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(C) Verlagshaus ADEVA
Das Jagdbuch des Mittelalters: direkte Einblicke in die Jagdkunst des 14. Jahrhunderts

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Das Jagdbuch des Mittelalters
Graf Gaston Phoebus gewährte Einblicke in seine Kunst
Andrea Koppel
04.01.2012 23:26

Im Rahmen der Reihe „Glanzlichter der Buchkunst“ widmet die Akademische Druck- und Verlagsanstalt mit Sitz in Graz ihren vierten Band der Jagd des 14. Jahrhunderts. Der fĂĽr hochwertige Faksimile-Ausgaben bekannte Anbieter präsentiert unter dem Titel „Das Jagdbuch des Mittelalters“ die Aufzeichnungen des französischen Adeligen Gaston Phoebus, der nicht nur ein Liebhaber, sondern ein echter Experte der Jagd war. Die Ergebnisse jahrzehntelanger Erfahrung hielt er in seinem „Livre de la Chasse“ fest und hinterlieĂź mit dem 1389 vollendeten Buch gleichwohl eine der schönsten Handschriften wie auch ein einzigartiges Dokument, das wertvolle Einblicke nicht nur in das jagdliche Erlegen von Tieren im Spätmittelalter, sondern auch speziell in das  Wissen um die Natur und ihre Gesetze bietet.

Das Buch liegt schwer in der Hand, wenn es aus der Kartonhülle gezogen wird, die neben dem Hochglanzumschlag als zusätzlicher Schutz fungiert. Während auf dem Karton der Titel und eine Szene aus der Parforcejagd zu sehen sind, blickt dem Leser auf dem Umschlag der adelige Autor Gaston Phoebus persönlich entgegen. Der Graf von Foix und Vicomte von Béarn, der in prächtige Stoffe gewandet und mit den Insignien der Macht ausgestattet, seinen Dienern Anweisungen für die Vorbereitungen der Jagd gibt, führt mit dieser Abbildung höchst selbst in seine Schriften ein. Mit der rechten Hand weist er in die Leserichtung, als ob er damit zum weiteren Studieren seiner zum Teil eigenhändig niedergeschriebenen Kenntnisse auffordern wollte.

Als eine der bereits im ausgehenden Mittelalter besonders verbreiteten Handschriften fanden die Aufzeichnungen von Gaston Phoebus bei der ADEVA Eingang in die Reihe über die Glanzlichter der Buchkunst. Gezeigt wird hier die berühmteste und schönste der insgesamt 44 noch erhaltenen Handschriften, ein Codex, der Anfang des 15. Jahrhunderts entstanden ist und nicht nur durch eine besonders gute inhaltliche Aufbereitung, sondern zahlreiche beeindruckende Beispiele der Buchmalerkunst besticht. Das hier reproduzierte Original befindet sich heute in der Bibliothèque Nationale in Paris.

Die ADEVA legte zwei Fassungen der Reproduktion auf: eine gewohnt hochqualitative, allerdings bereits vergriffene Faksimile-Ausgabe sowie die klassische Buchversion, die die Autorin gelesen hat und im Rahmen dieser Rezension vorstellt. Allein von Erscheinungsbild und Papierqualität her zu urteilen, muss sich aber auch die leichter leistbare Variante des Jagdbuches nicht verstecken. Der stabile Bucheinband umhüllt eine auf starkes Glanzpapier gedruckte Reproduktion des Jagdbuches.

Die Jagd war seit dem FrĂĽhmittelalter fast immer nur Adeligen vorbehalten und gehörte zu ihren liebsten Beschäftigungen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden einige BĂĽcher zu diesem Thema verfasst, wobei das Jagdbuch von Gaston Phoebus aus dem 14. Jahrhundert besonders hervorsticht. Der Autor beschreibt nicht nur die einzelnen Techniken der jagdlichen AufspĂĽrung und Erlegung unterschiedlicher Wildtiere auf fachmännische Weise, er erweist sich auch – und das ist das Ungewöhnliche – in Sachen Naturbeobachtung und Eigenarten von Wild sowie dem treusten Begleiter des Menschen, des Jagdhundes, als ausgesprochener Experte. Doch was fĂĽr ein Mensch war der Graf von Foix eigentlich?

Gaston Phoebus – kampferprobter Grundherr, passionierter Jäger und Naturliebhaber

Seinen Beinamen „der Leuchtende“ in Anlehnung an den griechischen Gott Apollo erhielt Gaston III., der am 30. April 1331 geboren wurde und 1391 in Ortez starb , wahrscheinlich wegen seiner strahlend blonden Haare. Bereits im jugendlichen Alter von 16 Jahren herrschte er ĂĽber zwei Lehen im sĂĽdlichsten Frankreich direkt an der KĂĽste sowie an der Grenze zu Spanien und Andorra und trug nach seinen Grundherrschaften die Titel Graf von Foix und Vicomte von BĂ©arn. Im deutschen Sprachgebrauch entspräche der französische Adelstitel des Vicomtes einem Rang zwischen Graf und Baron.

