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NHM Wien


Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa
Ein Buch von Karina Grömer
Christina Laurin
10.05.2012 07:28

In der Antike war besonders das Spinnen und Weben sehr mythologisch geprägt, doch eigentlich liegen die Wurzeln des Textilhandwerks, welches uns bis heute in weiter entwickelter Form begleitet, bereits viel weiter zurĂĽck im „Dunklen“ der Schriftlosigkeit der Prähistorik.

2010 präsentierte die österreichische Wissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Naturhistorischen Museums Karina Grömer, besonders bekannt durch ihre Arbeiten ĂĽber die Hallstatttextilien sowie deren Rekonstruktionsversuche, ihr Buch „Prähistorische Textilien. Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern.“ und versucht in einem detektivistischen Puzzlespiel ein plastisches Bild der Wurzeln der textilen Handwerksgeschichte zu entwerfen.

Ein archäologisches Textilforschungsprojekt – Der Beitrag des NHM fĂĽr „DressID“

Das Buch entstand im Zuge des Forschungsprojekts „DressID-Kleidung und Identität“, einem EU-subventionierten Forschungsprogramm zur Erforschung kultureller Identitäten und ihrer Wiederspiegelung in den Textilien und Kleiderformen ausgehend vom römischen Reich, welches unter der Leitung der Curt-Engelhorn-Stiftung (Mannheim) von 2007 bis 2012 durchgefĂĽhrt wird.
Schwerpunkt in der inhaltlichen Gestaltung des vorliegenden Buches ist eindeutig der heutige archäologische Wissenstand der Prähistorik. Dadurch auftauchende potentiell schwer verständliche Grundbegriffe und archäologische Methoden werden für den Inhalt relevant kurz im Text erläutert, können aber auch im Glosser nachgeschlagen werden.

Ein Buchlayout farbenfroh wie die Hallstatt-Zeit selbst

Blättert der Leser in den Seiten, fällt ihm sofort die sehr farbige Gestaltung des Buches auf. Nicht nur erleichtert die unterschiedliche Farbe an der Außenkante der Seite das Auffinden des jeweiligen Kapitels, auch die Abbildungen und Grafiken sind durchgehend farbig und mit teils bis zu 2/3 der Seite umfassenden Maßen in relativ großem Format ins Layout eingefügt. Die Bilder begleiten hierbei den Text und die detailreichen Grafiken sowie Fotos von Fundstücken, aber auch nachgestellten Situationen durch die Mitarbeiter des NHM bzw. Freunden laden zum Schmökern als auch Schauen ein!

Von der Faser bis zum fertigen KleidungsstĂĽck

Das Buch teilt sich in vier groĂźe Abschnitte:
In der Einführung wird der geschichtliche Hintergrund von Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit beleuchtet. Danach liegt der Fokus auf den Erhaltungsmöglichkeiten und den Fundorten von Textilien aus dieser zeitlichen Epoche.

Im zweiten Abschnitt stehen die textilen Handwerkstechniken im Mittelpunkt. Neben den ausfürlichen Erklärungen zu den verschiedenen pflanzlichen und tierischen Fasern und ihrer Verarbeitungsmethoden präsentiert sich auch die doppelseitige Übersichtsgrafik der Entstehung von der Faser zum Stoff als besonders aufschlussreich. Das Spinnen wird ebenso ausführlich erklärt wie die Webtechnik, das Färben, unterschiedliche Verzierungstechniken sowie das Nähen und die Schneiderei.

Immer wieder werden in diesem Kapitel bereits sehr viele Fundnachweise aus österreichischen Quellen, z.B. Hallstatt, als Beispiel herangezogen. Eine Linie, welche Karina Grömer in dem ganzen Werk beibehält. Parallel dazu werden jedoch auch passende Fundstücke aus den Nachbarländern präsentiert.

Im Bereich „Textiles Handwerk in der Urgeschichte“ wird auf die Produktionsunterschiede und -entwicklungen von Haushandwerk zur Massenproduktion eingegangen. Weitere Schwerpunkte sind die Soziologie des Textilhandwerkes sowie die Produktionsorte. Auch hier sticht wieder eine Grafik besonders hervor: Eine Ăśbersicht welche Webtechnik und Verzierungstechnik dem Fundgut nach in welcher Zeit jeweils am populärsten war.

