tore zur Unterwelt - ein faszinierendes Rätsel
Sind Erdställe viel älter als angenommen?
Florian Machl
19.12.2011 20:30

Mit dem Text-Bildband „Tore zur Unterwelt“ legten Dr. Heinrich Kusch und Ingrid Kusch im Jahr 2009 ein Werk vor, das mehr als genügend Stoff zur Kontroverse beinhaltet. Im November 2011 ist begleitend dazu eine Filmdokumentation erschienen. Das Ehepaar Kusch beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung und Dokumentierung von Höhlen und unterirdischen Kultstätten. Seit gut einem Jahrzehnt sind sie dem Rätsel der Erdställe auf der Spur, die der üblichen Lehrmeinung nach einen mittelalterlichen Ursprung haben sollen. Erdställe und unterirdische Ganganlagen sind aus vielen Ländern Europas bekannt. In Österreich gibt es eine signifikante Häufung im Gebiet der Steiermark. Insbesondere auf dieses Gebiet konzentrieren sich die in diesem Buch populärwissenschaftlich vorgestellten Untersuchungen. Vorweg: Wer sich eine wissenschaftliche Arbeit mit nachvollziehbarer, folgelogischer Dokumentation erwartet, wird enttäuscht werden. Der Sinn und Zweck dieser Arbeit dürfte es gewesen sein, Neugier für ein nur bruchstückhaft erforschtes Teilgebiet der Menschheitsgeschichte zu erwecken. Dieses Vorhaben gelingt auf ganzer Linie.

Ein Erdstall ist keineswegs eine unterirdische Anlage zur Viehzucht. Vielmehr ist eine „Stelle“ unter der Erde gemeint. Diese Bezeichnung ist aus dem 15. Jahrhundert schriftlich nachgewiesen. Regional haben diese künstlich angelegten Höhlen verschiedene Bezeichnungen. So nennen sie die Bayern „Schrazllöcher“ – der Schrazl (auch Schrat) ist ein historischer Name für einen Erdzwerg, der in selbiger hauste. In vielen alten Sagen und Überlieferungen werden tatsächlich mythische Urvölker und Fabelwesen erwähnt, die in der Erde leben sollen, begonnen bei der nordischen Mythologie mit ihren Riesen und Zwergen. Für Riesen sind die Geheimgänge, um die es hier geht, sicher nicht geeignet. Sie haben eine Höhe von meist maximal 1,60 Metern und eine Breite von maximal 0,8 Metern, können aber auch deutlich enger und niedriger ausgeführt sein. So widmet man auch im Buch ein Kapitel den regionalen Sagen der Steiermark, in denen auf Erdgänge, Hallen unter der Erde und merkwürdige Völker, die darin irgendwann gehaust haben sollen, Erwähnung fanden. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass solche Überlieferungen natürlich mit großer Vorsicht zu genießen sind, Sagen in der Regel aber irgendeinen wahren Kern haben. Und tatsächlich, an vielen aus Sagen bekannten Orten finden sich auch heute noch Eingänge zu unterirdischen Gangsystemen.

Bisher bekannt waren eher kleine Anlagen ...

In der wissenschaftlich aufgearbeiteten Praxis fanden sich bisher meist nur kurze Gangsysteme von etwa 50 Metern Länge. Diese – obwohl insgesamt zu tausenden bekannt und erhalten – zeichnen sich in allen Ländern (Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Österreich) durch eine schwer nachvollziehbare Fundleere aus. Sprich: Darin ist nichts erhalten geblieben, was eine Datierung ermöglicht. Dabei ist festzuhalten, dass die bekannten Gangsysteme selten bis nie größere Kammern aufweisen, in denen sich beispielsweise Menschen aufhalten oder etwas einlagern hätten können. In wenigen Fällen konnten beispielsweise Holzkohlenstücke gesichert und analysiert werden. Von diesen Proben ausgehend wird die Datierung zumeist in den Rahmen des 10. bis 12. Jahrhunderts gelegt. Dies als Einleitung zum besseren Verständnis, das Buch widmet sich bedauerlicher Weise den bisherigen Erkenntnissen der Erdstallforschung kaum. Den Ausführungen der Autoren Kusch kann man jedenfalls gut folgen, wenn vorgebracht wird, dass diese wenigen Befunde auch von später eingebrachten Gegenständen herrühren können und nicht unbedingt eine gesicherte Datierung erlauben. Es gibt einen einzigen Fund einer Feuersteinklinge, aber auch dieser könnte wie auch immer nachträglich eingebracht worden sein (oder gar Teil eines Luntenschlossgewehres sein, wie andere Quellen vermuten). Diese Fundleere könnte ein Grund dafür sein, weshalb sich die Wissenschaft höchstens randläufig für das Phänomen interessiert: Es gibt auf den ersten Blick nichts Aufsehen erregendes zu entdecken, keine prall gefüllten Schatzkisten oder reich dekorierten Grabanlagen warten auf ihren Entdecker.

