huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden
Urgeschichtemuseum
Das Grab der Metallverarbeiterin

Urgeschichtemuseum
Museum Schloss Asparn

Urgeschichtemuseum
Möglicherweise hat die Metallverarbeiterin zu Lebzeiten solchen Schmuck hergestellt.


Älteste Metallverarbeiterin der Geschichte ausgegraben?
Schon in der Bronzezeit erledigten Frauen "Männerjobs"
Simone "Mone" Jatropulus
03.10.2012 16:10

Das Ur- und Frühgeschichtemuseum in Asparn an der Zaya informierte gestern im Zuge einer Pressemitteilung offiziell über einen bahnbrechenden Fund, der die Geschlechterrolle der Bronzezeit vollkommen auf den Kopf stellt. Wurde tatsächlich die älteste Metallverarbeiterin der Geschichte in einem Geitzendorfer Grab entdeckt?

Eine archäologische Sensation verbarg sich im bronzezeitlichen Gräberfeld in Geitzendorf. Das Grab einer Metallverarbeiterin wurde gefunden – der erste Beleg einer Frau in diesem historischen Beruf!

Die Ausgrabungen fanden in den Sommermonaten 2008 und 2009 statt. 15 Gräber wurden ergraben. Dass eines davon die Vorstellungen der Geschlechterrollen in der Bronzezeit völlig verändern kann, ahnte damals niemand. Nach den anthropologischen Untersuchungen in den letzten Jahren wurde festgestellt: Die erste bislang bekannte Metallverarbeiterin der Feinschmiedetechnik wurde in Geitzendorf begraben.

Das Gräberfeld von Geitzendorf

Das Gräberfeld von Geitzendorf umfasst 15 sicher nachgewiesene Gräber. Somit ist es eine eher kleine Grabgruppe, wie sie oftmals im niederösterreichischen Aunjetitzer Bereich auftritt. „Die ursprüngliche Anzahl der Gräber des Gräberfeldes dürfte etwas höher gelegen sein“ vermutet Dr. Ernst Lauermann, NÖ Landesarchäologe und wissenschaftlicher Leiter des Urgeschichtemuseums Niederösterreich. „Meiner Meinung nach kann die ursprüngliche Anzahl des Gräberfeldes zwischen 18 und maximal 20 Gräber angenommen werden.“

Die größte Bedeutung innerhalb der Grabgruppe ist eindeutig der Frauenbestattung aus Grab „V 3“ zuzurechnen, zahlreiche Indizien sprechen für eine Metallverarbeiterin, eine Feinschmiedehandwerkerin, die hier beigesetzt wurde. Diese bislang einzigartige Beobachtung wirft neue Fragen zur Stellung der Frau in der frühbronzezeitlichen Gesellschaft auf. Anscheinend ist Metallverarbeitung in Form von Feinschmiedearbeit durchaus auch von Frauen durchgeführt worden. Der Befund spricht jedenfalls für diese Annahme.

Das gesamte, dürftig erhaltene Fundmaterial des Gräberfeldes, überwiegend Keramik, kann der klassischen Stufe BzA2 der Aunjetitzer Kultur zugerechnet werden.

Das Grab im Detail

In einer Tiefe von 145 cm lagen die Reste der Bestattung auf einer schwarzbraunen, annähernd rechteckigen Erdschicht. Die Bestattung war Nord-Süd orientiert, mit Blick nach Osten. Der Schädel war sehr stark zusammengedrückt. Im Hinterkopfbereich an der linken Schädelseite lagen vier unterschiedlich große Noppenringe und die Reste eines Spiralröllchengliedes. Auf der rechten Schädelseite lag die gleiche Anzahl an Noppenringen. An der Unterseite de Schädels konnten deutliche Holzspuren gefunden werden. Hinter dem Schädel lagen noch im dunklen Bereich ein Gefäß und ein Stein. Stark in Mitleidenschaft gezogen waren der Schulterbereich, die Arme, der Brustbereich und der Beckenbereich. Die Langknochen der Beine waren noch in Hockerstellung gelegen, aber ebenfalls durch Störungen in Mitleidenschaft gezogen. An den Unterschenkel angelehnt lagen die stark zerscherbten Reste eines weiteren Gefäßes.

Das Sterbealter wurde mit 45-60 Jahren festgestellt. Anhand der Schädel- und Unterkiefermerkmale wurde das Geschlecht als weiblich festgestellt. Das Becken als wichtigstes geschlechtsbestimmendes Merkmal ist nicht erhalten. Von 17 der am Schädel zu beurteilenden Merkmale konnten 14 aufgenommen werden. Diese waren, bis auf zwei indifferente und den Angulus mandibulae, der sehr kräftig ausgeprägt ist, alle als eindeutig weiblich einstufbar. Insgesamt spricht morphologisch nichts für ein männliches Individuum. Auch einige Pathologien waren an den Skelettresten sichtbar.
Trotz starker Beraubung sind in dem Grab neben zahlreichen Trachtbestandteilen wie diverse Kleinbronzen, einer Henkeltasse, die eine Ledergefäßimitation darstellt, auch vier Steingeräte entdeckt worden.

