Weisse Bärte und blonde Locken
Christkind vs. Weihnachtsmann
13. 12. 2009 - 13:00
Glosse von Paul Frühauf
Jetzt ist wieder diese Zeit: Wie schon rund um Samhain (31. Oktober, Allerheiligen/Halloween, dazu jedoch später) versammeln sich die selbsternannten Verteidiger der Kultur des Abendlandes, zeigen naserümpfend auf die jetzt überall anzutreffenden Weihnachtsmänner und murmeln von bösartigen Untergrabung unserer Kultur durch amerikanischen Nonsens. Was sie dabei aus Unwissenheit oder Desinteresse wohl übersehen haben: Eigentlich hat ja das Christkind den Weihnachtsmann verdrängt. Außerdem sind die historischen Geschehnisse um diese beiden weihnachtlichen Konkurrenten religiös betrachtet ziemlich spiegelverkehrt. Doch holen wir weiter aus.
Der Weihnachtsmann stammt nicht aus der Werbeabteilung von Coca Cola. Leider, liebe Verschwörungstheoretiker. Sein Ursprung liegt viel weiter in der Vergangenheit, nämlich beim Nikolaus – jener dem Santa Claus zum Verwechseln ähnlich sehenden Figur, die den Bischof Nikolaus von Myra darstellt. Übersetzt bedeutet Nikolaus übrigens "Siegreicher des Volkes". Selbiger, ein Erbe eines großen Vermögens, wirkte im 3. bis 4. Jahrhundert im römisch besetzten Griechenland und sorgte dort neben ein paar Wundern dafür, dass die alten Götter ausgetrieben wurden. So ließ er angeblich einen heiligen Baum fällen, welcher der Jagdgöttin Diana geweiht war oder war hilfreich bei der Bekehrung von Juden zum Christentum. Aus katholischer Sicht qualifizierte ihn solch Missionsarbeit natürlich zum Heiligen.
Ein alter Heiliger
Dieser Bischof jedenfalls starb am 6. Dezember, das Jahr weiß man nicht genau, es war jedenfalls Anfang oder Mitte des 4. Jahrhunderts. Der Mann wurde jedenfalls relativ alt, daher vielleicht die Darstellung mit weißem Rauschebart. Seitdem ist er ein Popstar unter den katholischen Heiligen und brachte ab dem Mittelalter den Kindern Geschenke, die er anfangs in ihre Schuhe legte (der US-Santa stopft sie heute noch in aufgehängte Socken) und das morbider Weise am 6. Dezember. Das Weihnachtsfest verlief hingegen geschenkelos und unspektakulär. Vielleicht wusste man damals noch, dass es nur von älteren Riten übernommen worden war.
Luther "erfindet" Christkind
Das änderte sich, als Martin Luther ab 1517 zum Gründervater des Protestantismus wurde, in welchem man die Heiligenverehrung strikt ablehnt. Der (heilige) Nikolaus wurde durch die Fantasiefigur Christkind ersetzt, die Geschenke auf Weihnachten oder auch Neujahr vertagt. Das Christkind, auch das sei gesagt, stellte übrigens nicht den neugeborenen Jesus dar (das wäre das Christuskind) sondern den ausgewachsenen Christus. Mit dem Lutheranismus setzte es zum Siegeszug durch das deutschsprachige Europa an und verdrängte den Nikolaus auf die Nebenbühne, quasi als Vorband zum großen Auftritt.
Widerspruch zur Reformationslehre
Interessanter Weise tat Luther damit, was eigentlich seiner Reformationslehre grundlegend widersprach und möglicherweise bis heute falsch verstanden wird: Er ersetzte eine an- und begreifbare Gestalt durch ein rein spirituelles Wesen, das in seiner absoluten Glaubensabhängigkeit zutiefst katholisch ist. Anders gesagt – den Nikolaus/Weihnachtsmann kann man sehen, er stapft durch den Schnee und wenn man als Kind ganz mutig ist, kann man ihm auch schon mal die Meinung sagen. Das Christkind? Bricht unsichtbar in Häuser ein, hinterlässt Geschenke oder auch nicht und verschwindet wieder. Es braucht keine Rechenschaft abzulegen, sich nicht um seine Schäfchen zu kümmern, ja, es existiert nicht einmal außerhalb des Zeitfensters von 23. bis 25. Dezember. Dann kommt es von oben herab angeschwebt und beschließt, je nach finanzieller Lage der Verwandtschaft, ob das Kind im letzten Jahr brav war oder nicht. Diese Verhaltensweisen dürften auch der Grund sein, warum diese protestantische Erfindung heute in katholischen Regionen mit Zähnen und Klauen ums Überleben kämpft. So eine Figur passt bestens ins triste katholische Weltbild aus Erbschuld, lebenslanger Freudlosigkeit, dauernder Sünde und blindem Glauben ohne himmlisches Feedback - bis es zu spät ist.
