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Werner Maier
Strohversorgung als essentieller Beitrag für Optik und Komfort. Nur wegräumen muss auch jemand...

Yvonne Schönweis
Zum Beispiel dieser - einer von über 100 freiwlligen Helfern.

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Genau schauen: Im Festumzug vorneweg Lokalpolitiker und Verwaltungsbeamte: An Eggenburg kommt niemand mehr vorbei.

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Jeder Quadratzentimeter der Altstadt wird ausgenutzt, Wachstum ist eigentlich nicht mehr möglich

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Gespart wurde Druckerschwärze und Platz, nicht aber Butter und Honig: Verpflegung für 400 Akteure, diesmal sogar unter freiem Himmel.

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Die Altstadtkulisse wird am Wochenende der Zeitreise von 30.000 Besuchern überschwemmt.


Eggenburg erklärt
Analyse einer Großveranstaltung
Florian Seidl
18.09.2011 23:00

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Die Zeitreise ins Mittelalter ist einer der größten Mittelaltermärkte Österreichs. Die Liste der Akteure und Händler ist lang, seit 17 Jahren wird das Programm ausgebaut, erweitert und vertieft. Grund genug für einen Blick abseits vom Festgeschehen auf Geschichte und Hintergrund der Veranstaltung.

Eggenburg braucht eigentlich keine Vorstellung mehr. Ebenso kann man sich auf einer Plattform wie huscarl.at einen Marktbericht sparen. Eggenburg ist jedes Jahr gleich, auch wenn der Wochenendmarkt von 1994 nicht mehr viel mit dem Mega-Event der letzten Jahre zu tun hat.

Eggenburg ähnelt dem Oktoberfest. Masse dominiert, man muss dabei gewesen sein und alle anderen Events werden daran gemessen: Eintrittspreise, Konditionen für Darsteller, Musiker und Händler, Einfälle und Experimente wie die Festzeitung „Eggenburger Scriptum“, Musikstipendium oder Kapellen-Konzertesind nur hier möglich. Namenlose Gruppen stehen Schlange, um hier einen Referenz-Auftritt zu ergattern. Nirgendwo sonst treffen Musiker und Händler auf eine so große Masse an Publikum.

Groß, laut, friedfertig

Dabei bleibt Eggenburg friedlich: Einsätze gab es auch heuer keine berichtenswerten, wie die Eggenburger Polizei bestätigte. Beschwerden nervöser Innenstadtbewohner über nächtliche Ruhestörungen sind eher die Ausnahme. Alkoholexzesse, wie sie bei jedem Zeltfest vorkommen, finden in Eggenburg nicht statt. Selbst hartgesottene Raufbolde vergessen vor lauter Staunen über das seltsame Volk der Mittelalterszene auf das Stänkern.

Hinter den Kulissen

Ein Verein organisiert dank des Bienenfleißes seiner Mitarbeiter und der Einsatzbereitschaft einer ganzen Stadtgemeinde die Veranstaltung. Man versteckt Verkehrsschilder, installiert Stromkabel und räumt nachher auf. Freiwillige Helferinnen und Helfer liefern Stroh, die benachbarten Fußballer stellen die „Stadtwache“ für Absperrdienste, diverse Orts-Vereine bauen Stände. Fast schon gewöhnt hat man sich an die Freiwillige Feuerwehr. Die Eggenburger Ärzte leisten unentgeltlich Notarzt-Dienste. Natürlich stehen fast 40 Sanitäter bereit, deren Hauptaufgabe aber eher Kreislaufprobleme und verlorene Kinder sind als Schnittwunden von Darstellern, wie Einsatzleiter Steiner vom Roten Kreuz Eggenburg bestätigte. Lokale Honoratioren, vom Leiter des Krahuletz-Museums über lokale Wirtschaftstreibende bis zum pensionierten Richter engagieren sich und sichern die Unterstützung der örtlichen Meinungsführer.

Wo andere Veranstalter die Nähe zu politischen Parteien suchen, um sich Vorteile zu verschaffen, gingen die Eggenburger den umgekehrten Weg und wurden selbst Partei. „Eggenburg aktiv“ (heute veranstaltet das Fest der „Verein zur Erforschung des Mittelalters in Eggenburg“) war zur Jahrtausendwende eine politische Macht in der Stadt. Im Gemeinderat erreichte die Namensliste mit Gestaltungswillen auf Anhieb 7,8% der Stimmen. Bei dem Tempo wäre die totale Machtergreifung in der Stadt nur eine Frage der Zeit gewesen. Doch der Elan verging in den Mühen der Tagespolitik, es blieb bei dem Intermezzo. Bürgermeister Willi Jordan (ÖVP), damals noch Stadtrat für Kultur, war einer der ersten Mitstreiter des Festgedankens und stellt die politischen Meinungsunterschiede hinter das gemeinsame Interesse an einem schönen Fest hintan. Mit sichtlich stolzgeschwellter Brust verkündete er am Sonntag: „Eggenburg ist an diesem Wochenende das Zentrum von Niederösterreich“. Einer finanziell maroden Kommune wie Eggenburg tut der Wirtschaftsimpuls auch gut. 

