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Phoibos Verlag
Buchcover


Der Wiener Linienwall
Vom Schutzbau zur Steuergrenze
Werner Fröhlich
15.04.2013 20:35

Eine gute Gelegenheit, die spärlichen archäologischen Informationen zur Baugeschichte Wiens zu sammeln, bietet sich einem mit dem vorliegenden Büchlein. Auch wenn es keine mittelalterlichen Bereiche streift, so erzählt und dokumentiert es doch eine nicht unwichtige, ja eigentlich prägende baugeschichtliche Entwicklung Wiens und die Tatsache, dass City-Maut und Stadtautobahnen auch schon im 19. Jhdt. Themen waren, welche die Wiener Bürger bewegt haben.

Der Bau des Wiener Linienwalls wurde 1704, in der Zeit von Prinz Eugen und Kaiser Leopold I., als Schutzmaßnahme gegen die ständig in der Gegend einfallenden aufständischen Ungarn bzw. Kuruzzen in Angriff genommen. Anhand von Unterlagen aus dem Staatsarchiv/ Kriegsarchiv sowie dem Wiener und dem Niederösterreichischen Landesarchiv als auch dem Wien Museum werden in dem Buch die Entstehung wie auch die Jahre des Bestehens sowie damit zusammenhängende Nachwirkungen dieser Befestigungsanlage beschrieben. Zusätzlich gibt es noch zahlreiche Abbildungen von alten Karten, Photographien und Gemälden, welche den Linienwall somit nicht nur historisch, sondern auch optisch für den Leser erfassbar machen.

Es war – wie in Wien bis heute üblich – auch immer eine Rauferei um das notwendige Geld für die Errichtung wie auch die Erhaltung der öffentlichen Projekte und - wie angeblich ebenfalls bis heute üblich – war die Obrigkeit dabei immer sehr erfindungsreich im Einführen und Einheben neuer Abgaben.
„Die Landesfürsten scheuten sich zu keiner Zeit davor, für gewisse Belange Extrasteuern einzuführen oder aus durchaus eigennützigem Ansinnen Steuern oder Mauten zu erlassen“ - heißt es hierzu etwa auf Seite 37.

Umständliche Besteuerung

Die Ende des 18. Jahrhunderts mangels militärischer Bedrohungen bzw. in Folge militärtechnischen Fortschrittes obsolet gewordenen Fortifikationsbauwerke wurden deshalb auch recht bald von der Obrigkeit entsprechend umgewidmet und als eine Art Zoll- und Mautgrenze gerne weiterbenutzt. Der sich mit dem Wiener Umland, insbesondere den Vororten im 19. Jahrhundert rege entwickelnde Personen- und Warenverkehr bot reichlich Gelegenheit dazu, die kanalisierende Wirkung der Befestigungsanlage, hin auf einige wenige Torpassagen im Wall, auszunutzen. So wurde nicht nur von den Personen und Fuhrwerken, die diese Tore passierten, Maut eingehoben, sondern auch Abgaben auf mitgeführte Waren. Da sich jedoch zwischen der eigentlichen Stadt Wien (gelegen innerhalb der alten Stadtmauer) der Wiener Vorstadt (gelegen zwischen der alten Stadtmauer und dem Linienwall), wie auch den Wiener Vororten (gelegen außerhalb des Linienwalls), reger Warenverkehr entwickelt hatte, war die umständliche und erhebliche Besteuerung ein nicht zu vernachlässigender Hemmschuh für die Wirtschaft und der wesentlichste Grund für die extrem hohen Preise in Wien - und somit nicht zuletzt auch ein Grund für die Aufstände im März 1848.

Nach deren Niederschlagung war klar, dass der Linienwall aus militärischer Sicht endgültig abgeschafft gehörte. Wegen der prächtigen Einnahmequellen, die die Mauthäuser an dessen Toren jedoch bildeten, war allerdings sogar der massive persönliche Einsatz von Kaiser Franz Josef über Jahre hinweg notwendig, um eine Schleifung und einen Ersatz nach modernen städtebaulichen Gesichtspunkten zu erwirken.

Diese Veränderung bestand im wesentlichen in der Errichtung der Stadtbahnlinien (heute größtenteils U4 und U6) sowie des Gürtels als Hauptverkehrsstraße nach Schleifung der größten Teile des Linienwalls.

Dies begann 1872/73 und da in Wien gut Ding Weile braucht, erfolgte die Fertigstellung des Gürtels 1986, weitere Veränderungen benötigten sogar noch ein wenig länger. Verschiedene Konzepte wurden dabei entworfen, prämiert, verworfen, etc. – von Otto Wagner bis hin zu Architekten des NS-Regimes bis hinein in die 1980er Jahre, wo z.B. im Zuge der Neugestaltung der Stadtbahn/ U6 eine Trasse für eine Unterflur-Stadtautobahn im Westbahnhof-Gürtelbereich freigelassen wurde, von der heute wohl kaum noch jemand weiß, bzw. wüsste, wenn es nicht die Wiener Stadtarchäologen für uns festgehalten hätten.

Empfehlenswertes Büchlein

Eben dieses „Festhalten“ von Entwicklungen, die sonst niemand mehr kennen oder verstehen würde, ist ein Verdienst dieser Leute und auch dieses Büchleins, welches auch ein wenig Einblick in die mühsame Arbeit der Stadtarchäologen gibt und manchmal auch erschütterndes Zeugnis davon, wie wenig diese zur Dokumentation unserer Vergangenheit beitragen können, wenn sie auf so mancher -  auch öffentlicher  -  Baustelle nicht mehr tun können, als gerade mal ein paar Fotos vom Bestand zu machen, bevor die Bagger weiterarbeiten.

Gerade darum aber sei einem dieses Buch umso mehr ans Herz gelegt, denn es hält eine Vergangenheit fest,  die immer mehr im Verschwinden begriffen ist, aber nichtsdestoweniger Bestandteil unserer aller Vergangenheit und Geschichte ist.


Details zum Buch

Autorinnen und Autoren:
Ingrid Mader, Ingeborg Gaisbauer, Werner Chmelar

Wien Archäologisch, Band 9 (Wien 2012)
Der Wiener Linienwall - Vom Schutzbau zur Steuergrenze
80 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, 22 x 14 cm, broschiert

Preis: 15,90 Euro
ISBN: 978-3-85161-064-2
Phoibos Verlag

Weiterführende Links:






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