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Bildquelle: Unipress, Unibe.ch
Mit dem Kopf gegen die Wand, eine Redewendung die es schon im Mittelalter gab. Muss es "weh tun", damit bewiesen ist, dass eine Veranstaltung ernst, seriös und kulturell wertvoll war? Gibt es Lachverbot, wenn historischer Authentizismus an der Tagesordnung steht?

Darf Bildung Spaß machen?
Veranstalter und ihre Feste zwischen Selbstwahrnehmung und Besuchermeinung
21. 2. 2009 - 21:00
Florian Machl

Immer wieder gibt es Diskussionen über die Unterschiede zwischen Bildung und Kommerz, zwischen historischer Authentizität und verfälschendem Geschichtsbild. In einer Jahreszeit, wo Veranstaltungen, deren inhaltliche Ausrichtung und deren Besetzung in der letzten Planungsphase stecken, soll dieses Thema in Form eines Editorials aufgegriffen werden. Denn eines ist sicher - auf eine Lagerbildung mit verhärteten Fronten zwischen "strengen Authentikern" und "Familienfestveranstaltern" hat das Publikum auch im Jahr 2009 nicht gewartet. Mit dem nachfolgenden Artikel möchte der Autor verschiedene Elemente der Problematik kritisch ansprechen um der Diskussion neue Impulse zu geben. Eine Diskussion, in der selbstverständlich alle Meinungen zugelassen sind.

Erinnern wir uns an unsere Jugendzeiten, soferne wir ihnen schon entwachsen sein mögen. Die Schulzeit. Unsere Lehrer. Welche Gegenstände haben uns besonders interessiert, wo haben wir freiwillig gelernt? Wann haben wir über das im Unterricht Verlangte hinaus noch weitere Bücher gewälzt und Fragen gestellt? Das waren doch selten die Lehrveranstaltungen, in denen gestrenge alte Oberlehrer autoritär befahlen, was wir zu tun hatten. Meist waren es Lehrkräfte, die wussten, wie man mit Menschen umgeht. Pädagogen, die Begeisterung entfachen konnten und ihren Lehrstoff mit auflockernden Geschichten und Anekdoten bereicherten. Ich selbst entdeckte beispielsweise erst an der Universität Spaß an der Mathematik, als der Vortragende schon in der ersten Vorlesung begann, Geschichten zu erzählen. Von der Zahl Null, die eine Zeit lang von der Kirche verboten worden war. So ergab sich, dass mich auch der Rest seines Vortrages interessierte. Neben dem oft schwierigen Lehrstoff blieb auch immer wieder Raum für ein Schmunzeln über einen Scherz oder eine Anekdote des alten Professors.

Schulische Desillusionierung

Geschichte ist in der Ausbildung selten ein Fach, das Freude bereitet. Bedauerlicherweise wird es nur zu oft ohne didaktische Feinfühligkeit vermittelt. Desillusioniertes Lehrpersonal beharrt mit pragmatisierter Emotionslosigkeit auf dem Lehrplan, von dem um keinen Punkt und kein Komma abzuweichen ist. Lehren um des Lehrens willen, nicht um Verständnis oder Interesse zu erwecken. Der Zeigefinger des Pädagogen wackelt und droht, der Schüler oder Student entwickelt Widerwillen oder Desinteresse.

Giftiger Spaß

In diesen Beispielen, die auf den ersten Blick vielleicht wenig mit Veranstaltungen zu tun haben, ist sehr viel von dem Problem enthalten, das innerhalb von Veranstalterkreisen und auch deren Auftraggeber brodelt. "Darf Bildung Spaß machen?" scheint die zentrale Frage zu sein. Darf auf einer Bildungsveranstaltung auch gesungen, getanzt und getrunken werden? Ist ein historisches Fest denn auch automatisch eine Bildungsveranstaltung?

Abschreckung schon im Vorfeld?

In meiner höchstpersönlichen Beobachtung und Erfahrung kann ich diese Frage nur so beantworten: Ja. Es darf nicht nur gesungen, getanzt, getrunken und gelacht werden, es muss sogar so sein! Weil - wie es jüngst Torxes von Freygeyst formulierte - wo ist sonst das "Fest"? Wohin kommen Besucher denn freiwillig und mit Vorfreude? Auf eine Bildungsveranstaltung mit einem dementsprechend ernsten Titel - oder auf ein Spektakulum, ein Schauturnier, eine Feier?

Welche Kategorie Veranstaltung ist eher dazu geeignet, ganze Familien anzusprechen? Die Aufmerksamkeitsspanne von jeder einzelnen Person ist sehr unterschiedlich, insbesondere die der Kinder - hier ist Abwechslung gefragt. Will man in manchen erwachsenen Begleitpersonen schon im Vorhinein anerlernte Widerstände gegen Bildung reaktivieren? Oder wäre es vielleicht ein gelungenerer Lockruf, zu sagen: Bei uns gibt es von allem und für alle etwas: Musikanten, Gaukler, Feuerspucker, Tavernen ... und Bildung.

Inhaltliche Verantwortung

Bei all dem darf man auch einen weiteren Punkt nicht außer acht lassen: Den Stolz der Bevölkerung. Viele Menschen entdecken bei einer historischen Veranstaltung ihren Stolz auf die Errungenschaften der Vorväter wenn ihnen diese geeignet und unaufdringlich präsentiert werden. Hier setzt die inhaltliche Verantwortung eines Veranstalters ein, sofern aus der Bewerbung und dem Titel in irgendeiner Form hervorgeht, dass es sich um historische Tatsachen handelt, die vermittelt werden. Der Besucher kann meist nicht zwischen Faschingsritter im Karnevalskostüm und einer historisch perfekt ausgestatteten Darstellung unterscheiden. Vermutlich tendiert er sogar eher dazu, Fantasy als historisch zu betrachten, da dieses Geschichtsbild durch Film- und Fernsehen geprägt wurde. Eine Veranstaltungs-Mogelpackung bringt die Bemühungen all derjenigen in Verruf, die sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben und ist ausnahmslos abzulehnen.

