In Extremo "Tranquilo Acoustic Tour" in Graz
Das Urgestein des Mittelalter-Rock wandelt auf gänzlich neuen Pfaden
22. 12. 2009 - 12:15
Sabine Lang, Arnulf Zeilner
In Extremo, Urgesteine des "Mittelalter-Rock", befinden sich gerade auf ihrer letzten Tour vor einer längeren, angekündigten Pause. Etwas besonderes sollte sie werden, ein "akustischer" Auftritt, so auch der Auftritt in Graz am 3. Dezember. Im Vorfeld stellten sich viele Fans die Frage: In Extremo, akustisch, im Sitzen? Wie soll man sich das vorstellen? Wird es Bier geben? Jedoch, egal wie man sich dieses Konzert in seinen phantasievollsten Träumen ausgemalt hat, es kam gänzlich anders.
Die Gestaltung der Bühnendekoration erstaunte die Konzertbesucher schon vor Beginn der Show. Sie erinnerte im Stil teils an einen Gangsterfilm im Chicago der 1920er Jahre, teils waren noch andere bunt durcheinandergewürfelte Elemente auf der Bühne verteilt. So fanden sich eine Couch, ein Nachttisch mit passender Lampe, eine auf alt getrimmte Straßenlaterne... Das Outfit der Band wurde diesem Stil ebenso angepasst, hier fühlte man sich ganz besonders ins frühe 20. Jahrhundert zurückversetzt. Und auch einige der neu arrangierten Stücke wussten zu überraschen.
Titel aus 15 Jahren
Das erste Stück dieses Abends war "Ei Ri Sasun", gefolgt von einer Swing-Version von "Lebensbeichte". Das Programm des Abends bot einen Überblick über das gesamte Werk der letzten fünfzehn Jahre. Zwischen den einzelnen Stücken gab sich Sänger Micha gesprächig und scheinbar entzückt von der Atmosphäre. Als erste Zugabe spielten das letzte Einhorn, an der Mundharmonika, und van Lange, an der Gitarre, "Mein rasend Herz", danach folgte das AC/DC-Cover "It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock 'n' Roll)" vorgetragen von der ganzen Gruppe und als krönender Abschluss dieses außergewöhnlichen Konzerts folgte "Herr Mannelig" – oder auch, um es mit In Extreme zu sagen, "Herr Mandeli".
Umbesetzung in letzter Minute
Zur Stimme des Sängers kann man stehen wie man will - ausdauernd ist sie auf jeden Fall. Zudem gab es in der Besetzung eine Besonderheit: der Schlagzeuger musste sich am Vortag zum Konzert einer Operation unterziehen und daher ersetzte ihn Otto, eigentlich der Backline-Schlagzeuger. Er verinnerlichte sich erst am Konzerttag innerhalb von zwei Stunden das gesamte Programm und wurde dafür mit zahlreichen "Otto"-Sprechchören des Publikums belohnt.
Beeindruckende Arrangements
In Extremo nutzten für die Arrangements bei diesem Konzert alle Möglichkeiten, die eine siebenköpfige Besetzung zulassen. Die Stücke waren durch die Bank perfekt instrumentiert, die Geräte erstklassig gestimmt und vor allem vielseitig kombiniert. Faszinierend war, wie viel Zeit sich diese Formation mit dem Aufbau eines Stückes lässt. So spielte manchmal nur ein Instrument. Dadurch sorgen die Spielleute dafür, dass zum Beispiel Harfe oder Drehleier voll zur Geltung kamen. Manchmal wurden einzelne Instrumente nur punktuell eingesetzt, dadurch konnte manchen Melodieteilen ein besonderer Stellenwert gegeben werden.
Minimalismus, wo er passte
Was auf einer CD so grandios wirkt, mutet optisch seltsam an, wenn vier Musiker auf der Bühne die meiste Zeit nichts zu tun zu haben scheinen, weil sie gerade in der Warteschleife auf den nächsten Einsatz sind. Dank des Bühnenaufbaus und des Frontmanns, der es in jeder Situation schaffte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wird dies dem Konzertbesucher aber nicht wirklich gewahr. Wobei hier keinesfalls der Eindruck vermittelt werden soll, dass das letzte Einhorn hier eine One-Man-Show zelebrierte. Vielmehr war er der Ankerpunkt, der die Aufmerksamkeit des Publikums auch immer wieder zu den diversen Instrumentalisten hinführt.
Humor und Professinalität
Mit viel Humor begegnete der Frontman einem verfrühten Einsatz des Gitarristen "der Lange", auch wurde wohl nur von wenigen bemerkt, dass Yellow Pfeiffer bei einem Stück völlig den Faden verlor und, nachdem er schon zum vierten Mal von der Cajon auf die Rauschpfeife wechselte, von Dr. Pymonte endlich das Zeichen zum Einsatz bekam. Viele Gruppen könnten sich bei In Extremo eine Scheibe abschneiden, was Professionalität, aber auch Kreativität und musikalisches Können betrifft. Zuletzt sei erwähnt, "acoustic" steht nicht für unplugged. Einzig die rein elektrischen Instrumente wurden ersetzt, allerdings erwartet den Besucher ein professionell verstärktes Konzerterlebnis.
Wer den Event in Graz verpasst hat, kann immer noch die Gelegenheit nutzen und den zweiten und letzten Tourtermin von In Extremo in Österreich im in Salzburg, März 2010, besuchen.
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