huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden
Bildquelle: Cultus Ferox
Steuermann St. Brandanarius nimmt sich die Zeit für ein ausführliches Interview.

Bildquelle: Cultus Ferox
Die Band ist eine der beliebtesten Mittelalter-Formationen Deutschlands.


Cultus Ferox: Wir passen uns nicht gerne an
Steuermann St. Brandanarius im Interview
Daniela Mühlbauer
28.11.2012 21:15

Einige Jahre war das Schiff von Cultus Ferox am Horizont verschwunden. Was mag passiert sein? Haben Freibeuter die Jolle der Berliner Piraten geentert? Liegt die Mannschaft tot auf dem Meeresgrund? Nun lichtet sich der zähe Nebel, der Cultus Ferox während der vergangenen Jahre umhüllt hat. Und ein überaus lebendiger Steuermann Brandanarius spinnt mal wieder Seemannsgarn.

Sechs Jahre sind seit "Unbeugsam" ins Land gestrichen. Wo habt ihr euch während dieser Zeit herumgetrieben?

Wir haben viel auf den mittelalterlichen Bühnen gespielt und hatten wenig Zeit für Studio-Arbeit. Man rennt heutzutage ja ständig dem Geld hinterher und durch eine Dudelsackseuche wird es immer schwieriger, eine größere Gruppe überhaupt zu ernähren. Auf der einen Seite freue ich mich, dass viele der ersten Dudelsackgeneration nacheifern, auf der anderen Seite gibt es viel zu viele, die denken wir hätten des Geldes wegen diese Art und Weise der Musik neu belebt. Dabei war das nur ne schöne Nebensache, die nun das Wichtigste zu sein scheint.
Manchmal bleibt es da nicht aus, dass dann etwas Zorn in einem aufkommt, wenn an jeder Ecke in Deutschland ein Dudelsackspieler steht, der seine drei Tänze runter spielt und nicht so richtig weiß, was er da tut. Das Volk begeistern oder erpressen? Also die Aufklärungsarbeit über die wilde Lebensart wird noch viel meiner Zeit kosten.

Sonst haben wir das gemacht, was wir am liebsten tun. In eine Stadt einreiten, wo wir schon mal waren oder die uns völlig fremd ist und uns daneben benehmen. Es scheint als ob die Musik bei uns nicht so wichtig ist. Eher das Treiben auf, neben und unter der Bühne. Das macht unsere Fans auch sehr locker und das nächtliche Miteinander ist immer sehr spaßig gewesen.

Ist euer Schiff im Sturm vom Kurs abgekommen?

Nee, wir halten uns bis auf ein paar Grad Abweichung (...das liegt am veralteten Kompass) gut im Wind. Man verschwindet nicht mir-nicht-dir-nicht am Horizont, nur weil man nicht in der Zeitung steht. Wir waren in den letzten Jahren schon sehr laut und es ist ne Menge passiert. Wir haben uns in Spanien herumgetrieben, in Riga den Hafen unsicher gemacht und in der Schweiz mit den Wölfen geheult. Die CD „Fernweh“ wurde dadurch inspiriert und mit dem Roten Haar hab ich bei Lutz Demmler in Karlsruhe ein paar Tänze für die CD „Kom Til Mei“ einspielt. Also ist es nicht ganz so, dass nur Totenstille herrschte. Wir lehnen uns nur mal gern zurück und passen uns nicht gerne an. Viele Gruppen bringen ja jedes Jahr ne neue CD heraus. Ich muss sagen, dass ich dann wohl zu unkreativ bin. Schaff ick nich. Muss man auch nicht. Dann lieber ne Kursabweichung. Cultus Ferox ist ja ne Bande von so vielen unterschiedlichen Talenten. Einige haben auch eigene Gruppen. Da gab es außerhalb der normalen Konzerte viel Spaß mit anderen Auftritten. Strahli hatte mit seiner „Strahl-Combo“ wieder ne Hochzeit und die kleinen gemütlichen Konzerte waren gut besucht. Boosi ist ab und zu mit seiner Punk-Band „Fußgas“ unterwegs und ist danach immer Alkohol-krank und gelähmt. Teufelchen treibt sich überall herum und wer nicht Musik machen will, fliegt nach Japan ins Kloster, so wie unser Donar von Avignon.

Seid ihr ziellos über die Meere geirrt? Habt ihr gar Schiffbruch erlitten? Oder habt ihr euch auf einer karibischen Insel von den eingeborenen Frauen verwöhnen lassen?

Ab jetzt ist ja wohl klar, dass eine Frau hier die Fragen stellt. „Verwöhnen lassen“ stehen wir voll drauf. Die Frauen dürfen nur nicht ganz so unattraktiv sein. Auch darf der Lippenschmuck nicht zu groß sein, weil er beim Knutschen stört. Ich meine natürlich alle Lippen, die eine Frau so vorzuweisen hat. Schön wäre es auch, wenn sie etwas Nahrhaftes zu essen kochen kann und die Liebeslaube säubert. Selbstverständlich gibt es dafür auch Gegenleistungen. Welche, kann ich dir hier nicht ausführlich beschreiben, da wir sonst Ärger bekommen und auch der ganze Zauber verfliegt.