Genug Platz für alle

In der österreichischen Veranstaltungslandschaft ist derzeit sicherlich Platz für alle da. Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Markt mehr und mehr übersättigt ist, gibt es hierzulande noch große Teile der Bevölkerung, die noch nicht einmal von einem Mittelalterfest gehört haben, geschweige denn von einer Vielfalt an Vereinen, die sich mit der mittelalterlichen Geschichte auseinandersetzen. Ungeeignet erscheint mir, anderen ihren Platz zu neiden oder abzusprechen. Wenn Aussagen in die Richtung führen, nur die wahren Authentiker hätten eine Existenzberechtigung und alle anderen wären schlechter, dann wird das als arrogant und hochnäsig empfunden und nutzt im Endeffekt niemandem. Aber auch die ebenso bereits gehörte Meinung, nur Fantasy wäre das einzig Wahre, der Rest wäre überholt und interessiert sowieso niemanden, erscheint einseitig und kurzsichtig. Faktum ist, dass niemand von heute auf morgen zu einhundert Prozent authentisch auftreten kann. Wer das verlangt, steht am Ende alleine da. Beharrt man auf der "alles ist Fantasy"-Schiene, geht jeglicher Bildungsaspekt verloren.

Bildung durch die Hintertüre

Der selbstgewählte Bildungsauftrag braucht keinen mahnenden Zeigefinger. Der Bildungseffekt kann sich durch die Hintertür einschleichen. Es ist nicht nötig, das Publikum zu entmündigen und ihm vorzuschreiben, wann es sich mit Bildung auseinanderzusetzen hat. Ein interessiertes Publikum - und ein solches sahen wir auf vielen Veranstaltungen - wählt die Zeiten und die Mengen ihres Bildungskonsums selbst. Die Menschen genießen aber auch daneben, in den wohlverdienten Pausen, das Angebot an Spaß und Unterhaltung. Historische Festveranstaltungen haben den einmaligen Vorteil, mehr bieten zu können - Wissenschaft, Kultur und Unterhaltung. Sich in diesem Bereich nur auf Einzelbereiche zu beschränken, kann dazu führen, dass eine Veranstaltung als Themenverfehlung wahrgenommen wird.

Die Latte realistisch legen

Angenommen, ein Veranstalter beharrt darauf, dass es auf seinem Fest nur Authentisches gibt. Dass alles am aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung basiert, was da gezeigt wird. Wie hoch legt er sich die Latte damit? Von rechtlichen Vorgaben an Sicherheit und Gastronomie einmal abgesehen, die ein solches Unterfangen sowieso unmöglich machen, ergeben sich auch eine Vielzahl logischer Überlegungen, die eine hundertprozentige Korrektheit einer Darstellung als unerreichbar erscheinen lassen. Allerdings könnte sich die Vorgabe dieser Korrektheit schnell zum sprichwörtlichen Schuss ins eigene Knie wandeln. Denn die Besucher und Insider sehen bei solchen Angaben meist viel genauer hin und prüfen die Behauptungen auf einen Wahrheitsgehalt, der nicht erreicht werden kann. Dies kann am Ende negativ auf den Veranstalter zurückfallen. Wäre es da nicht generell besser, man ließe solch strenge Vorgaben weg? Fantasy und Annäherungen können sehr gut auf der selben Veranstaltung neben historisch aufwändig recherchierten Bereichen existieren. Die Frage ist, ob die Teilbereiche richtig "etikettiert" werden.

Wissensvermittlung ohne Staubschicht

Moderne Wissensvermittlung geschieht nicht mehr in kilometerlangen Bibliothekshallen mit staubbedeckten, jahrhundertealten Büchern. Wer authentisches Geschichtswissen vermitteln will, muß sich am Pulsschlag der heutigen Zeit orientieren. Akademische Kreise mögen sich über die Qualität von TV-Sendungen wie Galileo oder Welt der Wunder das Maul zerreissen, doch sie bieten einen an moderne Denken angepassten Einstieg in die Thematik. Wo sich die einen nur berieseln lassen, bekommen andere Lust auf mehr und beginnen selbständig nachzuforschen. Gäbe es solche seichten Formate nicht, wäre der Einstieg ungleich schwieriger. Dasselbe Konzept erscheint mir bei Veranstaltungen angebracht zu sein, wenn seitens des Auftraggebers sowohl der Festgedanke als auch der historische Hintergrund gewünscht sind.

Besuchermassen behutsam begeistern

Die Masse an Besuchern kommt auf ein Fest, weil sie sich Entspannung und Erholung vom anstrengenden Arbeitsalltag erhofft. Auf vielen Events können sie diese Entspannung finden und darüber hinaus etwas mitnehmen, was sie wohl oft selbst verwundert: Ein Stück Wissen über die eigene Geschichte, ein Stück Bildung. In einem Rahmen präsentiert, der am besten dazu geeignet war, um dieses Wissen auch zu festigen. Und darüber hinaus Lust auf mehr zu machen, selbst aktiv zu werden oder zumindest weitere Feste dieser Art zu besuchen. Weil es auch Spaß machen durfte.

Florian Machl
Chefredakteur Huscarl.at

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