Ein beeindruckendes Schauspiel erwartete die rund 17.000 Besucher, wenn sie das Tal im Tiroler Reutte, in dem die Veranstaltung vom 27. - 29. Juli stattfand, betraten. Ein Meer von Zelten aller Farben und Formen füllt die Talebene. Besonders eindrucksvoll soll dieser Anblick am Abend gewesen sein, wenn an die 290 Zelte mit einem Meer von Fackellichtern, Feuerkörben und Lagerfeuern beleuchtet waren. Ein Eindruck, den die Veranstalter mit Liebe zum Detail gekonnt verstärkten: auf allen Wegen am Festgelände wurden in kurzen Abständen grosse Gartenkerzen aufgestellt und trugen dazu bei, dass sich der Besucher an einen anderen Ort versetzt fühlte. Veranstaltet wird das jährliche Fest von der deutschen Bayern Festival GmbH Ltd. Absolute Profis, was das Marketing angeht. Kein anderer historischer Event hat eine derart umfangreiche und perfektionistische Homepage oder Präsentationsunterlagen dieser Qualität. Doch wie gut ist Bayern Festival in der Veranstaltung von Festen?
Offen und ehrlich: wir haben uns nicht viel erwartet, als wir zur schlussendlich sechsstündigen Reise nach Reutte in Tirol, knapp vor der Grenze zu Deutschland liegend, aufgebruchen sind. Sicher, das größte mittelalterliche Fest Österreichs haben wir erwartet. Üblicherweise geht Größe in Österreich selten Hand in Hand mit hoher Qualität oder gar großem Angebot. Etwas seltsam war für uns im Vorfeld auch, dass man sich als Pressemitglied voranmelden muss - das ist übrigens das einzige historische Fest in Österreich mit dieser Regelung. Die nächste Befürchtung war der Preis. 18 Euro Eintritt für ein Mittelalterfest ist hierzulande unerreicht. Ist das Fest denn das Geld wert?
Beschwerliche Anreise und erste Erkenntnisse
Also - mit wenigen Erwartungen haben wir uns auf die lange und beschwerliche Reise gemacht. Egal ob man von österreichischer Seite über lange, kurvenreiche und heillos überlastete Pass-Straßen oder von deutscher Seite aus zufährt, der Weg ist wirklich weit. Selbst viele Tiroler müssen mehrere Stunden investieren, um den Veranstaltungsort zu erreichen. Am Ziel angekommen, gibt es zwei riesige Parkplätze, von denen aus man zum Fest gelangt. Schon hier zeigt sich, dass dies kein Fest wie andere ist. Die stark befahrene Pass-Straße, die eine Hauptverbindungsroute zwischen Italien und Deutschland darstellt, wurde von Feuerwehrleuten und Polizei eigens geregelt, um den Besuchern ein gefahrloses und rasches Abbiegen zum Festgelände zu ermöglichen. Bei den Parkplätzen warteten freundliche Platzanweiser von der Feuerwehr, die die Besucher gut und effizient auf den nächstbesten Standplatz geleiteten. Mit Betonung auf freundlich. Wir sahen während unseres Aufenthaltes kein mürrisches Gesicht von Mitarbeitern oder Veranstaltern. Man scheint auf das gut eingeführte Traditionsfest sehr stolz zu sein und zeigt das allen Gästen und Besuchern mit Professionalität und Freude an der Sache. Der Weg vom Parkplatz zum Gelände ist zu Fuss in ca. 15 Minuten zu bewältigen. Auch hier zeigt sich die Handschrift der Veranstalter. Gute Beschilderung und eine eigene Beleuchtung mit Stromgeneratorwägen war aufgebaut.

Kanonen aus der Vorführung "Schlacht um Ehrenberg"

Große Auswahl im Angebot der Marktfahrer

Die historischen Gebäude wurden leider modern verschlimmbessert

Einer von vielen schön dekorierten Marktständen

Verschiedene Welten treffen aufeinander

Der aufwändig gestaltete Kinderspielplatz

Marktmusiker der eher schrägeren Art

Bei den Narren gibts manchmal mehr, manchmal weniger zum Lachen...

