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Tanzebom

Tanzebom


Tanzebom - nach innen hören und spielen
Alternativen zur Marktmusik
Daniela Mühlbauer
05.02.2013 21:48

Die Musik von Tanzebôm steht sinnbildlich für den Baum, um den früher getanzt wurde. Wie die Wurzeln des Baumes basiert die Musik auf mittelalterlichen und traditionellen Melodien und wie Stamm, Äste und Blätter entfalten sich die Melodien in das Hier und Jetzt. Die vier Musiker liefern mit ihrem Debüt "Tanzebôm Spilen zu Laetare im Jahre des Herren 1387" ein Kleinod mittelalterlicher Musik ab. Daniela Mühlbauer führte für Huscarl ein Interview mit der Gruppe.

Wann und wie wurde Tanzebom gegründet?

Tanzebom: David hat Mitmusiker für eine neue Band gesucht und sich gemeinsam mit Susanne auf die Suche gemacht. Dann kamen bald Yunus und Dominik dazu. Das ganze passierte im Jahr 2009. In Rechberg gab’s dann unser Banddebut.

Was bedeutet Tanzebom? Wie seid ihr auf den Namen gekommen, und warum?

Tanzebom: Das Schwierige bei einer neuen Band ist oft die Namenssuche. Wir haben uns einfach hingesetzt und alt- und mittelhochdeutsche Wörterbücher nach Begriffen zum Thema Musik und Tanz durchforstet.
Tanzebom oder eigentlich Danzebom ist althochdeutsch und heißt Tanzbaum. Das waren Tanzlinden, die oft das Zentrum eines Dorfes bildeten. Ursprünglich wurden die Äste in Bodennähe gezogen, damit die Lindenblüten leichter geerntet werden können. Dadurch ergab sich aber die Möglichkeit zum Beispiel einen Tanzboden auf die Äste zu legen. Die Tanzlinde wurde so zum zentralen Festplatz und auch zum Schauplatz der Gerichtsbarkeit.
Es ist der Baum, um den man tanzt, gleich seinen Wurzeln basiert unsere Musik auf mittelalterlichen und traditionellen Melodien und wie sein Stamm, seine Äste und seine Blätter entfaltet und wächst unsere Musik in das Hier und Jetzt.

Seid ihr vorher (oder jetzt noch) in anderen Bands aktiv, welche?

Tanzebom: David ist seit 2012 wieder Teil der Schandgesellen und als Einzelkünstler im Folk und Singer-Songwriter-Bereich unterwegs. Dominik spielt neben diversen anderen Projekten bei Nam.
 
Bitte stellt euch alle einmal vor!

David: Ich bin der Meister Kolk. Bei Tanzebôm bin ich Sänger, Cisterspieler, Schalmeytist, Flötist, und manchmal auch Gambist.

Susanne: Ich spiele Fidel und Kastenfidelgambe, ein Instrument, das in dieser Form nicht belegt ist, da es die Form einer Kastenfidel und die Stimmung einer Bassgambe hat. Ich kümmere mich gemeinsam mit Matthias (meinem Mann) um die organisatorischen Details.

Dominik: Ich spiele die Percussionsinstrumente und den Zink.

Yunus: . Ich spiele Dudelsack (Schäferpfeiffe in G/C), Nay (die arabische Schilfrohrflöte), Chalumeau (die Vorform der Klarinette) und Maultrommeln. Somit bringe ich den Klang und den Charakter dieser Instrumente in die Gruppendynamik ein. Durch meine persönliche Nähe zum Orient fließen diese Elemente ein. Dies geschieht mit der Intention, die tanzebomsche Musik noch reichhaltiger und  kosmopolitischer, tatsächlich aber auch noch authentischer zu machen.

Wo findet ihr eure Lieder? Und wie geht ihr bei der Song-Recherche vor?

Susanne: Unsere Lieder finden wir in überlieferten Manuskripten. Das heißt mittelalterliche Originalquellen, die teilweise in moderne Notenschrift übertragen wurden. Wir arbeiten sehr nah an den Originalquellen, weil die mündliche Übertragung der Stücke manchmal fehlerhaft,  unvollständig oder von der freien Interpretation des jeweiligen Musikers abhängig ist. Die mittelalterlichen Quellen sind oft nicht ganz eindeutig was zum Beispiel die Taktart angeht. Wenn man zur Quelle zurückgeht, dann kann man seine eigene Version finden, wenn man nur das übernimmt, was ein anderer spielt, geht diese Möglichkeit verloren.
Wir hören oft Nummern auf CDs, die uns gefallen und dann fängt die Recherche an. Zum Glück steht in guten Booklets wo die Stücke herkommen.

David: Wir schreiben ja auch selber, aber Hochmittelalterliche Lieder finden sich inzwischen an vielerlei Orten, wenn man zu suchen weiß. Auch im Internet finden sich viele Faksimiles von Manuskripten. Ich für meinen Teil habe recht viel Zeit in Bibliotheken und Büchereien verbracht, um mich mit den diversen Neumenschriften auseinanderzusetzen, weil ich die alten Lieder in meiner eigenen Art interpretieren wollte und nicht, wie sie auf diesem oder jenem gutverkauften Tonträger gespielt werden.
Ein wesentlicher Teil der tanzebomschen Musik basiert auf unserer gruppendynamischen Intuition, die mit mittelalterlichen, traditionellen, selbstkomponierten und improvisierten Melodien spielt.

