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Florian Machl
Der Burgherr, Carl Philip Clam Martinic zeigt den Abgang zum vermuteten Geheimgang. Mindestens die letzten hundert Jahre soll dieser von einer mehrere hundert Kilogramm schweren Granitplatte verschlossen gewesen sein.

Florian Machl
Nachdem der Boden des gefundenen Raumes freigelegt wurde, zeigte sich, dass es in einer Ecke weiter in die Tiefe ging.

Florian Machl
Der Aushub wurde in Plastikbehältern gesammelt und von Mitgliedern des Grabungsteams vor Ort gesichtet. Insgesamt fiel natürlich deutlich mehr Material an als hier gezeigt.

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Der entdeckte Raum folgt in seinen Dimensionen in etwa der auf diesem Bild fast vollständig gezeigten überdachten Nische.

Florian Machl
Eine merkwürdige Abflussrinne in Richtung der Vertiefung gibt Rätsel auf.


Auf der Suche nach dem geheimen Fluchtgang der Burg Clam
Alten Überlieferungen auf der Spur
Florian Machl
13.12.2012 12:51

Am 12. Dezember begab sich Josef Weichenberger, Archivar des Landes OÖ und Erdstall-Experte, mit einem Grabungsteam auf die Suche nach einem geheimen Fluchtgang auf Burg Clam (OÖ, nahe Grein). Alten Erzählungen nach, die dem Burgherren Carl Philip Clam Martinic überliefert wurden, sollte sich im Bereich der hintersten Verteidigungslinien der Burg ein unterirdischer Gang befinden. Dieser wäre eingestürzt, über dem Eingang befände sich eine schwere Granitplatte. Huscarl.at initiierte in Absprache mit dem Bundesdenkmalamt die Grabungsarbeiten und berichtet exklusiv über die Ergebnisse.

Alten Geschichten zufolge soll sich am Rande des Hochgartens der Burg Clam der Eingang zu einem Fluchtgang befinden. Dahingehend äußerte sich Burgherr Carl Philip Clam Martinic am Rande der Vorbereitungen zu einem der beliebten Mittelalterfeste der prächtig erhaltenen Burg im östlichen Oberösterreich. Huscarl-Herausgeber Florian Machl wurde hellhörig und nahm Gespräche mit den zuständigen Fachleuten auf. Ein erhaltener mittelalterlicher Fluchtgang wäre eine archäologische Sensation. Von fast jeder Burg sind Legenden und Geschichten bekannt, in denen Fluchtgänge zu nahen Gehöften führen sollen. Wissenschaftlich belegt ist bislang kein einziges dieser mutmaßlich dutzenden bis hunderten Stollensysteme.

Geschichten und Legenden über Fluchtgänge der Burg

Neben der Vermutung des Burgherren gibt es auch im Ort Clam noch viele weitere Geschichten von Gangsystemen, die vor allem von älteren Menschen berichtet werden. Dabei muss man den Grad der Wahrscheinlichkeit sorgsam abwägen. Die unwahrscheinlichste Geschichte ist wohl der Gang, der zur älteren Burg am - der Klamschlucht gegenüberliegenden - "Berg" führen soll. Hier wären viele Höhenmeter durch harten Granit zu arbeiten gewesen. Auf dem Fuße folgt die Variante des Fluchtganges, der durch den Granitfelsen zum Boden der Schlucht führen soll und dort irgendwo ans Tageslicht stößt. Es gibt weiters die Legende eines Ganges, der ins Dorf Klam führen soll; kaum weniger abenteuerlich, allerdings wäre hier vermutlich ein großer Teil des Weges durch Sandstein zu graben gewesen und die Wegstrecke kürzer als zum anderen Burgberg. Hinzu kommt, dass aus der Gegend viele von Menschenhand geschaffene Sandsteinhöhlen bekannt sind. Realistischer wirken die Vermutungen, dass es Fluchtgänge entweder zur alten Brauerei (16. Jahrhundert) oder zum Maierhof (möglicherweise 15. Jahrhundert oder früher) gibt.

Das Geheimnis unter der Steinplatte

Josef Weichenberger, Mitarbeiter im Oberösterreichischen Landesarchiv, Erdstall-Experte und Verfasser zahlreicher Publikationen, zeigte sich sofort daran interessiert, den alten Legenden auf den Grund zu gehen. Die Stelle, die vom Burgherren als möglicher Ausgangspunkt genannt wurde, erwies sich bei erster Überlegung als theoretisch sehr gut geeignet. Es handelt sich historisch betrachtet um einen Punkt hinter der allerletzten Verteidigungslinie. In einer Nische des so genannten Hochgartens befindet sich eine schwere Steinplatte, in die vier massive Eisenringe eingelassen sind. Darunter, so die Geschichte, sei eine Treppe zu finden, die in einen Gang führt, der nach einiger Zeit eingestürzt wäre.