Ein Ausschnitt des Feldlagers

Das Konzert von Heidenlärm

Die wackeren Soldknechte aus Kärnten
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Am Eingang angelangt, bot sich schon das in der Einleitung erwähnte Bild. Ein breites Tal, gefüllt mit bunten Zelten, Wimpeln und wimmelndem Leben. Die Veranstalter zeigten sich flexibel, mitten im Trubel telefonisch erreichbar und fanden ein wenig später auch Zeit für ein paar persönliche Worte. Das ist bei Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht selbstverständlich, schon gar nicht während diese gerade voll im Laufen sind. Dazu gab es mindestens am Samstag gutes Festwetter: Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Bewölkt, mit einigen Durchbrüchen der Sonne, aber kein Regen. Die Besucherströme können kommen... und sie kamen auch.
Rund 1350 Akteure
Das Feldlager, das von - mehrheitlich deutschen - Vereinen und Gruppen gebildet wurde, umfasste laut Veranstalterangaben an die 290 Zelte. Rund 1350 Akteure in historischer Gewandung tummelten sich im Geschehen. Dies machte die Zeitreise Ehrenberg in Österreich zu einem einmaligen Erlebnis, denn nirgendwo sonst bewegen sich so viele Gewandete sowohl im Lagerleben als auch im Markbereich. Nachdem wir ein österreichisches Magazin sind, heben wir hier unsere heimischen Vereine besonders hervor: Wir wurden bei den kärnterischen Soldknechten herzlichst empfangen, die beachtlicherweise sowohl nach Reutte als auch zum zeitgleich stattfindenden Fest in Kaprun eine Mannschaft und ein Lager entsenden konnten. Viel Zeit im netten Gespräch verbrachten wir dann auch mit einem Reenacterverein aus Graz, Bluot zi Bluoda. Diese fielen uns besonders ins Auge, weil sie sich die Zeit mit einem recht unterhaltsamen Spiel vertrieben - eine Art Frisbee-Schiessen mit einer Scheibe aus Kettengeflecht. Wir haben bei der Größe des Feldlager sicher einige übersehen, erwähnen möchten wir noch die von Schörfling und anderen Festen bestens bekannten Foetibus Ritter aus dem bayrischen Nachbarort Füssen, die eine der Hauptattraktionen des Marktes (Schaukampf, etc.) darstellten.
Das Schlachtfeld
Nach dem Ritterlager kam das Schlachtfeld - ein riesiges Gelände, mit Barrikaden ausgestattet und an einem Ende von Kanonen verschiedener Größe gesäumt. Hier wurde einmal am Tag mit hunderten Darstellern eine Schlacht nachgestellt, wie sie zu historischen Zeiten hätte stattfinden können. Sie ist tatsächlichen historischen Schlachten nachempfunden, die an ebendieser Stelle stattfanden und soll auch an die vielen Gefallenen dieser Ereignisse erinnern. Ein beeindruckendes Schauspiel auf einer ebenso beeindruckenden Fläche, die sicherstellte, dass einige tausend Besucher gleichzeitig zusehen konnten. Zu den Besuchern sollte man festhalten, dass diese einen ungewohnt entspannten Eindruck machten, sondern auch etwas bunter zusammengewürfelt waren, als man vom Marktleben gewohnt ist. Durch die besondere Lage von Reutte kommen Gäste nicht nur aus verschiedenen Gegenden Österreichs, sondern auch aus Deutschland, Italien und auch der Schweiz. Es schien schwer bis unmöglich festzustellen, wer gewandeter Besucher oder Akteur einer der historischen Gruppen war. Auch fielen einige Besucher aus der Fantasyszene mit ihren spitzen Elfenöhrchen ins Auge, daneben fand das Fest auch großen Zuspruch in der Gothic-Szene.
Der Markt