Weitläufige Ganganlagen unter dem Stift Vorau

Der wohl beeindruckendste Ort, von denen im Buch und in der Filmdokumentation berichtet wird, ist das Augustiner Chorherren Stift Vorau (gegründet 1163). Mittelalterforschern ist dieses bestens bekannt, nicht zuletzt durch dort beherbergte Kleinode wie dem Vorauer Evangeliar. Das Stift in der Steiermark, nordöstlich von Graz, war der Einstiegspunkt der Autoren in die Thematik. Auf Basis einer alten Karte, die möglicherweise unterirdische Gänge anzeigte, begannen die Höhlenforscher in der Region zu ermitteln. Dabei wurden nicht nur in den Ortschaften rund um das Stift zahlreiche Eingänge zu Erdgängen entdeckt, sondern auch alte Aufzeichnungen durchforstet. Im Gegensatz zu vielen anderen Geheimgängen und Erdställen, die von der Geschichtsschreibung offenbar weitgehend ignoriert oder totgeschwiegen wurden, ist von der Vorauer Unterwelt zumindest einiges bekannt. Beispielsweise die große Krypta, die über Jahrhunderte hinweg für religiöses Zeremoniell genutzt wurde. Diese (die Lage ist noch unbekannt) und ein weit verzweigtes Netz an Gängen, das laut den Autoren durch den Einsatz von Georadar und Probebohrungen nachgewiesen werden konnte, wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt, möglicherweise im 17. Jahrhundert, verfüllt, vermauert und verborgen. Ein Schicksal, das viele Erdställe und Ganganlagen offensichtlich zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert aus ungeklärten Gründen ereilte.

Abschottung vor „Unheil aus der Tiefe“?

Mysteriös ist nicht nur der Grund für das Verbergen der Anlagen, nachdem diese viele Jahrhunderte lang geöffnet waren, sondern auch die Art, wie dies vielerorts vollzogen wurde. So wären zehn bis fünfzehn Meter dicke Vermauerungen keine Seltenheit und auch gegenständlich nachweisbar. An manchen Orten wären nach der Verschüttung und Vermauerung noch schwere Steinplatten über die Eingänge gelegt worden. Eine kirchliche Anordnung zur Verbannung des Heidnischen, Frühchristlichen – oder eine kollektive religiöse Furcht vor irgendeinem Unheil, das sonst aus der Tiefe kommen könnte – dem Teufel selbst? Angesichts der Enge der bekannten Gangsysteme ist eine Vermauerung dieses Ausmaßes jedenfalls mit beachtlichen Aufwänden verbunden - Zeit und Kosten, die auch im Mittelalter keineswegs selbstverständlich waren. An manchen Orten wie auch in Vorau wurde Wasser in die Gänge eingeleitet, das binnen relativ kurzer Zeit so viele Ablagerungen einschwemmte, dass die Gänge vollständig verschlossen wurden. Diese relativ einfache Methode, einen Erdkeller faktisch zu "zerstören" belegt auch, dass diese keinesfalls als Fluchtorte geeignet waren, wie manche Forscher annehmen. Neben der umständlichen Einleitung von Wasser hätte bei den meisten bekannten Anlagen auch die Entzündung eines Feuers ausgereicht, um den Sauerstoff im Inneren zu entziehen und alle darin befindlichen Menschen zu töten. Die bislang dokumentierten Erdställe kennen keine Fluchtwege und haben nur in seltenen Fällen Luftschächte - diese zumeist nur im Eingangsbereich.

