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Verlag Wieland / Autoren Nimscholz & Schoetzau
Buchcover

Gemeinfrei
Der berühmte Fechtmeister Hans Talhoffer, Ausschnitt aus einem seiner Fechtbücher, 1467

Gemeinfrei
Seite aus Thalhoffers "Königsegger Kodex", Schlossbibliothek Königseggwald


Dolchfechten
Der mittelalterliche Kampf mit dem Dolch nach Meister Talhoffer
Ing. Harald "Bigman" Winter
27.06.2013 07:45

"So, da saß ich nun ich armer Wicht, wollt wissen wie man mit dem Dolche ficht." Das vorliegende Werk ist mutig. Nicht nur, weil Thalhoffer der heute bekannteste Vertreter der mittelalterlichen Kampfkunst ist, sondern auch weil er mit Worten und Beschreibungen mehr als geizte. Hier haben sich zwei bislang international unbekannte Autoren intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt. Der Rezensent beschäftigt sich seit langen Jahren mit historischer Fechtkunst und besonders mit dem Dolchfechten. Er näherte sich dem Buch sehr zwiespältig - doch am Ende fällte er ein eindeutiges Urteil.

Werter Leser, diese Rezension muss ich ganz einfach anders beginnen, ich hoffe der kleine Umweg ist nicht zu störend für Sie und hilft meine Rezension besser zu verstehen. Nun denn, folgen sie mir in die Abgründe meiner Buchbesprechung …

Ich hörte zum ersten Mal von diesem Buch im Oktober 2012, ein Bekannter sprach mich darauf an, ob ich die Autoren kenne und ich musste es verneinen. Später las ich eine Kurzbeschreibung zu diesem Werk in einem deutschsprachigen Forum, sie war weder inhaltlich aussagekräftig noch bewertete sie das Werk. Zum Glück wurde ich dann darauf angesprochen, ob ich hierzu etwas schreiben möchte. Ich nahm die Gelegenheit wahr und lies mir das Buch schicken.

Ich erhielt es kurz nach Jahreswechsel und dann lag es einmal vor mir. Mir gingen etliche Gedanken im Kopf herum, zwei bis dato international unbekannte Autoren, dann noch ein Buch über das Dolchfechten von Meister Talhoffer, einer der (heute) meist missverstandenen Fechtmeister der damaligen Zeit und zu guter Letzt dann auch noch ein Buch über den Dolch, die Waffe die ich am meisten liebe und wertschätze und wo ich Ungereimtheiten in der Interpretation oder gar der Kampfesweise überhaupt nicht ertragen und leiden kann.  So, da saß ich nun ich armer Wicht, wollt wissen wie man mit dem Dolche ficht und konnte mich nicht dazu überwinden, das Buch zu lesen. Es plagte mich aber das schlechte Gewissen und außerdem stand ich dem Zusender des Buches auch im Wort und so öffnete ich es und begann zu lesen. Was ich dann las überraschte mich.

Ein mutiges Werk

Nun zu aller erst sei gesagt, es handelt sich um ein mutiges Werk. Hans Talhoffer ist sehr berühmt, nicht nur weil er der heute bekannteste Vertreter der mittelalterlichen Kampfkunst ist, sondern auch weil er mit Worten und Beschreibungen mehr als geizte. Um eine sinnvolle Interpretation seiner Stücke zu erlangen muss man oft große Umwege auf sich nehmen, alle Werke begutachten, vergleichen und hin und wieder hoffen, dass in einem früheren oder späteren Werk eine Abbildung zu finden ist, die mehr Aufschluss gibt als die, die man sich gerade ansieht. Das ist nicht immer der Fall und so bleibt einiges Spekulation.

Ein weiterer Grund warum ich meine, dass es ein mutiges Werk ist, ist die Tatsache, dass die Autoren sich nicht damit begnügen, einfach nur ein paar Bilder auf ein paar Seiten zu verteilen und dazu einen bisschen Text zu schreiben. Die Autoren bemühen sich in der Tat dem Leser das Dolchfechten näher zu bringen, sie geben Tipps zum allgemeinen Dolchkampf und auch das immer mehr in Mode kommende Wort „Body mechanics“ wird das eine oder andere Mal niedergeschrieben und erläutert.