Das nächste Segment des Festgeländes bildete der Markt mit den üblichen Marktfahrern und Marktständen. Im Gegensatz zu kleineren Festen, wo die Veranstalter einzelnen Verkaufsbereichen ein Monopol einräumen (z.B. nur ein Metstand, ein Bogenstand etc.), fand sich hier Auswahl, wohin das Auge blickte. Rund 100 Händlerzelte verteilten sich über das Gelände. So stellt man sich einen übervölkerten Markt vor, auf dem in verschiedensten Zelten von Händlern verschiedenster Nationen die wunderlichsten Gegenstände feilgeboten werden. Waffen und Reenactment Zubehör in verschiedensten Qualitäten und Ausführungen, Gewandungen für einen ganzen Hofstaat, mehrere Methändler, ausgewogene und vielseitige Gastronomie und natürlich auch den üblichen Ramsch und Tand, der sich auf solchen Märkten eben je nach Geschick der Händler mehr oder weniger erfolgreich an den Mann bringen lässt. Mehrere riesige Badezuberzelte luden Mitglieder der Szene oder mutige Außenstehende zum baden ein. Ebenso konnten sich Besucher wie Akteure bei mehreren Bogenschieß-Ständen und vielem dergleichen mehr messen. Auch Bogenschieß-Turniere wurden veranstaltet.
Bis ins letzte Detail organisiert
Beeindruckt waren wir im Laufe des viel zu schnell fortschreitenden Tages von der Akribie der Organisation, wo an so vieles gedacht wurde, was anderswo völlig unüblich scheint. Eigenes Personal durchkämmte das Festgelände nach Abfällen. Müllsäcke wurden abgeholt und ausgetauscht. So war das Festgelände trotz des großen Besucherandrangs fast immer wunderbar sauber.
Für die kleinsten Besucher war bestens gesorgt. Mehrere Kinderspielplätze mit verschiedenen Aktivitätsmöglichkeiten standen zur Verfügung. Highlights waren ein grosser Holzdrache, der meterweite Wasserfontänen spucken konnte, sowie eine große Holzburganlage, die Kinderaugen größer werden ließ. Gaukelei und Narretei gab es von der unermüdlichen umherziehenden Narrengruppe rund um Torxes von Freygeyst mit Stix und Atera.
Größe des Festes verdoppelt
Regelmäßige Besucher sagten, die Veranstaltungsgröße hätte sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Allerdings gab es auch Neuerungen. Z.B. schränkte man sich diesmal auf Mittelalter und Rennaissance ein, die von vielen gelobten und beliebten römischen Legionen waren nicht mehr vertreten. Dies aus Absicht, wie der Veranstalter sagte, um sich inhaltlich ein wenig konkreter festzulegen. Man betrachtet dies mit gemischten Gefühlen. Einerseits boten die Römer großartige Vorstellungen von denen noch jahre später gesprochen wird, andererseits gibt es ein Mittelalterevent dieser Dimension hierzulande sonst nicht. Beides scheint eher unvorstellbar.
Kritikpunkte
Wir wären nicht ein kritisches Magazin, wenn wir nicht auch einige Punkte ansprechen würden, die wir für ausbaufähig halten. So waren die Programmpunkte selbst oft hoffnungslos überlaufen. Die Schaukampfarena bot nur für einen kleinen Teil der Besucher genug Platz, die sich teilweise bis zu zwei Stunden vor einer Vorführung ihre Sitzlätze reservierten. Mallorca Reisende, zu denen der Autor sich nicht zählt, würden sich an die berühmten Kämpfe um die Liegeplätze - inklusive Reservierungsduellen - erinnert fühlen.
Weitgehend schöne Lager und Stände