Diese vier Gerätschaften, bestehend aus Amboss und verschiedenen Hammer- und Schlagsteinen könnten der Metallverarbeitung gedient haben. Dabei ist weniger an Guss- bzw. Schmiedearbeiten zu denken, sondern vielmehr an die Schmuckherstellung. Diese Gerätschaften könnten bei feineren Arbeiten, wie beispielsweise der Schmuckherstellung aus Edelmetall, Verwendung gefunden habe.

Die anthropologische Untersuchung hat eindeutig eine weibliche Bestattung im maturen Alter ergeben. Diese Feststellung wirft zahlreiche Fragen zur Stellung der Frau in der bronzezeitlichen Gesellschaft nicht nur von Geitzendorf auf. Der Befund zeigt, dass handwerkliche Techniken im Zusammenhang mit Schmuckherstellung durchaus vor Ort auch von Frauen durchgeführt werden konnten. Bislang war man einhellig der Meinung, dass so genannte „Cushion Stones“, die mit der Metallverarbeitung als Werkzeug beim Treiben von Metallblech ausschließlich mit Männergräbern in Verbindung gebracht werden. Handwerksgeräte der Metallhandwerker sind selten überliefert, als bisheriges Unikat steht somit das Grab „V 3“ einer Metallbearbeiterin aus Geitzendorf da.


Weiterführende Links:




Kultur- und Veranstaltungsgemeinschaft Eulenspiel

Radio Aena

Steam Dreams

Der Bogenstand Gesierich


Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:




1. Kommentar von Hiltibold am 04.10.2012 um 17:22

Ausnahme bleibt Ausnahme
"eine bahnbrechender Fund, der die Geschlechterrolle der Bronzezeit vollkommen auf den Kopf stellt."

Einzelfunde bzw. Unikate sind nicht dazu geeignet, z.B. in der Frage der Geschlechterrollen irgend etwas auf den Kopf zu stellen.
Dass Frauen, quer durch alle Epochen, immer wieder auch typische "Männerberufe" ausübten, ist nicht wirklich neu.
Die Frage ist vielmehr, ob es die Regel war, oder eine Ausnahme. Aus dem gegenständlichen Fund kann man nichts ableiten, was eine Regelhaftigkeit nahe legen würde. Der Fund ist, im statistischen Kontext mit sämtlichen anderen archäologisch erfassten, bronzezeitlichen Bestattungen, nahezu irrelevant.
Das laute Trompeten der Verantwortlichen, hat daher wohl eher profane Gründe; vielleicht sogar gesellschaftspolitische ....

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.
2 Benutzer finden diesen Kommentar gut.

2. Kommentar von anachronismus am 05.10.2012 um 09:10

Signifikanz
...ist hier wohl das Stichwort.
Hatten alle mittelalterlichen Frauen Schwert und Rüstung zu Hause, nur weil Jeanne d'Arc auf dem Pferd ihrer Armee vorausgeritten ist?
Dieser Fund ist sicher eine Sensation. Aber nicht, weil er etwas über "DIE Frau der Bronzezeit" im Allgemeinen aussagt, sondern weil er so UN(!!)gewöhnlich ist. Hier gab es offensichtlich eine Frau, die - abseits des gewöhnlichen Rollenbildes - einen Männerberuf ausgeübt hat. Schöne Sache und interessanter Fund. Und ich würde gerne mehr über sie wissen, aber zu behaupten, das würde hier irgendwas auf den Kopf stellen, ist unwissenschaftlich. Und ich finde nicht, dass man dieser unwissenschaftlichen Vorgehensweise auch noch Platz geben sollte und diese falschen Aussagen weiter verbreiten.
Zumal ein Grabfund noch gar nichts über das Leben des Bestatteten aussagt. Gerade in dieser Zeit gab es einen Grabritus, der Männern und Frauen ganz bestimmte Rollen zuwies durch die Grabbeigaben, die sie ins Jenseits mitnehmen sollten. Das war zumeist die Rolle der Mutter und tugendsamen Hausfrau bei der Frau und der des Kriegers beim Mann, vollkommen unabhängig davon, ob dies ihren eigentlichen Tätigkeiten entsprach. Symbolik spielt hier eine große Rolle.

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.
2 Benutzer finden diesen Kommentar gut.


Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.