huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden
LDA Halle/J. Frase
Die Gräber wurden mehrschichtig angelegt

LDA Halle/J. Frase
Die Skelette waren teilweise durch Feldarbeiten mit dem Pflug disloziert

LDA Halle/V. Keil
Drahtbäumchen aus drei Ästen, die wiederum aus je zwei gekordelten Drähten bestanden - die Überreste einer Totenkrone

LDA Halle/V. Keil
Geborgenes Flechtbändchen in Posamentierarbeit nach Freilegung in der Restaurierungswerkstatt

LDA Halle/V. Keil
Reste einer feinen Bronzenadel und weiteres Buntmetallfragment

F. Frenzel/A. Tröller-Reimer/C. Bäucker, Begraben, vergessen, in neuem Glanz erstrahlend: Die Restaurierung einer Totenkrone. Arch. aktuell Freistaat Sachsen 3, 1995, S. 228
Rekonstruktion einer Totenkrone aus einer Gruft bei der Dresdner Frauenkirche.

LDA Halle/V. Keil
Fragment eines Rasier(?)pinsels aus Borsten, Leder, Holz und gekordeltem Buntmetalldraht (wahrscheinlich versilbertes Kupfer)


Christliches Gräberfeld in Wengelsdorf
Neues aus Spätmittelalter und Barock
Simone "Mone" Jatropulus
19.10.2012 12:11

Als Fund des vergangenen September 2012 präsentiert das Landesdenkmalamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt einen spätmittelalterlichen bis barockzeitlichen Friedhof im Burgenlandkreis. Das Gräberfeld offenbart interessante neue Erkenntnisse zu Grabbeigaben, die bei christlichen Beisetzungen, vor allem aus diesen Epochen, als äußerst unüblich gelten.

Im deutschen Wengelsdorf wurden im Zuge von Deichsanierungsarbeiten zahlreiche Grabstätten freigelegt, die sich bei näherer Betrachtung als kompletter Friedhof entpuppten. Anhand der Ausgrabungen konnte festgestellt werden, dass die Toten über einen Zeitraum vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit hin auf jenem Gräberfeld zur letzten Ruhe gebettet wurden.

Das Gräberfeld

Das Gräberfeld gestaltet sich mehrschichtig, wodurch die älteren, tiefer gelegenen Grabstätten oftmals beschädigt und teilweise nahezu zerstört freigelegt wurden. Die höher gelegenen Gräber, die dicht unter der Erdoberfläche lagen, wurden ebenso schwer in Mitleidenschaft gezogen - durch jahrzehntelangen Ackerbau auf dem Areal. Generell konnten starke Dislozierungen der Skelette festgestellt werden, d.h. Knochenfragmente waren teils weitgehend verlagert worden und somit völlig aus der Art gebracht.

Gefundene Reste von Eisennägeln weisen darauf hin, dass nahezu alle Toten ursprünglich in Holzsärgen bestattet worden waren. Die Verstorbenen wurden ausnahmslos in gestreckter Rückenlage mit Blick nach Osten zur letzten Ruhe gebettet, die Lage der Arme hingegen scheint bei den einzelnen Skeletten individuell angeordnet zu sein: Hier wurden Positionen mit gerade seitlich am Körper anliegenden Armen sowie über der Brust oder auch über dem Becken gekreuzt ruhende Arme dokumentiert.

Seltene, aufschlussreiche Grabbeigaben

Nach der vorliegenden W-O-Ausrichtung der Gräber wie auch nach ersten Datierungsanalysen freigelegter Keramikscherben - die ältesten Toten konnten dem 13., die jüngsten dem 17. Jahrhundert n. Chr. zugeordnet werden - gingen die beteiligten Forscher sofort von christlichen Bestattungen aus. Daher waren die Archäologen überrascht, als sie bei manchen der Skelette dennoch Grabbeigaben fanden. Für christliche Bestattungen eine äußerst unorthodoxe Praxis.