Was die von der Mittelalterszene oft hinterfragte Authentizität betrifft, beziehungsweise den Gesamteindruck derselbigen, muß man den Markt als überdurchschnittlich gut bewerten. Das bedeutet: die meisten Lager, Händlerzelte und Gastronomiebetriebe waren sehr bemüht und wurden auch regelmäßig von Mitgliedern des Organisationsteams kontrolliert. Das Ziel historischer Authentizität - so es denn bestand - konnten natürlich nicht alle erreichen. Weh tat z.B. ein - wenigstens weisses - Plastik-Gastronomiezelt inmitten des Marktbereiches. Auch wurden einige fixe Gebäude des Ortes mit in die Gastronomie eingebunden, die natürlich keineswegs historisch waren, in der Menge und Größe des Angebotes aber kaum auffielen. Störender waren da noch eher diverse Hochspannungsmasten und Transformatorgebäude, die ebenso aus räumlichen Erfordernissen heraus vom Marktleben umschlossen werden mussten.
Historische Gebäude modern verschlimmbessert
Absolut keine Augenweide waren die Überreste der Burg oder was auch immer das modern restaurierte Gebäude in der Mitte des Tales darstellen sollte. Die Bauwerke dienen sonst während des Jahres als Veranstaltungsort für kulturelle Events. Hier wurde wohl voll auf moderne Kunst gesetzt und altes Gemäuer mit modernen Gitterkäfigen erweitert, der obere Teil der Burg ist nur stilisiert auf großen Leinwänden als Fotografien angebracht, die wohl moderne Betonmauern verhüllten. In Wahrheit eine Beleidigung für das Auge des Mittelalterfreundes, die großes Kopfschütteln verursacht. Glücklicherweise nicht das dominante Element des Marktgeschehens, sondern eher flach und unscheinbar.
Musikalisches Angebot ausbaufähig
Das musikalische Angebot fiel eher schwach aus. Dies ist bei dem sonst wirklich einwandfreien und empfehlenswerten Fest unser größter Kritikpunkt. Weder konnte die Gruppe Heidenlärm überzeugen, die auf der Bühne verstärkten, doch sich eher ständig wiederholenden Dudelsacklärm zum besten gaben, noch überzeugten die anwesenden Marktmusiker. Das ist wirklich schade, denn Österreich (und auch das angrenzende Bayern) hat eine blühende Mittelaltermusikszene, die man bei solch einem Spektakel verpflichtend fördern sollte. Gut, über Qualität einer Hauptgruppe mag sich der individuelle Geschmack streiten, aber generell war Musik auf dem Fest unterrepräsentiert und teils sicher nicht von der ersten Garde. Insbesondere umherziehende Marktmusiker, die das Publikum an verschiedenen Plätzen unterhalten hätten, suchten wir bis auf eine etwas schrägere Ausnahme vergebens. Bessere Unterhaltung versprach auf jeden Fall die deutsche Gruppe Schelmish, die aber leider erst am Abend des letzten Veranstaltungstages, dem Sonntag spielten - wo zumindest eifrige Reporter schon lange wieder am Heimweg waren. Die Gruppe Elster Silberflug, ebenso aus Deutschland, die bereits am Freitag ihren Auftritt hatte, ist uns leider noch nicht über den Weg gelaufen, soll aber durchaus bekannt und beliebt sein.
Fazit: durchgehend positiv
Der Gesamteindruck war durchgehend positiv, vor allem vom gezeigten Mut zur Qualität und der Liebe zu vielen Details. An den örtlichen Gegebenheiten lässt sich nichts ändern und wenn man ehrlich ist, bietet das Tal von Reutte einen der stimmungsvollsten Veranstaltungsorte für ein solches Fest, insbesondere durch die Lage außerhalb einer Stadt oder Ortschaft. Wenn die eine oder andere Kleinigkeit noch verbessert wird, was angesichts des jährlichen Wachstums des Markts zu erwarten ist, ist Reutte ein Pflichtmarkt für all diejenigen, die sich nicht scheuen, die lange und beschwerliche Reise in einen der hintersten Winkel von Tirol anzutreten. Der hohe Eintrittspreis lässt sicher mit den Zähnen knirschen, aber Größe und Inhalt haben einen Preis, der bezahlt werden will.
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