Kleiner Ausritt: Weihnachtliche Auffassungsunterschiede kann man sehr gut aus traditionellen Weihnachtsliedern heraushören. Während jene aus dem deutschsprachigen Europa grundsätzlich wie strenge Kirchenlieder klingen, sind solche aus dem angelsächsischen Raum Lieder der Freude und verstecken das auch nicht hinter vielen Lagen Moll-Depressionen. Allerdings gibt es dort als Ausgleich "Carol of the Bells". Das dürfte eher aus einem sehr frühen Horrorfilm-Soundtrack stammen.
Comeback des Santa
In den angelsächsischen Ländern, in Skandinavien und Russland hatte das Christkind nie eine Chance. Von den USA aus startete 400 Jahre später auch "Santa" sein Comeback, was wenig verwundert, ist er doch Schutzpatron von Neu Amsterdam, dem späteren New York. Sinterklaas war sein Name, der von niederländischen Auswanderern geprägt wurde. Im 20. Jahrhundert kommt schlussendlich Coca Cola ins Spiel. Die Farbe Rot in der Uniform des Weihnachtsmannes/Nikolaus ist nämlich seit jeher – zufällig – auch die Markenfarbe des Getränkeherstellers. Seit den 30ern des 20. Jahrhunderts wurde er daher für vorweihnachtliche Werbung eingesetzt. Ob das tatsächlich zu seiner Rückkehr ins katholische Europa führte, ist umstritten. Die Annahme liegt aber doch recht nahe.
Verteidigung des Kulturgutes?
Heute ist es so, dass sich vor allem katholische und politisch konservative Kulturwächter vielerorts für das Christkind stark machen. Da wird verdammt und verteufelt, was das Zeug hält, ohne zu wissen, dass man eigentlich eine protestantische Schöpfung zu verteidigen sucht. Das ist einer dieser Fälle, in denen ohne viel zu differenzieren "Amerika" herhalten muss, dessen Einflüsse es zu beschränken gilt. Die Parallelen zum ebenso verteufelten Halloween sind kaum zu übersehen: Amerikanischer Kitsch sei es, der hier nichts zu suchen hat. Dabei sind "Halloween" und "all hallow's eve" schon rein sprachlich sehr eng verwandt. Beide leiten sich vom irisch-gälischen "samhain" (Samhain, Samuin, Samfuin) her, das soviel wie Ende des Sommers bedeutet. Am 1. November wurde schon lange vor der katholischen Kirche das Ende des Sommers in Europa gefeiert, an dem die Tore zwischen den Welten der Lebenden und Toten offen sind. Das wiederum kommt wahrscheinlich daher, dass an diesem Tag die Kelten schon vor Jahrtausenden ihr überzähliges Vieh schlachteten, um die widerstandsfähigeren Tiere durch den Winter bringen zu können...
Zurück zum besinnlichen Fest?
Doch zurück zu Weihnachten. Hier ist eine Idee, wie man unser Weihnachtsfest vor den bösen Amerikanern retten könnte: Wie wäre es, am 24. Dezember keine Geschenkeorgien nach vier in manischem Konsumstress verbrachten Wochen zu feiern? Echte Kulturgläubige würden ihren Kindern am 6. Dezember eine Kleinigkeit schenken und Weihnachten an sich dann so feiern, wie es vorgesehen war – besinnlich im Kreise der Familie, ohne Stress, dafür aber mit spiritueller Vorfreude darauf, dass es sowohl nach den heidnischen Wurzeln als auch den christlichen Lehren ab sofort wieder heller wird.
Realistisch betrachtet ist es also vollkommen egal, welche Fantasiefigur die Geschenkeberge aufstapelt. Mit Religion oder Kultur hat das, je nach Betrachtungszeitraum, eher wenig zu tun. Das Gerede über den schleichenden Untergang unseres Kulturkreises könnte diesbezüglich also durchaus verstummen. Am besten Gleichzeitig mit "Last Christmas" von Wham!
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