Ist die aktuelle CD euer Debüt oder gibt es weitere?

Tanzebom: Wir haben für eine Märchen-CD Liveaufnahmen zur Verfügung gestellt, aber als reine Musik-CD ist das unser Erstlingswerk.

Mir ist aufgefallen, dass die Herkunft und Bedeutung der Songs im Booklet schön erklärt werden. Warum ist euch das wichtig?

Susanne: Weil wir uns in unserer Bandarbeit die mittelalterliche Musik zu neuem Leben erwecken wollen. Wir möchten zeigen, dass diese alte Musik frisch und neu interpretiert einen unheimlichen Reiz hat. Mittelaltermusik kann rocken und grooven.

Viele Bands in der Marktmusik-Szene greifen auch auf Stücke aus dem Folkbereich zurück und präsentieren sie auf mittelalterliche Art und Weise. Wir finden das nicht unbedingt notwendig, denn die Musik des Mittelalters bietet ein reichhaltiges Repertoire und genug Inspiration für die nächsten zehn Jahre.

Yunus: Jedes Lied erzählt eine Geschichte und  Musik umspielt Zeit und Raum. Keine Grenzen gibt es in diesem Tanz. Doch da auch der Verstand seinen Anteil fordert, geben wir ihm diesen.

Welcher Song ist euer Lieblingssong im aktuellen Album und warum?

Susanne: Meiner ist "Maravillosos". Das ist ja ursprünglich ein Marienlied, aber es ist so tänzerisch und fröhlich. Ganz im Gegensatz zu dem, was man heutzutage in Verbindung mit Kirchenmusik im Kopf hat.

David: Mir gefällt das Album als Ganzes so wie es ist recht gut. Die Abwechslung auf der Reise durch verschiedene Klangräume und Stimmungen die auf die Reise durch das Album einladen, das immer wieder Neue. Da ist es schwer für mich, ein Stück hervorzuheben.

Dominik: Je nach Stimmung hör ich das eine oder andere Lied gerne, da gibt es keinen Lieblingssong.

Yunus: "Stella Splendens/ Ya Imama Rusli": Wir haben viel mit dem Lied "Stella Splendens" experimentiert und waren lange nicht zufrieden. Da fiel mir dieses Sufi-Lied ein, das ich in Kairo kennengelernt habe. In der Form, die wir dann gemeinsam gefunden haben, drückt dieses Lied für mich zum einen die Vielschichtigkeit unserer Musik aus, zum anderen weist es eine nahezu magische Kraft auf, die in der Verbindungen dieser beiden spirituellen Lieder sich immer weiter intensiviert.

Arbeitet ihr an einer neuen CD?

Tanzebom: Zur Zeit arbeiten wir an keiner CD sondern am neuen Programm für die Saison 2013. Wenn genügend Neues zusammengekommen ist, werden wir uns eine weitere CD-Produktion überlegen.

Welche Auftritte sind in diesem Jahr geplant?

Tanzebom: Es gibt ein Konzert im Martinschlössl am 18.4., auf das wir uns schon sehr freuen. Weiters werden wir auf einigen Märkten wie zum Beispiel auf der Araburg, im Heeresgeschichtlichen Museum oder in Pöchlarn zu hören sein.

Wo würdet ihr gerne mal auftreten und mit wem?

Susanne: Ich würde gern in La Chartre am dortigen Festival auftreten. Mit Wem? Mit Angelo Branduardi vielleicht, das wäre bestimmt eine witzige Kombination.

Dominik: Mit Jordi Savall vielleicht. Dann ist es egal wo.

Welche Bands sind eure musikalischen Vorbilder?

Susanne: Mich haben am Anfang meiner Mittelaltermusik-Tätigkeit die österreichischen Saltarello sehr inspiriert, die haben auch auf meiner Hochzeit musiziert. Auch Jordi Savall ist in seiner Arbeit ein Vorbild auch wenn wir auf ganz andere Art und Weise musizieren.

David: Ich habe sicherlich so einige Einflüsse und Vorbilder – zu viele, to be honest, um sie namentlich zu erwähnen. Aber mein größtes Vorbild in meiner Funktion als Mitglied von Tanzebôm ist das Klangliche und musikalische Potenzial in der Band. Nicht Nachmachen sondern nach innen Horchen und Spielen.

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf die heiß geführte Diskussion um das neue Faun-Album: Was haltet ihr von den neuen Songs? Könnt ihr die Diskussion und die Enttäuschung "alter" Faun-Fans nachvollziehen?

Susanne: Ich bin kein eingefleischter Faun-Fan, deshalb bin ich da nicht so emotional dabei. Die neuen Songs sind vom Sound sehr kommerziell produziert. Das ist aber bei den Universal-Studios nicht so verwunderlich. Ich verstehe jeden, der sich den alten Sound zurückwünscht, aber so ist das Musikerleben. Man muss irgendwann Entscheidungen in gewisse Richtungen treffen und wird damit sowohl Fans verlieren als auch Fans gewinnen. Man kann nur versuchen, im eigenen tun so authentisch wie möglich zu bleiben.

David: Ich habe mir das Album nicht angehört, allerdings dafür unausweichlich umso mehr Drittmeinungen. Es ist sicher ein erhitztes Thema, in das ich mich nicht einlassen möchte.


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