Das Hexentreyben Rechberg
bleibt Oberösterreichs Nummer Eins
Gelungene Fortsetzung im Naturpark Mühlviertel
3. 8. 2009 - 12:00
Florian Machl
Von 4. bis 5. Juli veranstaltete die Gemeinde Rechberg zum fünften Mal das Hexentreyben am Gelände rund um den Großdöllnerhof. Mit ein Grund zum Feiern war diesmal auch das 800-Jahre-Jubiläum der Gemeinde. Verantwortlicher Organisator war, wie seit Anbeginn, Tobias Hundertpfund, ein Szeneinsider dessen Vorstellungen den Event maßgeblich prägen. An diesem Wochenende bewegte man sich nicht alleine im Veranstaltungssektor - neben dem relativ nahen Mittelalterfest Ottenstein fanden sowohl innerhalb der Gemeinde als auch im näheren Umfeld viele weitere Feste statt. Eines war jedoch schon im Vorfeld klar: der Ansturm der Szene war dem Hexentreiben gewiss.
Nach einer schwierigen Wetterlage die Österreich ins Chaos stürzte, hatte man diesbezüglich Glück im Unglück, denn ausser kurzen und intensiven Regengüssen blieb es sonnig und heiß. Das Publikum, dessen Zahl vom Veranstalter auf über dreitausend - mit leichter Steigerung zum Vorjahr - angegeben wurde, bewies Nerven, denn nach dem einstündigen, intensiven Regenguss vom Samstag Nachmittag hätte jeder damit gerechnet, dass die späteren Abendveranstaltungen eher familiär ausfallen würden. Doch im Mühlviertel kennt man keine Schönwetter-Ritter-Mentalität. Schon nach dem letzten Regentropfen waren wieder hunderte unterwegs, besonders die Musikveranstaltungen schienen bis auf den letzten möglichen Platz gefüllt.
Urlaub im Mühlviertel
Das Platzangebot am weitläufigen, nicht übersehbaren Veranstaltungsgelände war in Rechberg wie immer eine zweischneidige Angelegenheit. Zum einen gab es mehr als genug davon für die vielen angereisten Lagergruppen. Schlussendlich ließen sich sogar mehr Gruppen als angekündigt in Rechberg nieder, denn etliche der eigentlich für Ottenstein angemeldeten Vereine waren nach dem dort eher merkwürdigen Organisationsgebaren umgeschwenkt und hatten angefragt, ob denn auch beim Hexentreyben für sie Platz wäre. Ein Wunsch, der gewährt wurde - und sicherlich hätte man auch noch für weitere Gruppen Lagerfläche auf den Wiesen inmitten der Wälder des Mühlviertels gefunden. Kleiner Abstrich an dieser Stelle: ebene Lagerplätze sind in Rechberg eher rar gesät. Der Umstand ist allen Beteiligten bekannt und man hat sich über die Jahre gut damit arrangiert. Die Stimmung unter den Lagernden war gut, Rechberg wird eben auch als eine Art "Urlaub im Mühlviertel" wahrgenommen - frische Luft auf fast 600m Seehöhe, naturbelassene Umgebung, keine Störungen durch nahe Straßen oder andere moderne Verkehrsmittel.
Drei Schauplätze
Weniger Fläche stand bei den zentralen Veranstaltungsplätzen zur Verfügung. Das interessierte und begeisterungsfähige Publikum füllte vor allem die zentrale Fläche inmitten des Großdöllnerhofs, vor einer großen Holzbühne, mehr als gut aus. Bei einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen wird dies wohl die größte Herausforderung für die Veranstalter werden: weitere Plätze für die Programmpunkte und Künstler zu schaffen, die dazu geeignet sind, das Auditorium zu halten. Hier war in den vergangenen Jahren schon viel experimentiert worden. Heuer gab es für das Kinderprogramm der Puppenbühne Franz Rosenthaler angenehmer weise einen voll überdachten Ort inmitten der vorderen Händlerwiese. Nicht nur während der Vorführungen wurde der Schatten des großen Sonnensegels gerne in Anspruch genommen. Ein weiterer Veranstaltungsplatz war inmitten der "hinteren" Lagerwiese angesiedelt und dank neuer Beschilderung sichtlich auch von mehr Menschen gefunden worden.
Pferdereise im Vorfeld
Im Vorfeld der Veranstaltung gab es die "Zeitreise" - Huscarl berichtete - bei der Mitglieder der Gruppe Rhiannon mit einigen weiteren Weggefährten und der stets mitreisenden "Tränke zum wilden Wikinger" von der tschechischen Grenze aus nach Rechberg wanderten. In jedem durchreisten Ort gab es Met und Musik, sicherlich ließen sich davon auch einige der jeweiligen Zuseher überzeugen, die Veranstaltung zu besuchen.
Genaue Qualitätsvorstellungen
Obwohl der Titel vermuten ließe, es würde sich um eine Fantasy-Veranstaltung handeln, bei der "alles erlaubt ist", waren die Qualitätsvorgaben von Organisator Tobias Hundertpfund recht konkret. Sowohl in der Auswahl der Händler als auch bei den Gastronomen wachte ein strenges Auge darauf, dass zumindest ein grob mittelalterliches Ambiente gewahrt blieb. Besonders positiv fiel dies bei den Gastronomen auf, die viel stimmiger integriert schienen als in den Jahren zuvor. Seien es die Schankbereiche, der Stand mit Kaffee und Kuchen, die wie immer perfekt ausgestatteten Harzschützen, die beliebte Met-Taverne zum Wilden Wikinger von Roland Heinzle, die eigene Schenke und auch die Steckerlfisch-Griller. Auf den ersten Blick fand man nichts zu bemängeln, was den Eindruck eines rundum gelungenen Ambientes getrübt hätte. Überraschend professionell präsentierte sich in diesem Kontext auch die Trossküche von Maximus, dem früheren Gastronomiepartner von Torxes "Narrenküche". Unter einem weiteren, riesigen, vom Veranstalter gestellten Sonnensegel gab der Marktgastronom im Schatten mächtiger Bäume ein im Vergleich zum Vorjahr bei weitem stimmigeres Bild ab, was ihm das Publikum durch stets gefüllte Bänke dankte.
Eine Chance für jeden
Nicht ganz so streng waren die Aufnahmekriterien für die Lagergruppen. Hier herrschte der Gedanke "eine Chance für jeden" vor. Somit war eine friedliche Koexistenz von sehr auf Authentizität bedachten Gruppen wie "Viatores die Wanderer" bis hin zu optisch eher fantasylastigen Gruppen wie den St. Georgsbruderschaft möglich. In Rechberg hat man verstanden, dass ein gemeinschaftliches Miteinander von mehreren hundert anwesenden Mittelalterdarstellern der allgemeinen Stimmung mehr als dienlich ist und sich nahtlos auf die Besucher überträgt. Rechberg ist eines der Feste, wo man sich als nicht historisch Gewandeter oft seltsam deplatziert vorkommt. Zum Glück waren auch einige Gewandungshändler vor Ort, um eventuelle Defizite dieser Art auszugleichen.
Verbessertes Händlerangebot
Das Angebot an Händlern war im Vergleich zum Vorjahr auffällig erweitert und verbessert worden. Endlich konnte man in Rechberg auch Schuhe kaufen! Sowohl für lagernde Vereine als auch für das Laufpublikum gab es eine gute Auswahl. Die Händlerschaft, auch einige von denen die zum ersten Mal dabei waren, äußerte sich begeistert über das gebotene Ambiente. Auch wenn die Umsätze nicht bei jedem zum Jubeln verleiten ließen, man schien zufrieden und stand kommenden Veranstaltungen sehr positiv gegenüber. Wieder einmal nicht mit dabei war der angekündigte Buchhändler "die Wissensbringerey". Wenige Tage vor der Veranstaltung erfolgte die Absage. Dabei wurde bekannt gegeben, dass sich die Wissensbringerey gänzlich aus dem Geschäft und der Mittelalterszene zurückziehen möchte und dementsprechend nicht weiter an Märkten teilnimmt.
Von Rhiannon bis Salamanda
Im künstlerischen Bereich setzte man auf eine Mischung aus Altbewährtem und Neuem. So blieben die Spielleute von Rhiannon der Veranstaltung treu, bei der sie schon in ihren Anfängen vor langen Jahren aufgetreten waren. Veränderungen in der Zusammensetzung der Gruppe machten sich aber schon hier bemerkbar - mittlerweile sind einige Wochen vergangen und aus manchen Gerüchten sind Fakten geworden. Zum einen fehlte der Dudelsackvirtuose Kratler auf der Bühne, zum anderen zeichnete sich die zukünftige Zusammenarbeit mit Narrus Rabenkuss (bis Ende des laufenden Jahres: Schandgesellen) ab, der bei den Auftritten mitspielte. Neu war die Formation derer "von der Auen", denn Stefan Reisenzahn wusste in der noch ungewohnten Besetzung mit seinen beiden Töchtern zu überzeugen. Leiermann Ernesto schmetterte den Besuchern mit kräftiger Stimme seine Nummern entgegen, während - last but not least - die Kinderband Salamanda tapfer Saiten, Trommeln und Stimmbänder erklingen ließ.
Gemeinsamer Hauptevent
Ein Geniestreich war das Konzept, die Abendveranstaltung nicht nur einer anwesenden Gruppe zu überantworten, sondern daraus eine Gesamtveranstaltung aller anwesenden Künstler zu zaubern. Festivalatmosphäre kam auf, während sich die Musiker auf der Bühne abwechselten, als hätten sie dieses Showereignis schon wochenlang geübt. Das, wie eingangs erwähnt, auch durch eine kurze Wetterkapriole nicht zu vertreibende Publikum, dankte es mit begeistertem Applaus und wurde bis spät in die Nacht hinein mit Musik und Feuer gut unterhalten.
