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Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Das Buch von Peter Schreiner und Doris Oltrogge.


Historische Chemie: Byzantinischen Farbrezepten auf der Spur
Griechische Handschriften in zehn europäischen Bibliotheken zu Rezepten für Tinten untersucht
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
31.03.2012 12:20

In dieser Publikation werden erstmals 80 Rezepte aus 24 Handschriften in 11 Bibliotheken herausgegeben, die die Zubereitung von Schwarztinten, Farbtinten und Grundierungen für die Miniaturenmalerei aus byzantinischer Zeit (bis 15. Jh.) behandeln. Im ersten Teil sind die Texte (nach der literarischen Methode) ediert, übersetzt und mit philologischen und sachlichen Anmerkungen versehen. Im zweiten Teil gibt ein technologischer Kommentar Einblicke in die Rekonstruktion und Analyse der Rezepte, behandelt dann in einem alphabetischen Glossar die in den Rezepten erwähnten Begriffe, Produkte und Anwendungsmethoden und zeigt Ergebnisse physikalisch-naturwissenschaftlicher Untersuchungen von Tinten in Originalhandschriften und vergleicht sie mit schriftlich überliefertem Material. Ein Glossar der griechischen Termini, ein allgemeiner Index und 12 teilweise farbige Tafeln schließen den Band ab, der ein Handbuch zur realienkundlichen Erschließung griechischer Handschriften und zur mittelalterlichen Buchkultur darstellt.

Die Ergebnisse ihrer intensiven Forschungen in europäischen Bibliotheken veröffentlicht ein renommiertes deutsches Expertenteam in einer neuen Publikation, die soeben im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienen ist. Unter dem Titel „Byzantinische Tinten-, Tuschen- und Farbrezepte“ bringen der Byzantinist Peter Schreiner und die Kunstwissenschafterin Doris Oltrogge Licht in die Geheimnisse von Handschriftenschreibern.

Die Forscher stießen auf insgesamt 80 Rezepte, die oft aus dem Umfeld des Kaiserhauses von Konstantinopel stammen und von damals hochgebildeten Persönlichkeiten festgehalten worden waren, und werteten sie aus. Um die Korrektheit der Rezepturen zu prüfen, wurden die Rezepte an der Fachhochschule Köln nachproduziert. Auf diese Weise konnte die Richtigkeit der Übersetzung verifiziert oder Wortbedeutungen aus den Rezepten korrigiert werden. Oft fehlen in den Rezepten auch Verfahrensschritte, die damals als selbstverständlich bekannt waren, heute jedoch oft aus chemischen Notwendigkeiten heraus rekonstruiert werden müssen, damit beispielsweise eine verwendbare Tinte entsteht.

Zu den Zutaten, die die Schreiber verwendeten, zählten z.B. Goldpulver, Quecksilber, Safran, Schwefel, Mäusegift, Nardelpflanzen, Zinnober, Harze, Hirschhörner, armenischer Balus oder Aloe. Manche der Zutaten hatten chemisch gesehen keine Bedeutung, aus alchemistischer, naturphilosophischer Sicht war es aber sehr wohl notwendig beispielsweise Rettichöl dazuzugeben um die Mixtur schärfer zu machen. Auch Urin, verschiedene, genau definierte  Weinsorten oder Schwefel wurden aus ähnlichen Gründen hinzugefügt.

Auch zwei Rezepte für Geheimtinten konnten entdeckt werden. Geheimtinte wurde oftmals mit Zwiebelsaft gemacht. Geheimnachrichten konnte der Empfänger nur lesen, wenn er wusste, mit welcher Substanz die Geheimnachricht geschrieben war. Mit falscher Sichtbarmachungssubstanz war der Text nicht mehr rekonstruierbar. Nach dem Lesen wurden die Papiere dann in der Regel vernichtet, deswegen ist kein einziges Blatt mit Geheimschrift bekannt. „Vielleicht waren Geheimtinten auch eher chemische Spielerei als von praktischem Wert", vermutet Byzantinist Schreiner, „sonst hätte es mehr Rezepte gegeben." Die meisten strategisch wichtigen Dokumente wurden im Byzanz des Mittelalters nicht mit Geheimtinte, sondern in verschlüsselter Form verfasst.

Grundsätzlich wurden die Tinten für Handschriften mit damals gebräuchlichen und im Mittelmeerraum verbreiteten Zutaten hergestellt. Das Herstellen von Tinten, Tuschen und Farben war offensichtlich keine Geheimwissenschaft für Experten, sondern eine offene, transparente Angelegenheit. „Aus diesem Grund lassen sich die beschriebenen Tinten, auch die Geheimtinten, auch in heutigen Laboratorien nachkochen, vorausgesetzt man kann die angeführten Ingredienzien oder Ersatzstoffe besorgen“, erläutert  Kunstwissenschafterin Oltrogge.


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