Riesiger Bauaufwand – nirgendwo dokumentiert

Viele Details am Phänomen der Erdställe lassen aufhorchen. So behaupten die Autoren, dass die Arbeit an einem solchen Bauwerk mehr als aufwändig gewesen sein muss. Im Falle der Anlagen unter dem Stift Vorau wären Arbeiten an einem Gangnetz in bis zu 70 Meter Tiefe und mehreren hundert Metern Ausmaß kein einfaches Unterfangen gewesen, das so nebenbei zu erledigen wäre. Zahlreiche Arbeiter und eine zuliefernde Industrie wie beispielsweise zur Herstellung von Metallmeißeln wäre notwendig gewesen. Aus dem Bergbau relativ junger Zeit gelte als gesichert, so die Autoren, dass gehärtete Metallmeißel bei Handarbeit im Gestein nach kürzester Zeit verschleißen. So wären für eine 6-Stunden-Schicht im Untertagebau in der DDR 40 Meißel vorgesehen gewesen. Es wird davon ausgegangen, dass der Baufortschritt an einem Gang bei idealen Bedingungen und wechselnder allerhöchstens einen Meter pro Tag betragen hätte - soferne in weichem Gestein gearbeitet wird. Aus dem Gebiet um Vorau ist aus keiner Kirchenchronik oder sonstigen Aufzeichnung ein entsprechendes Bauvorhaben bekannt, auch konnten die wenigen belegbaren Schmiede der Region ein solches Unterfangen unmöglich alleine unterstützt haben. Einer der ersten Gedanken, ob die zeitliche Einteilung ins „Mittelalter“ nicht gegebenenfalls falsch sein könnte.

Weisen überirdische Lochsteine auf Geheimgänge hin?

Den Autoren fiel auf, dass in der Nähe von Eingängen zu Erdställen häufig so genannte Lochsteine zu finden waren. Es handelt sich um behauene, tief vergrabene, sehr schwere Steine mit einer kreisrunden Lochbohrung von etwa 3-3,5 cm Durchmesser. Diese werden ins Neolithikum datiert. Soferne diese Steine noch an ihren Originalplätzen stehen, weisen sie gemäß Kusch und Kusch häufig folgende Begleiteigenschaften auf: Zum einen wären in Richtung der Lochbohrung die nächsten Lochsteine zu verorten, zum anderen wären darunter – ebenso in Richtung des Loches – unterirdische Ganganlagen nachweisbar. Interessant – auch wenn dies im Buch nicht erwähnt wird - ist die Tatsache, dass eine Tradition, mit Lochsteinen unterirdische Anlagen anzuzeigen, seit dem 16. Jahrhundert überliefert ist. Die Dimensionen von Bergbauschächten wurden überirdisch damit amtlich gekennzeichnet. Und zwar exakt so, wie es von den Autoren für die historischen Lochsteine angegeben wird: Das Loch diente als Peilmöglichkeit für den nächstfolgenden Lochstein. Diese Tradition hielt sich abgewandelt bis ins 19. Jahrhundert. Wurde hier von den Bergleuten eine viel ältere Symbolik für dieselbe Bedeutung übernommen?

Sind die Erdställe viel älter als angenommen?