Man fand unter anderem korrodierte Buntmetallreste wie auch Bändchen- bzw. Haubenreste und filigran gefertigte Bronzenadeln. Vermutungen der Wissenschaftler nach könnte es sich hierbei um die Reste von Totenkronen handeln, möglicherweise war es im Wengelsdorf des Spätmittelalters bzw. der Frühen Neuzeit durchaus üblich, bestimmte Verstorbene mit solchem Totenschmuck zu beerdigen.

Die Totenkrone selbst war in Europa vom späten 16. bis ins 19. Jahrhundert (in seltenen Fällen sogar bis ins 20. Jhdt.) weithin bekannt und galt als Zeichen der Unschuld oder Jungfräulichkeit. Sie findet sich auch unter anderen Bezeichnungen wieder, wie etwa Brautkrone, Totenkranz oder oder Grabkrone. Das oftmals aufwendig gearbeitete Schmuckstück wurde vornehmlich Säuglingen, Kindern und jung verschiedenen Frauen mit ins Grab gegeben, Männer blieben hier die absolute Ausnahme. In Sonderfällen wurden auch Wöchnerinnen oder vor dem Tod durch schwere Krankheit gezeichneten Personen Totenkronen beigegeben, da durch derartige Martyrien die Unschuld wiedererlangt werden konnte.

In einem weiteren Grab konnten Fragmentstücke eines vermeintlichen Rasierpinsels gefunden werden. Das Objekt setzte sich aus gebündelten Borsten sowie mit Buntmetalldraht umwickelten Lederstreifen auf einem Holzgriff zusammen. Nur sehr wenige Funde ähnlicher Natur konnten bisher im deutschen Sprachraum verzeichnet werden.  Laut LDA Sachsen-Anhalt seien derartige Pinselfunde aus dieser Zeit sehr selten und bislang vor allem aus Stadtkerngrabungen bekannt.

Fundamentreste deuten auf ehemalige Wengelsdorfer Friedhofskirche hin

Im Zuge der Grabungen stießen die Archäologen auf den Fundamentausbruchgraben eines ursprünglich viereckig angelegten Gebäudes. Ersten Thesen zufolge könnte es sich um die ehemalige Friedhofskapelle, eine Art Aufbahrungshalle oder auch eine kleine Kirche handeln. Eine unmittelbar darangrenzende Grube förderte Überreste menschlicher Knochen und Schädel zutage, die vermutlich beim Abtragen jenes Gebäudes erstmals an die Oberfläche kamen, von den am Abriss Beteiligten zusammengetragen und anschließend gemeinsam in der flachen Grube wiederbestattet wurden. Tiefere Grabungen - weit unter den eigentlichen Gräbern - brachten keine weiteren Funde hervor, außer weitläufigen leeren Gruben, die möglicherweise beim ehemaligem Lehmabbau entstanden.

Bereits in der Vergangenheit vermutete man am Fundort des Gräberfeldes die ursprüngliche Dorfkirche. Diese Theorie wurde immer wieder durch Knochenfunde unterstützt, die bei Feldarbeiten an die Erdoberfläche kamen. Im Flurnamen „Pfarr-halbe-Hufe“ wird ein weiteres Indiz dafür gesehn. Die heutige Wengelsdorfer Kirche wurde historischen Aufzeichnungen nach 1624 im Ortsinneren geweiht, erste Beisetzungen sind im Jahr 1653 n. Chr. schriftlich belegt. Der nun freigelegte Friedhof am Ufer der Saale wurde demnach vermutlich bis 1652/1653 genutzt und könnte dann aus Platzmangel aufgegeben worden sein. Hinweise darauf finden sich in der mehrschichtigen Bestattung und werden durch die aktuellen archäologischen Funde bestätigt.

Weitere Details zu den Objekten finden sich unter nachstehendem Link.


Weiterführende Links:




Miroque - das Magazin

Radio Aena


Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:




Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.