Beides sind Gründe warum ein Buch ganz schnell überholt und vor allem verrissen werden kann und diesen Mut aufzubringen ist schon was. Seinen Namen dafür herzugeben und sich so zu exponieren, das trauen sich viele nicht einmal in Foren, geschweige denn mit einer öffentlichen Publikation  „Chapeau“ meine Herren, ich als Mitglied der Fecht- und Schaukampfgruppe Dreynschlag ziehe meinen (natürlich dummen) Hut.

Doch kommen wir nun zum Inhalt

Das Buch beginnt wie viele seiner Art, es gibt Hintergrundinfos zur Waffe, zur Zeit und es wird über die Probleme bei den Interpretationen gesprochen. So weit so gut, es folgen ein paar Anleitungen zum Halten des Dolches, dann kommen Angriffsvariationen und Basisverteidigungen. Das größte Kapitel stellt natürlich die Technikinterpretationen dar und zum Abschluss gibt es allgemeine Grundregeln zum Dolchkampf, zum Training, zur Ausrüstung und natürlich einen Glossar.

Schauen wir uns doch einmal die Interpretationen an

Der Aufbau ist klassisch, leider, denn man hat es verabsäumt, hierbei innovativere Wege zu gehen, andere Kameraperspektiven zu verwenden (z.B. Vogelperspektive) um etwaige Winkeländerungen im Angriff besser hervorzuheben und so manche Einschätzung der Technik wird von mir nicht geteilt. Bedauerlich finde ich, dass die Hinweise, worauf jetzt wirklich Wert gelegt werden sollte oder wo eine erhöhte Verletzungsgefahr besteht, nur sporadisch auftauchen. Ein wenig mehr Kontinuität wäre hier wünschenswert gewesen.

Im Großen und Ganzen muss ich aber feststellen, dass die Ausarbeitungen fundiert sind und allesamt gut dokumentiert dargestellt werden. Einzelne Fotos hätten besser sein können, so manche Körperhaltung wirkt viel zu lasch und so mancher Angriffswinkel funktioniert nur bei Standbildern, doch das, werte Leser, findet ihr selbst heraus sobald ihr damit beginnt, die Techniken zu üben.

Für wen ist das Buch geeignet?

Ich würde mal denken, dass es für Anfänger gedacht gewesen ist, jedoch würde ich den vollkommenen Anfängern, die auch sonst keine Erfahrungen in anderen Kampfkünsten haben, davon abraten, das Buch einfach 1:1 umzusetzen. Erkundigt euch erst einmal, wie man richtige Körperspannungen aufbaut, wie man Personen aushebt und wirft, lernt wie man hinfällt ohne sich dabei zu verletzen. Wenn das mal sitzt, arbeitet mit dem Buch.

Persönlicher Fazit des Rezensenten

Somit sehe ich das Buch in der besten Tradition der historischen Fechtbücher, es ist eine gemütlich handhabbare Sammlung an Dolchtechniken, die, wenn man mal weiß wie diese Fechtkunst grundsätzlich funktioniert, dank dieses Werkes immer leicht wiederherstellbar ist.

Abschließend möchte ich die Empfehlung aussprechen sich dieses Werk zuzulegen, die knapp € 40,-- (lt. Amazon) könnten weitaus schlechter angelegt werden.
Ich hoffe die Rezension war hilfreich und euch gefällt das Buch genauso wie es mir gefallen hat.


Buchdetails:

Autoren
Clemens Nimscholz
Ralf Schoetzau

Wieland Verlag GmbH
192 Seiten
Gebundene Ausgabe
Erstauflage 5. November 2012
ISBN-10: 3938711515
ISBN-13: 978-3938711514

Kurzbeschreibung
Die Ergänzung zu unserer Schwertkampf-Reihe: Clemens Nim­scholz und Ralf Schoetzau stellen in ihrem Buch den historischen Kampf mit dem Dolch ausführlich vor. Diese Kampftechnik wurde von den großen Schwertkampfmeistern des Mittelalters ebenso gelehrt wie der Umgang mit dem langen Schwert oder dem kurzen Schwert und Buckler (Schild). Sie gehörte untrennbar zum Kampfgeschehen. Die Autoren analysieren anhand von historischen Talhoffer-Schriften das mittelalterliche Dolchfechten und entwickeln daraus ein modernes Lehrkonzept. Anhand von zahlreichen Foto­sequenzen werden alle Techniken detailliert dargestellt.

Weiterführende Links:






Isi's Spezereyen




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