Weitere Zweifel an der etablierten Zeitstellung der Erdställe werden quer durch das Buch verständlich, wenn Fotos und Berichte von verschiedenen Fundorten behandelt werden, wo offenkundig ältere Anlagen später erweitert wurden, in Teilen aber noch die älteren Gänge, die übrigens oft in Spitzbogenform ausgeführt sind, zu sehen sind. Noch spannender wird die Sache dort, wo Eingangsbereiche in Megalithbauweise ausgestaltet oder verlängert worden waren. Dies kann man sich als massive Trockenmauern aus sorgfältig platzierten Einzelsteinen mit einem Abschluss aus massiven, sehr schweren Deckensteinen vorstellen. Hier stellen die Autoren auch Überlegungen an, ob manche dieser Deckensteine eventuell im Sinterbergbau in der Lurgrotte Semirach gewonnen wurden, wo ein prähistorischer Abbau von über 150 großen Steinplatten zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Fasziniert lässt sich der Leser Einstiegsschächte „in die Unterwelt“ zeigen, die noch auf über 1500 m Seehöhe zu finden sind. Faktum ist: Ein steinzeitlicher Eingangsbereich zu einer mittelalterlichen Ganganlage ist eher undenkbar. Sofern sich die archäologischen Befunde belegen lassen, steht zumindest für solche unterirdischen Gänge fest, dass sie aus viel früherer Zeit stammen müssen. In weiterer Folge versuchte man festzustellen, ob in der Gegend von Vorau auch überirdisch noch Spuren einer früheren Megalithkultur nachweisbar sind. Einige historische Steinwälle, die keinen bekannten Burgen zuzuweisen sind sowie Steinhaufen mit Resten behauener Säulen und dergleichen werden fotografisch vorgestellt. Freilich, eine konkrete Aussage erscheint den Autoren hier nicht zulässig zu sein, da sich die Menschen über die Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende an solchen Orten regelmäßig mit Baumaterial versorgt haben. Ein weiteres Rätsel ist die Tatsache, dass die Zugänge zu vielen Ganganlagen in sehr massiv ausgeführten Hausfundamenten liegen, die in Position und Dimension in keiner Relation zu den aktuell darüber liegenden Gebäuden stünden. Bis zu drei Meter starke Außenmauern würden oft eher zu einer Festungsanlage passen würden. Es wird vermutet, dass solche Anlagen älter als die Römerzeit sein könnten und später immer wieder als Fundament genutzt wurden, wenn die überirdischen Gebäude beispielsweise im Zuge der dort im Mittelalter häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen Feuer zum Opfer fielen.

Gleichgültigkeit führt zu Zerstörungen

Bedauerlicher Weise bekundet das Buch an vielen Stellen die große Ignoranz von Teilen der Bevölkerung aber auch offiziellen Stellen gegenüber den historischen Bauwerken. Während bei bekannten, überirdisch gelegenen mittelalterlichen Gebäuden ein unerlaubter Abriss völlig undenkbar wäre, wurde und wird hier nach Lust und Laune weggebaggert, verfüllt und zubetoniert. Der Wikipedia ist zu entnehmen, dass dies in Deutschland kaum anders gewesen sein dürfte. Erst im Sommer 2011 soll das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege erstmals offiziell einen Erdstall untersucht und damit die denkmalpflegerische Bedeutung eines solchen Bauwerks anerkannt haben. Nicht viel anders erging es den meisten Lochsteinen. Diese wurden versetzt, umgelegt, gesprengt oder zweckentfremdet, wie dem jeweiligen Besitzer eben gerade zumute war. Respekt vor den Bauten der Urahnen ist also nicht nur den Taliban in Afghanistan sondern auch der heimischen Bevölkerung oft ein Fremdwort. Auch Aktivitäten der Kirche ab dem Frühmittelalter ist das Verschwinden, Zerstören, Umlegen oder Eingraben von Lochsteinen zuzuschreiben. Hier herrschte eine strategisch kluge Praxis vor, dem Christentum die Kultstätten der lokalen Bevölkerung einzuverleiben. Lochsteine wurden mit Kreuzen ersetzt, später mit kleinen "Marterln", Kapellen oder auch Kirchen. In manche Kirchen wurden Lochsteine in der ursprünglichen, stehenden Position ins Mauerwerk oder in umgebende Zäune integriert und sind als solche noch heute zu besichtigen.

Unbekannte Tunnelbautechnik

Eines der spannendsten Rätsel geben sowohl das Buch als auch die Filmdokumentation erst gegen Ende mit auf die gedankliche Reise. Es existieren weitläufige Ganganlangen mit sehr exakt gearbeiteten Wänden, beispielsweise in den Ausläufern des Masenberges, mit völlig unerklärlichen Bearbeitungsspuren. Während man den Einsatz von Meißeln an relativ kurzen Spuren nachweisen kann, finden sich dort ca. 3 cm tiefe und etwa 40 cm lange keilförmige Rillen einer völlig unbekannten und undeutbaren Bearbeitungsform. Die Autoren sprechen den Gedanken wohl aus Gründen der Seriosität nicht aus, der Leser oder Zuschauer denkt ihn aber sofort. Diese exakt nebeneinander liegenden Rillen, die teilweise senkrecht, teilweise horizontal verlaufen, sind durch keine bekannte Arbeitsweise erklärbar. Am ehesten käme eine moderne, maschinelle Methode wie das Schremmen in Frage. Eine Technik, die für das Mittelalter als auch das Neolithikum nach aktuellem Stand der Wissenschaft wohl eher auszuschließen ist. Man muss dabei beachten, dass die Arbeit mit einer Spitzhacke aus Platzgründen nicht möglich gewesen wäre und auch niemals so exakte Linien hervorgebracht hätte.