Viele Zutaten für eine spannende Forschungsarbeit

Zuerst nahm man an, dass die Platte in den 50er Jahren gehoben wurde. Später berichteten ältere Bedienstete Herrn Clam, dass damals der Stein nur angehoben wurde, um hineinzuspähen. Man ginge davon aus, dass er vor über 100 Jahren das letzte mal vollständig bewegt wurde. Alles in allem ergaben sich viele Zutaten für eine spannende Forschungsarbeit.

Ein bislang unbekannter Raum

Gemeinsam mit Peter Wächter, Erhard Fritsch und Florian Machl begann Josef Weichenberger am 12.12.2012 mit der Erkundung. Freundlicherweise hatten Arbeiter eines zum Burgbesitz gehörenden Betriebes die mehrere hundert Kilogramm schwere Platte angehoben, zur Seite geschoben und auf zwei massiven Eisenstangen gelagert. Diese Hürde war also bereits beseitigt, bevor sie zum Problem werden konnte. Darunter zeigte sich ein Raum, der in den Dimensionen der überdachten Nische ähnelte, unter dem er zu finden war. Dies war an zwei Seiten durch die Außenmauer der Burg ohnehin vorgegeben, an zwei anderen Seiten wäre eine Fortsetzung möglich. Der Boden war flächig mit "Baustellenaushubmaterial" unbekannten Datums bedeckt. An einer Stelle, einem an den Hochgarten angrenzenden Eck des Raumes, zeigte sich durch Stampfen, dass das Erdmaterial locker war. Hier ging es ursprünglich mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter in die Tiefe als an anderen Stellen des Raumes.

Einige Rätsel

Der Raum selbst gab schon bei erster Betrachtung Rätsel auf. Er weist drei "Scharten" auf, die bei der Errichtung der Burg bereits geplant worden waren. Eine davon befand sich relativ hoch in der Wand, eine mittig in einer anderen Wand - und eine führte auf Bodenniveau ins Freie. Der gesamte Raum war bis zum Bodenniveau perfekt verputzt - das dazu verwendete Material wirkte im Vergleich zu dem Putz der darüberliegenden Nische zumindest optisch identisch. Auch wenn man nicht von großartigem Zierat sprechen kann, waren einige Elemente der Wand und der Decke schön geschwungen ausgeführt. Für einen einfachen Kellerraum ein eher unnötiger Arbeitsaufwand?

Erkundung der Tiefe

Zuerst wurde der Boden freigelegt. Eine Mischung aus Naturstein, auf dem die Burg ruht, und aufgesetzter Steinplatten. Die Arbeit des Aufsetzens wirkte sehr exakt, Fugen und Spalten konnten mit dem mitgeführten Material (Besen) nicht freigelegt werden. Nur in dem Eck, das bereits zuvor hohl klang, erwies sich, dass keine Abdeckung vorhanden war. Später stellte sich anhand der Summe vorhandener Steintrümmer heraus, dass hier wohl auch nie eine vollständige Abdeckung angebracht war. Es war möglich, nach unten zu graben. Zeitgleich offenbarte sich, dass auch unter der Bodenplatte ein Hohlraum zwischen Burgaußenmauer und Naturstein existierte. Nach mehreren Stunden konnte die Grabungstätigkeit abgeschlossen werden. Der Boden auf den man stieß wurde aus Naturstein gebildet und endete mit einigem Gefälle in einer Ecke des Raumes. Dort ließ sich allerdings noch kein Abfluss nachweisen - eine denkbare Möglichkeit anhand der baulichen Gegebenheiten. Interessanter Weise war zudem in den Naturstein eine Rinne getrieben worden, die vom Bodenniveau aus bis hinunter in das Eck führte. Ein Fluchtgang zeigte sich hier jedenfalls nicht. Auch das Abklopfen der Wände führte zu keinen anderen Resultaten. Eine hohl scheinende Stelle erwies sich als lose Putzschicht über die aus ästhetischen Gründen Ziegelsteine gemauert waren, welche dazu dienten, die nicht ganz gerade Natursteinwand für das Verputzen vorzubereiten.