Welche Klippen galt es während der vergangenen Reisen zu umschiffen? Welche Länder habt ihr entdeckt? Welchen Gefahren seid ihr ausgesetzt gewesen?

Also so richtig weit ausgeholt gibt es da ne Menge zu berichten, nur dass wir unsere Heldensagen nicht so prunkvoll ausschmücken. Denn es sind eher die kleinen Dinge des Lebens, die es zu meistern gilt. Wenn man sich z.B. den Gefahren des Alltags stellt und noch ein wenig Liebe kraftvoll in jeden Tag steckt, dann hat man mehr einen Orden verdient, als jener, der nur Trübsal bläst. Ich weiß, dass wir nach Außen wie ein rüder, ungehobelter Haufen wirken. Jedoch trügt das Bild und nach so vielen Jahren sich immer noch lachend in den Armen zu liegen, ist ganz groß und heldenhaft. Gefährlich sind für uns Neider oder solche, die uns spalten wollen. Sind wir oft drauf reingefallen und haben dann auch untereinander gerauft. Nun haben wir uns wieder neu aufgestellt und hoffen auf ein gutes nächstes Jahr. Hoffentlich ohne scharfkantige Klippen. Ein wenig erzählen die Texte von ganz allein. Jeder, der das Album ein zweites Mal hört, kann selber etwas zwischen die Zeilen schreiben. Ist alles ein wenig aus dem Leben geholt und sollte auch nicht rein mittelalterlich oder seemännisch betrachtet werden. Unser Land, so wie es jetzt gerade ist, reich und doch arm, bietet nicht immer eine lustvolle Zeit. Da haben wir als Spielleute einen großen Auftrag zu erfüllen. Der besteht darin, unseren Bürgern ab und zu den Kopf zu waschen. Da reicht es schon aus, anders zu sein. Ein wenig freier, ein wenig lockerer, auch ein wenig böser, aber dann auch wieder überaus lieb. Vor allen Dingen darf man den Humor nicht verlieren, sonst erkranken wir alle und sterben an der so genannten unheilbaren Ernsthaftigkeit.

Mit "Ahoi" meldet ihr euch im Januar mit einem Vorboten auf "Beutezug" zurück. Das Stück hat das Zeug zur Festivalhymne? Welche Geschichte liegt dem Song zu Grunde?

„AHOII“ soll an das Lied „Unbeugsam“ anknüpfen und tatsächlich sind meine Gedanken beim Schreiben oft auf alten Reisen von uns gewesen. So viele schöne Erlebnisse... die gehen einem nicht ausm Kopf.

Episode:  Kalter Sommertag, aber Sonnenschein, Fährhafen, Wisby auf Gotland. Strahli hat es mit nachts durchmachen geschafft, pünktlich zu sein. Das funktioniert bei ihm so gut, dass er das aus organisatorischen Gründen bis heute so machen muss. Ein geschäftiges Treiben an Bord eines Einmasters. Alle sind vor dem Ablegen aufgeregt und reden mit sich selbst. Ich wankte noch. Wir hatten letzte Nacht anscheinend viel zu viel getrunken. Unser Kapitän sah sehr vertrauenswürdig aus, lächelte, aber sagte nie ein Wort. Vielleicht dachte er sich „Diese Landradden nehmen sich aber ganz schön wichtig“. Wir wussten alle nicht so richtig, was wir tun sollten, um so ein Boot seetüchtig zu machen und wurden dann auch schnell belehrt: “Nichts anfassen, das segelt von allein!“ Also waren wir froh, als jeder ein Ruder in den Händen hielt und einige sogar ganz stolz an bedeutungslosen Stricken ziehen durften. Dann ging's los und wir wurden schon etwas lauter. Es schien allen Spaß zu machen, ein wenig im Hafenbecken herumzugondeln. Donar stand hinten auf der von mir jetzt erdachten Kapitänsbrücke mit einem Fernroh und machte Faxen. Ihm stand diese Rolle ausgesprochen gut und mit Vergnügen kundschaftete er die Ferne aus. „Schiff in Sicht!!!“ Eine riesen Fähre näherte sich und wurde größer und noch größer. Donar fing an zu kramen und fand schließlich, was er brauchte. Eins von unseren Methörnern, die ohne den Daumen ins Loch zu stopfen, immer auslaufen. Nach etlichen Blas-Proben, die wie Furze klangen, folgte dann endlich der lange tiefe Ton, der uns allen vertraut war. Doch keine Reaktion. Noch ein Stoß mit einem Schulterzucken. Nichts... Und da war es dann endlich. Das Signalum eines Riesendampfers. Die Lautstärke kommt mir bis heute ohrenbetäubend vor und ich glaubte, das Segel hätte sich leicht bewegt. Wir grölten vor Glück und Zufriedenheit und dachten uns,  nun echte Seeleute zu sein. Die Ruhe kommt vor dem Sturm. Beim Auslaufen war die See noch glatt, doch mit jedem Meter weiter weg vom Land schaukelte unser Kahn umso mehr.