Harte Kritiker

Offensichtlich gibt es, ähnlich der so genannten Mittelalterszene, eine „Randgruppe“ von Höhlen- und Erdstallforschern, die alles andere als geeint sind. Nur dadurch scheint erklärbar zu sein, dass online nachlesbare Kritiken wie von Ralf Keller und (gemäßigter) Thomas Rathgeber existieren können, die inhaltlich kaum von Rufmord unterscheidbar sind. Besonders Keller (mutmaßlich ein Pseudonym, das zum Erstellen einer verheerenden Kritik auf Amazon angelegt wurde) ergießt sich in Vorwürfen, die jeden wissenschaftlich-rationell orientierten Menschen vom Kauf des Buches abhalten würden – aber nach dessen Lektüre keineswegs haltbar sind. So unterstellt er dem Ehepaar Kusch, Sagen unhinterfragt als Hauptquellen genutzt zu haben, von geomantischen Linien zu sprechen (Esoterik), Geschichten von unbelegten kilometerlangen Gängen ernst zu nehmen und dergleichen mehr. Das ist in der behaupteten Form weder im Buch noch in der nachzuvollziehen. Vielleicht ist dem Kritiker die eigene Phantasie durchgegangen, denn die vorsichtigen Formulierungen von Kusch und Kusch mögen vieles sein, aber definitiv wird an keiner Stelle behauptet, dass man die Entstehungszeit, die Funktion, die Erbauer oder sonstige Dinge gesichert wisse. Vielmehr wird – besonders in der DVD – immer darauf hingewiesen, dass unzählige Fragen offen sind, es aber eben zum derzeitigen Wissensstand keine Antworten gibt. Die Vorgangsweise der Autoren in der Präsentation ist dahingehend speziell, als dass sie wohl der Funktionsweise des menschlichen Gehirnes entspricht, wenn man über eine Problemstellung nachdenkt. Man identifiziert das Problem als solches und wirft alle möglichen eventuell damit zusammenhängenden Gedanken in einen Topf. Der Mensch wählt in der Regel dann daraus die plausibelsten Erklärungen aus den ihm bekannten Mustern aus und wagt sich am Ende an eine Theorie. Auf diesen Abschluss verzichten die Autoren, vielmehr regen sie beim Leser mit ihrer Methodik an, sich eigene Gedanken zu machen. Dies kann bei einem esoterisch geprägten Background sicherlich auch auf abenteuerlich falsche oder zumindest fragwürdige Fährten und Schlüsse führen.

Leider wenig konkret und ohne folgelogisches Detail

In diesem Buch sind die Autoren in fast allen angeschnittenen Teilbereichen bewusst schwammig und vage geblieben. Einzig auf den fünf Seiten, wo über Lichterscheinungen gesprochen wird und Fotografien unter Zuhilfenahme des Blitzgerätes (!) als Beweise dafür vorgelegt werden, verlassen die Autoren eindeutig kurz die Bodenhaftung. Als Grund sieht der Rezensent hier aber das völlig fachfremde Gebiet an. Kusch und Kusch wären nicht die ersten Wissenschaftler, die im Eifer des Gefechtes von „unbekannten Energien“ schwadroniert hätten - der Nebensatz in Richtung "Orbs" erscheint aber ein Fehlgriff ersten Ranges zu sein. Hier wäre eine Überarbeitung respektive Streichung bei weiteren Auflagen wünschenswert – in der ein Jahr später erschienenen DVD wird davon darüber zum Glück kein Wort mehr erwähnt. Was der Leser schmerzlich vermisst, sind alle bisherigen archäologischen Erkenntnisse zur Erdstallforschung. Viele vergleichbare Gänge wurden bisher genau vermessen und dokumentiert, leider findet sich davon nichts - und auch keine Schlussfolgerungen der daran beteiligten Kollegen - in diesem Buch. Die Autoren bewegen sich nie in Richtung einer Detailebene, einer konkret nachvollziehbaren Aufarbeitung eines Fundortes von Anfang bis Ende. Vielmehr gelangt man zum Eindruck eines unverbindlichen Plauschs zwischen Tür und Angel.