Wirtschaftsfaktor für die Region

Was bleibt, ist das Mittelalterfest. Hotelzimmer im Umkreis von 25 Kilometern sind ausgebucht, berichtet die Tourismus-Stadträtin Susanne Satory dem „Kurier“. Die besten Hotels sind auf ein Jahr im Voraus ausreserviert. (Ein Enthusiast soll im Jahr 2008 sogar eine Eintrittskarte für das EM-Spiel Österreich-Deutschland für ein Zimmer im Stadthotel Oppitz geboten haben.) Das Mittelalterfest ist als Wirtschaftsfaktor für die Tourismusbetriebe und für die beteiligten Vereine nicht mehr wegzudenken.

Die offizielle Besucherzahl von „über 30.000“ darf getrost als untertrieben angezweifelt werden. Die wirtschaftlichen Zahlen werden rasch schwindelerregend hoch, wenn man berechnet, was so ein durchschnittlicher Gast bei einem Besuch ausgibt. Entsprechend einsatzfreudig sind die ortsansässigen Wirte. A-Freunde rümpfen die Nase über systemgastronomischen „Ritterspieß“ und „Knappenlaberl“, aber finden auch ihre Nischenprodukte.

Sonderstellung in der Szene

Das trägt dazu bei, dass Eggenburg in der Mittelalterszene auch einen ähnlichen Stellenwert hat wie Bayern München bei den Fußballfans: es polarisiert, lässt niemanden kalt und hat unbestritten ein erfolgreiches Management. Viele Fans ziehen St.Pauli oder den Wiener Sportclub vor, bleiben dabei aber unter sich. Eggenburg inspiriert Zuschauer und Veranstalter und leistet damit einen unschätzbaren Werbebeitrag für das gesamte Veranstaltungsgenre „Mittelaltermarkt“.

Hinzu kommt unverschämtes Glück: 2011 war das Wetter schon fast zu schön. Bei 30 Grad im Schatten am Sonntag zogen etliche Besucher vor, den letzten Badetag der Saison nicht im lauten Markttreiben zu verbringen. Der letzte Regentag, den die Festchronisten registrierten, war 2005. Die Veranstalter leisteten sich 2011 sogar die Keckheit, das Darstellerfrühstück bei angenehmen 22 Grad an der frischen Luft zu organisieren.

Triebfeder Mittelalter

Bei all den beeindruckenden Fakten der Materialschlacht geht unter, dass die Erforschung des Mittelalters in Eggenburg wichtiger Anlass und Grundmotivation des Spektakels bildet. Natürlich bleibt für das breite Publikum die historische Seriosität ein Nebenthema, aber gerade der Erfolg der Veranstaltung gibt den Forschern recht: Mittelalter weckt das Interesse der Menschen, auch wenn es zunächst ein romantisches Bild ist, das Arzt- und Bettlerdarsteller richtigstellen müssen.

Kann man in Eggenburg etwas falsch machen? Eggenburg setzt auf Masse und Qualität. Für 580 Gäste kocht alleine die Darsteller- und Mitarbeiterküche. Gewisse Programmabläufe sind erlernte Tradition, ohne die Eggenburg nicht denkbar wäre: vom Bogenturnier über den Pestzug bis zum Turnier zu Pferd auf der Kanzlerwiese. Das Studium des umfangreichen Programms ist daher schon im Vorfeld ratsam. Ein Eggenburg-Besuch will geplant sein, vom richtigen Zeitpunkt des Eintreffens über die Auswahl der Gastronomie bis zum Timing des Shoppens, wenn man nicht in den Massen untergehen will.

Hier stehen wir also: In Eggenburg kann man nichts falsch machen. Um eingefahrene Routinen zu überwinden, stellen die Veranstalter das Fest seit einigen Jahren unter ein bestimmtes Thema um neben der reinen Unterhaltung auch ein wenig Wissen über Aspekte und Geschichte des Mittelalters zu transportieren. Das heurige Thema war das Ereignis der Mündigkeitserklärung von Albrecht V. vor exakt 600 Jahren und der Umbruch ins Spätmittelalter.

Rein finanziell wäre von der Übernahme anderer Mittelalterfeste bis zum Börsegang alles denkbar. Aber derzeit braucht man keine Angst vor visionären Ideen oder tollkühnen Neuerungen zu haben. Die Eggenburger sind stolz auf ihre Leistung, so wie sie ist.

Das Publikum kann sich dafür getrost darauf verlassen, dass es bekommt, was es wünscht: eine bunte, knallvolle Stadt, die an jeder Ecke mit einer anderen Attraktion lockt. Wer Eggenburg noch nicht kennt, für den wird’s dringend Zeit. Das Fest findet wie jedes Jahr zwischen Ostern und Weihnachten statt: 8. und 9. 9. 2012.





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1. Kommentar von Bigman am 12.10.2011 um 12:50

selbstläufer
jo, manche festeln entwickeln sich dazu.

das kommt aber halt nicht von ungefähr und ohne einer orga die sich stets selber in den arsch tritt und sich nciht auf ihren lorbeeren ausruht gings auch nicht.

gratulation jedenfalls an die veranstalter, das festl selber mag ja geschmackssache sein, ich finds ungut (zuviele leute), aber die zweifellos tolle leistung der orga steht außer frage.

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