Die Gesichter verblassten so nach und nach bei allen. Donar ging wie auf Krücken zu einem Geländer, an dem er seinen Halt wieder fand. Ich spuckte die Reste meiner Nacht über Bord. Leider stand der Wind nicht so günstig für Bennis Gesicht, das dann aussah wie ein Abfalleimer. Steffano lag wie ein Erste-Hilfe-Patient schweigend auf dem Rücken und Brian hatte eine Art Duldungsstarre ergriffen. Dem Kapitän schien das ziemlich gleichgültig zu sein. Er lächelte nur und dachte sich bestimmt: „ Landradden, das ist doch nur ne kleine steife Brise!“

Wann genau soll das Album "Beutezug" erscheinen? Wie viele Songs werden auf dem Album sein?

Im Frühjahr soll es erscheinen. Ich lege mich da nie wieder fest, da ich sonst  nur Ärger mit den Fans bekomme. Bis jetzt sind es elf Titel. Aber durch einen spontanen Anfall von unserem Verleger John Silver fühle ich mich genötigt, noch ein Lied im Dezember aufzunehmen.

Wird es ein Konzeptalbum werden? Welche Geschichte wird es erzählen?

Nach so vielen Jahren des Musikmachens weiß ich immer noch nicht so richtig, was ein Konzept-Album ist. Für mich müssen die Lieder und auch die Reihenfolge zusammenpassen. Wenn du das „thematisch“ meinst, dann ist es ein Konzeptalbum. Die Geschichte, die als Überschrift gelten sollte, ist, wie der Name schon sagt „Beutezug“, nachempfunden aus dem Kodex der Spielleute, der noch nicht aufgeschrieben wurde. „Nehmt euch, was ihr braucht und lasst es euch gut ergehn!“ Leider wird man häufig erwischt.

Welches Ziel peilt ihr damit an? Ist Beutezug wortwörtlich zu nehmen?

Ja natürlich. Unsere Armut nervt langsam. Wir können ja nun nicht das ganze Leben lang nur Frauen stehlen. Dieses Jahr stehen ein paar andere Dinge auf der Besorgungsliste. Ein Schiff, Kanonen vielerlei Pfundstärken, ein Hafen mit dem dazugehörenden Freudenhaus, ein Mohnfeld wegen der unstabilen Währung, eine Kamel-Herde, da sich das komplette Transportsystem umstellen wird, einen eigenen See, damit ich nie mehr den Abfall anderer Leute wegräumen muss, dann noch ein paar Grenzzäune, damit unsere Sprache erhalten bleibt und zu guter aller letzt einen Raumgleiter, falls wir uns auf einen anderen Planeten flüchten müssen.

Welchen Kurs nimmt Cultus Ferox im Jahr 2013?

Wir sind ja noch in der Planung und überlegen hin und her, welche Booking-Firma zu uns passt. Da wir bisher alles alleine geschafft haben, gab es für diese Überlegungen gar keinen Grund. Nur sind in unserem Land schon fast Groß-Konzernartige Verhältnisse entstanden, unter denen die kleineren Veranstaltungsbüros zu leiden haben. Ist man also nicht bei der
richtigen Veranstaltungsbude unter Vertrag, bekommt man auch keine anständigen Mucken mehr. Wir wollen natürlich mal wieder die Luft von größeren Festivals schnuppern. Vor allen Dingen sind wir mit unserer Gruppe immer die Exoten. Das macht Spaß. Einige Termine sind schon in Planung und wir hoffen, dass es mehr werden.

Ansonsten bleiben wir unserer Linie treu und halten unseren eingeschlagenen Kurs. Zu Ostern werden wir wieder auf einer Burg die Saison einleiten und zum Weihnachtsfest auch wieder den Abgesang machen. Was mittendrin so passiert, kann jeder dem Netz entnehmen.  Für uns bleibt der Plan der letzten Jahre, auch im kommenden Jahr bestehen - der wilden LebensArt NICHT abzuschwören. „Verrufen, verstoßen, gefürchtet, verwegen“ werden wir wieder die Welt durchkreuzen und unsere Seelen schwärzen.

Vielen Dank für das Gespräch und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel! Daniela


Über die Band

Cultus Ferox (lat. „wilde Lebensart“, „wilder Lebensstil“) ist eine Berliner Musikgruppe. Sie ist dem sogenannten „Dudelsack-Rock-Stil“ der Mittelalterszene-Musik zuzuordnen, wobei die Band sowohl die akustische, von Marktsackpfeife und Schlagwerk beherrschte Variante als auch die mit Rockinstrumenten angereicherte Variante dieser Musik (Mittelalterrock) spielt.

Die Lieder von Cultus Ferox sind teilweise instrumental, teilweise mit Gesang. Die Texte beschäftigen sich mit Themen aus der mittelalterlichen Lebensweise, aus Sagen und Mythen, aus heidnischer Religion und in jüngster Zeit verstärkt mit Piraterie und damit verwandten Themen.

(Textquelle: Wikipedia)

Weiterführende Links:






Steam Dreams

Miroque - das Magazin

Huscarl Diskussionsforen


Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:





Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.