Ragnaroek Urwerk
Sauber, gefällig, ein bisserl brav
25. 9. 2010 - 13:00
Florian Seidl
Ragnarök aus Vorarlberg hat mit "Urwerk" eine neue Studio-Scheibe vorgelegt, die handwerkliche und künstlerische Qualität beweist, aber auch viel Potential ungenutzt verschenkt.
Gewöhnungsbedürftig ist das halblustige Intro, bei dem man sich geschwätzig vom eigenen Werk ironisch distanziert, die Zuhörerschaft um Entschuldigung für etwas bittet, was ohnehin nicht zu erwarten war. Zwei verschenkte Minuten, die mit Musik besser gefüllt wären, selbiges gilt für das Outro. Das Experiment Balkanesca Remix zum Abtanzen, lassen wir als gut gemeinten Versuch oder Talentprobe des DJ unkommentiert im Raum verhallen.
präzise Liebe zum Dudelsack
Konventionelles Schlagzeug dominiert auf "Urwerk", oftmals ergänzt um E-Bass zur Unterstreichung des Rhythmus, was in Kombination bisweilen gefährliche Assoziationen an Rondo Veneziano verursacht. Dafür beweisen die verschiedenen Dudelsäcke sicheren Umgang und Liebe zum Instrument. Die Stücke sind durchwegs flott, abwechslungsreich und begnügen sich nicht damit, einen Einfall auszuwälzen. Es muss mehr sein, ob Tempo- oder Lautstärkewechsel oder ein Gag und immer in unangepasster Länge. Gesungen wird auf Urwerk fast garnicht, gesprochen schon. Mehrmals beweisen Ragnarök: Dudelsäcke können mehr als nur lärmen, vor allem, wenn sie zweistimmig, mit Präzision und Liebe gespielt werden.
Künstler erkennt man an den Namen
Klarerweise huldigen auch Ragnarök der verbreiteten Unsitte, Fantasy-Künstlernamen ikonenhaft vor sich her zu tragen. Immerhin sind es nicht "die Elfe", "Kapuzenmann" oder "Der Pfeifer", sondern "Abraxas", "Maastracht", "Morgan", und "Jupra". Musik ist offenbar so sehr Teil des Rollenspielverständnisses, dass niemand auf solche Selbstdarstellung verzichten kann, sei es aus Szene-Konventionen oder kommerzieller Geschmeidigkeit.
Von modernen Hörgewohnheiten
Ragnarök lehnen übrigens auf ihrer Homepage "langweiliges, geschauspielertes Reenactment" ab und versichern, mittelalterlichen Ambiente wie modernen Hörgewohnheiten gleichermaßen entgegenzukommen. Nach dem Hören von "Urwerk" kann man das klar bestätigen. Melodie und Blasinstrumente sorgen für das Flair, Studio-Schlagzeug stellt den mitunter kalten Gegenwartsbezug her und fängt die Hörer auf stromlinienförmigen Ö3-Pop-Niveau ein. Die sauber produzierten Stücke sind vor lauter Professionalität mitunter fast zu brav, es fehlen markante, einzigartige Akzente, die für den großen Durchbruch am (speziell deutschen) Markt unerlässlich wären.
Ganz kurz
Fazit: elektrisches Studio-Album mit Weltmusik-Mittelaltersound mit einem Hauch von Balkan bis Irland, flott und tanzlastig ohne aufgesetzte Exzesse. Sauber und anhörbar, hätte die Scheibe sich auch mit ein bisschen weniger von Bass&Schlagzeug gut gemacht.
01. Intro
02. An Dro Russe
03. Hanter Dro (feat. Christoph Pelgen)
04. BummBummDans
05. Balkanesca
06. Introitus None Such
07. Keine Solche Marie!
08. Fluch des Schotten
09. An Dro Gaz
10. Riementanz
11. Veladablapiti
12. Stones (feat. Christoph Pelgen)
13. Marrakesch
14. Bonus: Balkanesca (Audio Customs House Remix)
15. Outro
Laufzeit: über 61 Minuten
Weiterführende Links: