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(c) Bildzitat: DerSpiegel.de
Das Magazin UniSpiegel bringt eine Analyse eines deutschen Mittelaltervereins als Titelthema


Chronik
UniSpiegel über Reenactment, Larp und Schwertkampf: Haben die alle einen Hau?
12.02.2012 11:49
Florian Machl

Anhand einer "Berliner Rittergilde" berichtet das Studentenmagazin Unispiegel, ein Ableger von "der Spiegel" über Living History, Reenactment, Larp und Schwertkampf. Vermutlich ohne es zu wissen, denn wie so häufig werden Inhalte durcheinandergewurstelt und auf tiefgehende Recherche wie auch bemerkbare eigene Geschichtsbildung verzichtet. Dennoch werden auch einige (bittere) Wahrheiten angesprochen, die seitens der Mittelalterszene negiert, geleugnet oder schlichtweg geduldet werden.

Wir erfahren, dass die berliner Hobbyritter beim Üben manchmal unter der Wucht ihrer Schläge taumeln. Dass Reenactment "Rollenspiel" ist. Dass Ritter des 13. Jahrhunderts musikalisch von Landsknechtstrommeln begleitet werden, wenn sie Opa zum Ritter schlagen. Dass man mit Prinz-Eisenherz-Frisur "original" aussieht. Und dass es "Miederware" - für den Autor mittelalterliche Unterwäsche - in einschlägigen Läden zu kaufen gibt. Soso. Diesen Detailgrad an Fachwissen hätte man sich in einem Sachbuch von Frau Praschl-Bichler über das Mittelalter auch erwarten können.

Was der Autor aber zu Recht anspricht, sind zuweilen bitter klingende Wahrheiten, die man in der Mittelalterszene vielerorts nicht so gerne hört.

Zitat: "Oder aber jene, die das Mittelalter als Vorwand nutzen, um Dinge zu tun, die im 21. Jahrhundert entweder nicht mehr gut ankommen oder gar strafrechtlich relevant sind. Berüchtigt sind zum Beispiel die Freizeitritter, die Festivals und Märkte nutzen, um betrunken, rülpsend und Popo-grabschend übers Gelände zu wanken. Motto: wenig Geist, kaum Moral. Oder all jene, die die Kräuterlehre der Hildegard von Bingen oder den Schamanismus vorschieben, um sich althergebrachte Drogen wie Stechapfel oder Engelstrompeten einzupfeifen. Dann noch die Gothic-Fans, die das Mittelalter wegen der düsteren Musik, der Pest, der Hexenverbrennungen oder Zahnbehandlungen ohne Betäubung interessant finden."

Ja, da hat Autor Christoph Wöhrle in einigen Teilen seiner Kulturkritik durchaus richtige Beobachtungen angestellt. Solche Umtriebe sind Jahr für Jahr mehr auf dem Vormarsch und niemand hält dem etwas entgegen. Vornehm werden diese Dinge ignoriert, von Veranstaltern eher noch gefördert, wenn man damit in Form von Darstellern Geld sparen, in Form von Besuchern Geld einnehmen kann.

So oberflächlich das im Spiegel-Artikel geschilderte Fremdbild, also der Blick von außen auf die Mittelalterszene zum Teil zu sein scheint, so schmerzlich legt man den Finger in offene Wunden. Und es ist nicht abzustreiten, dass so mancher "mittelalterliche" Event genau mit diesen Problemstellungen konfrontiert ist.

Die Berliner aus dem Artikel hingegen, die wären "alten Tugenden" treu. Charakterbildung statt Metmißbrauch. Wenn dem so ist, dann Hut ab. Allerdings wäre seitens der Leser des "Spiegel" bei einem Follow-Up etwas mehr Eintauchen in die Materie, etwas weniger "über einen Kamm scheren" verschiedener Gruppierungen und vor allem eine intelligentere Bildwahl in der Fotogalerie einzufordern.

Weiterführende Links:

externer Link UniSpiegel: Die Hiebe sind ein seltsames Spiel


1. Kommentar von Ivan-der-Sturmfalke am 12.02.2012 um 12:18
Gut beschrieben, Flo..
...aber in einem Puntk muss ich widersprechen:

"Ja, das hat Autor Christoph Wöhrle richtig beobachtet. Solche Umtriebe sind Jahr für Jahr mehr auf dem Vormarsch und niemand hält dem etwas entgegen."

- Der Schnuckelgruft & Hooligoth Anteil ist auf allen Festln, die wir jährlich besuchen, eindeutig im Sinken. Ich kann mich noch erinnern als MA Märkte beinahe ausschließlich (abgesehen von den Familien mit Kindern) von Leuten in schwarzem Samt, Aluketten-BH und ähnlicher "Gewandung" besucht wurden. Auch der Elfenohrenquotient ist eindeutig gesunken, die Träger(innen) schon fast eine bedrohte Spezies geworden.

Auch die "Bsuff"-Anteile der regulären Gäste und Darsteller sinkt astatistisch gesehen (vielleicht auch weil wir dank mehr Programmpunkten weniger saufen, who knows..), ungut fallen meist nur je nach Lage absolut szenefremde oder Landjugendtrunkenbolde auf.

Was auf einem eindeutig ZU hohen Niveau stagniert ist pervertierter Esoterik-Bullshit, aber das leider nicht unter den Besuchern sondern unter den Standlern.

2. Kommentar von Rotschopf am 13.02.2012 um 00:00
ich vermute...
...ich rede gegen wände, wenn ich jetz was zu grufties und ihren gedanklichen hintergründen sage...

3. Kommentar von Florian Machl (Administrator) am 13.02.2012 um 07:38
UniSpiegel Leserbrief
Leserbriefe an "derSpiegel" sind hier möglich: http://www1.spiegel.de/active/kontakt/fcgi/lesermail.fcgi
Einen direkten Kontakt zu UniSpiegel habe ich bei einer kurzen Suche auf der Seite nicht entdeckt. Christoph Wörle ist der richtige Ansprechpartner für einen Gruftie-Lebensphilosophie Reality-Check.

4. Kommentar von Schwerthase am 20.02.2012 um 16:12
Forza Celtigoths!
Also ich find die zum Teil vollkommen absurden Verkleidungen eine echte Bereicherung für die Mittelaltermärkte. Man denke nur an die zwei Mädels im HGM, die als Satyren rumglaufen sind, oder schwarze Lederritter und Computerspielcharaktere.

Mir gfallts und ungute Angsoffene hab ich in 9 Auftrittsjahren eigentlich kaum mitbekommen. Seh das also alles net so tragisch.


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