Grabung im angrenzenden Burgkeller

Um Sicherheit zu gewinnen, dass hier nicht doch irgendein Gang durch die Mauern geführt hatte, wurde auch innerhalb der Burgmauer im angrenzenden Keller gegraben. Dieser liegt etwas höher als der gefundene Raum. Eine Verbindung erschien im Rahmen der für die Grabung verfügbaren Zeit aber als ausgeschlossen.

Fundstücke an beiden Grabungsorten

Die spannendsten Fundstücke aus dem teilverschütteten Raum stellen Scherben eines großen Gefäßes dar. Dieses bestand aus relativ grobem, schwarz gebranntem Ton. Einer der Ausgrabungsteilnehmer äußerte die Vermutung, dass eine Einordnung ins 16. Jahrhundert denkbar wäre. Neben Tierknochenfragmenten und weiteren Scherben sowie Metallnägeln älteren und jüngeren Datums ist das spannendste Fundstück ein recht schön gearbeiteter Gewandknopf. Er besteht aus schwarzem Glas, in das ein Draht zum Annähen eingearbeitet ist. Im Inneren der Burg fand sich neben vielen Scherben moderner Zeit (der Raum wurde als Weinkeller genutzt) eine mindestens zur Hälfte erhaltene, steinerne Geschosskugel, die gut ins Bild eines der zahlreichen Angriffe auf die Burg passte und hier wohl als Füllmaterial Verwendung fand.

Vermutungen zur Funktion des Raumes

Der Ort, an dem der Raum nun wiederentdeckt wurde, wird auf alten Stichen als "Sakristei" betitelt. Diese befindet sich aber in einem angrenzenden Turm zwei Stockwerke höher. Dennoch wäre eventuell durch die räumliche Nähe denkbar, dass der Raum als Gruft geplant war aber nie als solche zum Einsatz kam. Ein Sarg wäre zwar nicht gerade hinabzulassen gewesen, aber durchaus seitlich durch die Öffnung hineinzuhieven. Ob drei Lüftungsfenster in einer Gruft möglich und üblich waren, wäre zu hinterfragen. Zwischen diesen Öffnungen kann sich, wie beim Graben bemerkbar war, ein durchaus starker Luftzug entwickeln. Ebenso möglich wäre eine Nutzung als Kerker gewesen. Angenommen, an der Stelle der Steinplatte wäre früher ein zugänglicheres Gitter gelegen, dann wäre der Raum in seinen Dimensionen und durch die "Scharten" oder auch "Sichtluken" als Gefängnis nutzbar gewesen. Der Exkremente wären in dem Eck versickert, Flüssigkeiten entweder durch das Loch in Bodennähe oder nach Durchdringen der Bodenschicht durch die Burgmauern ins Freie gesickert. Dagegen spricht die historische Tatsache, dass auf Clam keine hohe Gerichtsbarkeit ausgeübt wurde. Es ist natürlich möglich, dass der Raum bei der Errichtung der Burg eine andere Funktion hatte als bei einer späteren Bauphase, während der er möglicher Weise auch in der heutige erhaltenen Form schön verputzt wurde. Ob man einen Kerker entsprechend verschönert hätte, darf in Frage gestellt werden.

Theorie vorerst widerlegt - wie geht es weiter?

Die Theorie eines Fluchtganges an dieser Stelle wurde mit Abschluss der Grabung widerlegt, die alten Geschichten - zumindest zu diesem Punkt der Wehranlage - müssen ins Reich der Legenden verbannt werden. Die Burg Clam ist hingegen um einen Raum reicher. Was damit geschehen soll, ist zur Zeit noch ungewiss. Momentan wird die Burg anlässlich eines weiteren archäologischen Forschungsprojektes bis auf den Zentimeter genau vermessen und dokumentiert. Diesem unter der Leitung von Mag. Dr. Thomas Kühtreiber arbeitenden Team werden sowohl die Fundstücke als auch der ausgegrabene Raum zur Vervollständigung ihrer Arbeit zugänglich gemacht.

Ob an einer der vielen Geschichten über Geheimgänge der Burg ein wahrer Kern zu finden ist, könnte sich irgendwann in der Zukunft herausstellen. In Ermangelung weiterer Hinweise zum Ausgangspunkt eines solchen Ganges sind aber vorerst keine weiteren Grabungen geplant. Eventuell finden im Laufe des kommenden Jahres Bodenvermessungsarbeiten statt, mit denen Hohlräume feststellbar sind. Falls sich daraus etwas Neues ergeben sollte, wird Huscarl selbstverständlich wieder berichten.


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