Rundherum und Mittendrin
Abgerundet wurde das Fest untertags mit unterhaltsamen Schaukampfdarbietungen und Schaustücken von Draconis Cognatio sowie beeindruckenden Vorführungen der Bogenschützengilde "Arduinas Gefährten". Deren Treffsicherheit bei den Vorführungen soll im Raum Rechberg seit dem Vorjahr zur Legende geworden sein und diverse Stammtischrunden beschäftigt haben. Es gab Mitmachtheater und Jonglierworkshops mit der Gauklerfamilie Halibux, Geschichten von Bruder Ignatius, Ernesto führte sein Schattentheater vor. Besonders gute Kritiken waren allerorts über die Auftritte von Komödiant und Gaukler Master Fleapit zu vernehmen. Weiters tummelten sich die Hexe Cordula und der Stelzengeher "Riese Karl" am Gelände.
Beschauliche Heiratszeremonie
Einer der bekanntesten Protagonisten der Bogenschützen, "Bowmaster Q", erfüllte sich am Festgelände gemeinsam mit seiner Verlobten "Brianna" einen Traum. In den Abendstunden des Samstags wurde inmitten des Scheins von Fackeln und Kerzen, unter der beeindruckenden Kulisse des freien Sternenhimmels, nach einem "keltischen Zeremoniell" geheiratet. Das Fest wurde seit seinem Bestehen somit schon mindestens dreimal als "interaktive Kulisse" für Hochzeiten genutzt.
Handwerksfest
Auf das Handwerk wird in Rechberg besonders Wert gelegt. Neben der wie immer stimmungsförderlich integrierten Tuchfaerberey gab es Scherenschleifer, Bierbrauer, Schmied, Lederbearbeiter, Näher, Seifensieder und viele mehr. Besonders ungewöhnlich ist die Muskelkneterey nebst Bademagd, wo an einem schattigen Platz hinter dem Großdöllnerhof rundum Entspannung und Massage angeboten werden.
Unerwartete Hindernisse
Der Organisator war hinter den Kulissen mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Unangenehm fiel beispielsweise ins Gewicht, dass die großen Wiesen unterhalb des Festgeländes diesmal nicht als Parkareal zur Verfügung standen und den Besuchern deshalb kilometerlange Fußmärsche beschert wurden. Der Grund waren die Regenfälle der vorangehenden Wochen – die Fahrzeuge wären in den Wiesen geradezu versunken und man entschied sich gegen das matschige Vergnügen. Erfolgreich war man bei der Beschaffung der, für ein Fest sehr wichtigen, Heuballen. Die Bauern des Umlandes hatten die meisten quaderförmigen Ballen bereits verbraucht, neues Heu war aufgrund der Wetterlage nicht eingebracht worden. So musste man auf die großen Rundballen zurückgreifen, die "in letzter Minute" zerlegt und zu quaderförmigen Ballen verarbeitet wurden. Allerdings konnten sich die Lagergruppen in Rechberg auf die Handschlagqualität der Veranstalter verlassen. Ausgemacht ist ausgemacht - egal ob es schwierig war oder nicht. Gebühren für Holz und Stroh einzuheben war hier undenkbar – trotz der stattlichen Anzahl von rund 300 Darstellern.
Das nächste Fest kann kommen!
Mein persönliches Fazit für Rechberg äußert sich in unveränderter Begeisterung. Die Huscarl Leserschaft hat mit der Positionierung in der "Top 5" der schönsten Feste Österreichs definitiv richtig gelegen. Die daraus entstehende große Erwartungshaltung und der gestiegene Andrang an Lagerleuten wurden nach besten Kräften zufrieden gestellt. Rechberg ist eines der Feste, wo einem interessierten Besucher zwei Tage nicht ausreichen, um alles zu sehen und zu bestaunen - und vielleicht auch mit jeder anwesenden Darstellergruppe ein wenig zu plaudern. Der gute Ruf innerhalb der Mittelalterszene machte sich durch Besucher aus allen Bundesländern bemerkbar. Der Bürgermeister des Ortes, der gleichzeitig als Obmann des Naturparks fungiert, soll sich schon während der Veranstaltung sehr positiv hinsichtlich einer Fortsetzung geäußert haben. Das Fest ist zu einer neuen, gelebten Tradition in der 900-Seelen-Gemeinde geworden, die sicherlich gut wahrnehmbare touristische Impulse setzt. Wie bei jedem anderen gut eingeführten Mittelalterfest in Österreich profitiert gerade auch die lokale Gastronomie - vor allem auch in Form stark angestiegener Nächtigungszahlen - vom bunten Festtreiben. Somit drücken wir die Daumen, dass den Ankündigungen Taten folgen und Rechberg auch im Jahr 2010 wieder zu einem erholsamen und lehrreichen Festgeschehen einlädt.
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