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Gonzalo Giner: Der Reiter der Stille
Positive Ausnahmeerscheinung eines historischen Romans
Daniela Mühlbauer
14.12.2012 09:21

Yago ist das Kind einer unseligen Verbindung. Der uneheliche Sohn des zwielichtigen Luis Espinosa und der Magd Isabel erblickt in einem Pferdestall das Licht der Welt. Einer Welt, in der kein Platz für ihn zu sein scheint. In seinen ersten Lebensjahren ist Yago dem Tod näher als dem Leben. Doch in der Stille seiner Einsamkeit keimt eine große Begabung.
Kurz nach der Geburt wird er in die Obhut seiner Tante gegeben. Doch das seltsame Kind, das viel schreit und sich nicht wie andere Kinder seines Alters entwickelt, ist der Tante verhasst. Ein finsteres Kellerloch wird Yagos Kinderstube. Dort, allein in der Dunkelheit, verbringt er seine ersten Lebensjahre. Nach dem Tod der Frau wird er von fürsorglichen Nachbarn in ein Waisenhaus der Kartäusermönche gegeben. Seine Andersartigkeit fordert die anderen Jungen aber zu immer gemeineren Streichen heraus.

Als der Mönch Camilo in Yagos große blaue Augen sieht, meint er das Herz des Jungen zu schauen und nimmt sich seiner an. Es ist der Beginn einer besonderen Beziehung zwischen einem Mann, der von Zeit zu Zeit mit seiner Bestimmung hadert und einem Menschen reinen Herzens, in dem eine außergewöhnliche Begabung schlummert. Da das Waisenhaus kein guter Platz für Yago ist, soll er sich als Stallknecht versuchen. Hier wird zum ersten Mal Yagos Talent zaghaft offenbar. Der Junge scheint die Seele der Pferde zu kennen. Bis Yago sich seiner natürlichen Begabung bewusst wird und die Chance bekommt, sie zu nutzen, hält das Leben noch zahlreiche harte Prüfungen für ihn bereit. Erst als er über die Maßen Verzweiflung, Verachtung und Schmerz kennen gelernt hat, findet er seinen Platz im Leben.

Sensibles Portrait eines Autisten im 16. Jahrhundert

"Der Reiter der Stille" ist ein großartiger Roman über besondere Menschen und ihre außergewöhnlichen Begabungen. Und eine Liebeserklärung an Pferde. Gonzalo Giner hat Yagos Geschichte im Spanien des 16. Jahrhundert angesiedelt. Dass Yago am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, leidet, wird im Buch mit keinem Wort erwähnt. Denn damals wussten die Menschen so gut wie nichts darüber. Die Kinder wurden weggesperrt, ins Irrenhaus gebracht, an Menschenhändler verschachert oder sie mussten sich irgendwie allein als Bettler durchschlagen - wenn sie überhaupt am Leben blieben.

Faszinierende Schilderungen

Giner gelingt es auf sehr sensible Weise, die Besonderheit Yagos herauszustellen, ohne die Figur der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine beachtliche schriftstellerische Leistung! Der Leser leidet mit dem Jungen, nimmt bewegt an seinem Schicksal teil und möchte ihn vor Gefahren beschützen. Dieses Kind, das voller Angst in sich selbst zurückgezogen lebt, rührt stark ans Herz und weckt elterliche Instinkte. Bei Yagos ersten Begegnungen mit Pferden hält man den Atem an. Man spürt, dass sich hier ein Genie offenbart, ist gefangen in der Faszination dieses fast schon magischen Augenblickes.

Leidenschaftliches Plädoyer für die Vielfalt

Giners Roman ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Mannigfaltigkeit der Schöpfung. Der Autor nimmt sich nicht nur des schwierigen Themas Autismus an, er teilt mit seinen Lesern auch seine große Liebe zu Pferden. Der Roman begleitet das Pferd beim Übergang vom Schlachtross des Mittelalters zum höfischen Pferd der Renaissance und gipfelt in der Eröffnung der ersten Reitschule der Welt. Und hier schließt sich der Kreis. Pferdegestützte - oder Reittherapie hilft heutzutage vielen Autisten, besser mit ihrer Einschränkung umzugehen. 


Rahmeninformationen

Das Buch:

Gonzalo Giner
Der Reiter der Stille
Gebundene Ausgabe: 768 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag
Erscheinungsdatum: 10. Dezember 2012
ISBN-10: 3764504528
ISBN-13: 978-3764504526
Originaltitel: El jinete del silencio
Richtpreis: 22,99 EUR

Über den Autor:

Gonzalo Giner wurde 1962 in Madrid geboren. Er studierte Veterinärmedizin und ist praktizierender Tierarzt. "Der Reiter der Stille" ist sein vierter Roman. Von Giner ist zuletzt erfolgreich "Der Heiler der Pferde" erschienen.

Über Autismus:

Die autistische Störung (frühkindlicher Autismus) ist eine Entwicklungsstörung, die in den ersten drei Lebensjahren beginnt. Die Symptome werden im sozialen Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation und in sich stets wiederholenden Handlungen deutlich. Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus dadurch, dass oft keine Verzögerung oder kein Entwicklungsrückstand in der Sprache oder der kognitiven Entwicklung vorhanden ist. Hingegen sind in der psychomotorischen Entwicklung und der sozialen Interaktion Auffälligkeiten festzustellen. Autistische Kinder können zunächst keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen. Sie ziehen sich zurück, kapseln sich "autistisch" ab – daher der Name. Jede Veränderung in ihrer Umwelt erregt sie stark. Autistische Kinder können nicht spielen und benutzen ihr Spielzeug in immer gleicher, oft zweckentfremdeter Art und Weise. Sie entwickeln Stereotypien: Drehen und Kreiseln von Rädern, Wedeln mit Fäden oder Papier. Autistische Kinder haben häufig vom Säuglingsalter an Probleme beim Essen und beim Schlafen und entwickeln selbst stimulierende Verhaltensweisen, die bis zur Selbstverletzung reichen können. Sie bestehen zwanghaft auf ganz bestimmte Ordnungen oder können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen durch exzessives Sammeln bestimmter Gegenstände, durch ihre Weigerung, bestimmte Kleidung zu tragen oder durch Wiederholung immer der selben Verhaltensweisen oder sprachlichen Äußerungen.  Die intellektuelle Begabung autistischer Kinder ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von geistiger Behinderung bis hin zu normaler Intelligenz, wobei die Kinder häufig erstaunliche Teilleistungen im Rechnen, in technischen Disziplinen, in der Musik und auf anderen Gebieten zeigen (Inselbegabung).

(Quelle: Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus)

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