Der Vermarktung dienlich

Dies könnte aber auch Teil der Vermarktungsstrategie des Verlages sein, die aus verkaufstechnischen Gründen nachvollziehbar, aus wissenschaftlichen Gründen bedauerlich ist. Denn insgesamt verspricht der Klappen- und somit Werbetext mehr, als mit dem Buch zu halten ist. Ein riesiges System unterirdischer Gänge wäre entdeckt worden und ließe die Vorgeschichtsschreibung ins Wanken kommen. Die europäische Vorgeschichte müsse gegebenenfalls neu geschrieben werden. Feine Superlative für die Werbung, aber weit über das Ziel hinausgeschossen und möglicherweise die Arbeit des Forscherehepaares wenig sachdienlich verfälschend. Allein - der Erfolg zeigt, dass die Werbelinie recht behalten hatte, denn das Buch wurde schnell zum Bestseller - unterstützt durch Erwähnungen auf ORF und Kronenzeitung. Selbst heute, über ein Jahr nach der Erscheinung, rangiert es auf Amazon rund um Platz 20 der archäologischen Publikationen.

Große Faszination erweckt

All dies soll die Faszination, die von der Thematik ausgeht, nicht schmälern. Und auch den härtesten Kritikern sei ein Vergleich ans Herz gelegt. Selbst wenn der selbsternannte „Grenzwissenschaftler“ von Däniken in all seinen Büchern mit all seinen Deutungsversuchen aufs Peinlichste daneben liegen dürfte, er hat stets eines geschafft, für das man ihm danken muss: Den Blick auf Rätsel und Phänomene zu richten, die sich eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung verdient hätten und nahezu ausnahmslos Neugier und Interesse wecken. Es liegt mir fern, das Ehepaar Kusch mit von Däniken zu vergleichen, denn ihre Vorgangsweise ist bei weitem seriöser angesiedelt, doch im Kern geht es um dasselbe Ziel. Es liegt ein großes Rätsel im wahrsten Sinne des Wortes "vor unseren Füßen ausgebreitet". Die unbändige Neugier des Menschen verlangt danach, dieses aufzuarbeiten, zu erforschen und zu erklären. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies bei weitgehend verschütteten unterirdischen Anlagen mit großem Aufwand verbunden ist – und doch erscheint dieser Aufwand im Vergleich zu vielen anderen Forschungsgebieten wie der Tiefsee oder den Weiten des Weltraums um einige Klassen einfacher realisierbar zu sein. Es ist davon auszugehen, dass wir in den Medien auch weiterhin immer wieder von einem entdeckten Erdstall erfahren – hoffen wir, dass in einem davon die Fundstücke ruhen, die einen echten Erkenntnisgewinn erlauben. Auch der experimentellen Archäologie wurden interessante Hausaufgaben gestellt, denn man sollte sich tatsächlich unter mittelalterlichen Bedingungen einmal daran machen, einen solchen Tunnel zu errichten und dabei den täglichen Baufortschritt dokumentieren, um bisherige Lehrmeinungen zu verifizieren oder zu falsifizieren. Mit Atemschutz und Sauerstoffwarngerät, versteht sich. Bis dahin bleibt „Tore der Unterwelt“ ein spannender Denkanstoß und begeistert mit einem Reichtum an Bildern und einem Fundus an zusammengetragenen Fundorten und Überlieferungen. Der Leser wird gepackt von der Lust auf mehr. Somit ist das Buch sein Geld wert und für jede Neugierdsnase empfehlenswert, auch wenn eine gewisse Ernüchterung über all zu viele eröffnete aber unbeantwortete Fragen nicht ausbleiben wird.


Daten

Das Buch
Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit
Heinrich Kusch, Ingrid Kusch
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: V.F.SAMMER/Stocker;
1. Auflage, September 2009
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3853652379
ISBN-13: 978-3853652374

Die DVD
Tore zur Unterwelt
Studio: Stocker
Spieldauer: 100 Minuten
ASIN: 3853652468

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