In den letzten zwei großen Kapiteln geht es um die Textilien an sich. Nach einem Abschnitt über die Verwendung von Geweben als Kleidung, Grabgebrauch, Heimtextilien, Verpackungsmaterial und technischen Nutzen widmet sich Karina Grömer auf ca. 130 Seiten der Kleidung in der mitteleuropäischen Geschichte. Gleich in der Einleitung weist die Autorin auf den Umstand hin, dass in der prähistorischen Archäologie neben klassischen Kleidungsstücken auch unter Verschlusselementen und Haartracht Kleidung verstanden wird. Danach geht sie auf die Quellen ein: Bilder, Texte und Funde von Textilien, Accessoires und ganzen Gewändern.

Abschluss des Buchs bildet die große - in Jungsteinzeit, Eisenzeit und Bronzezeit unterteilte - Auflistung welche Kleidungsmöglichkeiten für die jeweilige Epoche rekonstruierbar wären.

Ein kleines Glossar zu archäologischen und textilkundlichen Begriffen sowie ein übersichtliches Bild- und Quellenverzeichnis runden das Buch ab.

Die Autoren

Karina Grömer ist vielen in Österreich ein Begriff: Als Mitarbeiterin der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums, Archäologin sowie als Frühgeschichts-Darstellerin auf historischen Veranstaltungen und in Museen.
Daher verwundert es nicht, als Zielgruppe bei vorliegendem Werk Historiker, Kostümgeschichtler, Archäologen und handwerksgeschichtlich Interessierte vorzufinden.

Der Beitrag zum Färben stammt von Regina Hofmann-de Kejizer von der Universität und angewandten Kunst, Institut für Kunst und Technologie/Archäometrie und Leiterin des laufenden Forschungsprojekts zu den prähistorischen Textilien.

Dr. Helga Rösel-Mauterndorfer, Kostümkundlerin und und Projektmitarbeiterin "Creativity and Craft Production in Middle and Late Bronze Age Europe" (CinBA) am NHM, zeichnet sich für den Abschnitt zur Schneiderei und Nähtechnik verantworlich.

Ein „Must Have“-Ăśberblickswerk

Eigentlich stellte sich der Rezensentin beim Lesen immer wieder die selbe Frage: Welcher Wissenschaftler wäre bereit, noch die Zeit der Antike mit einem Handbuch abzudecken?

Auch wenn der Zeitfokus ein anderer ist, so erinnert Inhalt und Gestaltung beinahe augenblicklich an das ebenfalls noch nicht allzu lang existierende Handbuch zur mittelalterlichen Kleidung von Katrin Kania. Und tatsächlich finden sich einige Parallelen, beispielsweise im Kapitel ĂĽber die Textilkunde. Beide BĂĽcher fĂĽr sich stellen definitiv einen Meilenstein in der aktuellen Textilforschung dar, bieten sie doch Fachpublikum als auch historisch und textiltechnisch interessierten Lesern einen Ăśberblick ĂĽber die jeweilige Zeitstellung. Sie geben jedoch keine „Patentrezepte“ ab, sondern regen dazu an, selbstständig weiterzurecherchieren. Wie Katrin Kania zuvor fĂĽrs Mittelalter, schafft es auch Karin Grömer einen ausgezeichneten Ăśberblick ĂĽber die Entwicklung des textilen Handwerks als auch die Fundlage und Rekonstruktionsweise der jeweiligen Mode der Prähistorik zu geben. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass es sich empfiehlt bereits gewisse geschichtliche und kostĂĽmkundliche Grundlagen zu besitzen, ehe das Buch gelesen wird.

Besonders das Kapitel zum textilen Handwerk ist auch fĂĽr spätere Zeiten nicht unrelevant und weiterhin brauchbar. Beide BĂĽcher, welche sich durch den kostĂĽmgeschlichtlichen Zugang via Bild-Text-Fund auszeichnen, sollten daher ein „Must-have“ im BĂĽcherregal eines jeden auf historischer Darstellung versierten Menschen sein!


Details zum Buch:

"Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa - Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern"

Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 4
Autorin: Karina Grömer
Gebundene Ausgabe, 480 Seiten, 270 x 190 mm
EUR 35,00
Verlag: Naturhistorisches Museum Wien, 2010
ISBN 978-3-902421-50-0

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