Privat schien Gaston Phoebus ein nahezu uferloser GenieĂźer gewesen zu sein, der den drei ihm wichtigsten Dingen – der Jagd, dem Waffenhandwerk und der Liebe – aber auch dem Luxus ausgiebig frönte, wie der Chronist Jean Froissart, der ausschlieĂźlich an adeligen Höfen verkehrte und von November 1388 bis Februar 1389 auch bei Gaston Phoebus zu Gast war, der Nachwelt berichtete. Doch konnte der Graf von Foix sein sinnesfrohes Leben nicht ohne die eine oder andere unerfreuliche Unterbrechung genieĂźen.

Der Herrscher war nämlich schon in jungen Jahren durch einige Entscheidungen zwischen die Fronten der beiden Großmächte Frankreich und England geraten. Einerseits unterstand er über seine Grafschaft Foix als Vasall dem französischen König. Andererseits hatte er die Lehensobrigkeit des englischen Königs und Herzogs von Guyenne, die ursprünglich die Vicomteschaft Béarn betraf, aufgekündigt. Am Vorabend des Hundertjährigen Krieges, kurz nach der Schlacht von Crécy, die den Auftakt des jahrzehntelangen Hinwegschlachtens bildete, waren dies besonders schwerwiegende Schritte, die Gaston Phoebus in die Unwägbarkeiten von Kämpfen und Intrigen hineinzogen. Wo taktisches Hindurchlavieren nicht mehr half, griff er zum Schwert und schreckte sogar vor der Tötung des eigenen Sohnes nicht zurück.

Ausgleich fand er ganz besonders bei der Jagd, die fĂĽr ihn nicht bloĂźer Zeitvertreib, sondern der Weg war, im Einklang mit der Natur zu stehen und durch regelmäßige Bewegung die eigene Gesundheit zu erhalten. Moderne Menschen wĂĽrden im Grafen vom Foix möglicherweise eine „alten Haudegen“ sehen, der sogar noch im Alter von 50 Jahren etliche Schlachten schlug, eher er sich dann endlich nur mehr seiner größten Leidenschaft, der Jagd widmete. Doch dies wäre eine zu eindimensionale Sichtweise auf einen Feudalherrscher, dem geistige Bildung ebenso wichtig war. Lesen und Schreiben gehörten zu seinem von ihm oft angewandten Grundwerkzeug, dem er nach Einschätzung von Wilhelm Schlag und Marcel Thomas, der Verfasser des Begleitkommentars, auch die ausgezeichnete sprachliche Kompetenz verdankte. Diese Fähigkeit fand nicht zuletzt ihren Niederschlag im „Livre de la chasse“, das nach Aussagen der Kommentatoren in ausgezeichnetem Französisch verfasst wurde, obwohl das Gaskognische zur damaligen Zeit die Muttersprache des Gaston Phoebus war.

Das Buch als Einblick in die Jagd im 14. Jahrhundert

Als Gaston Phoebus im Alter von 50 Jahren mit seinen Niederschriften begann, flossen die Erkenntnisse eines sehr erfahrenen Jägers mit ausgezeichnetem Blick für die Eigenarten der Natur darin ein. Zwei Jahre schrieb er an dem Werk, ab 1. Mai 1387 bis 1389.

Nach einigen Widmungen, einführenden Worten und einem kurzen Abriss mit persönlichen Daten erfolgt eine Darstellung seines Expertenwissens in vier Abschnitten. Das erste Buch behandelt das gesamte jagdbare Wild vom Damm- und Rotwild, dem der Autor den Schwerpunkt widmet über Wildschwein, Bär und Wolf bis hin zu uns heute eher eigenartig erscheinenden Jagdtieren wie Dachs, Fischotter und Wildkatze. Dabei beschreibt er die Eigenarten der jeweiligen Tiergattung, ihre Lebensweise und mit welchen Mitteln die Tiere am besten zu bejagen sind.

Das zweite Buch widmet er den Hunden, die er als passionierter Jäger liebt und auf deren ordentliche Haltung er großen Wert legt. Genauso erhält die interessierte Leserschaft genaue Angaben über Zucht, Dressur und Pflege des treuesten Freundes des Jägers aus berufenem Mund. Besonders umfangreich informiert Gaston Phoebus über die unterschiedlichen Krankheiten, unter denen Hunde leiden können und gibt Anweisungen, mit welchen Mitteln eine Heilung herbeizuführen ist. Obwohl der Adelige in seiner Zeit auch als Tierarzt anerkannt war, müssen diese nach heutigem Stand in das Reich der Scharlatanerie verwiesen werden.

Unbestritten bleibt jedoch auch hier der Eindruck, dass es sich beim Verfasser um einen sehr umsichtigen und kompetenten Jagdherrn handelt, der sich um eine fundierte Ausbildung seiner Entourage genauso kümmert wie um den pfleglichen Umgang mit den vierbeinigen Jagdgefährten Hund und Pferd.

Apropos Pferd, dieses Tier kommt in seinen Darstellungen allerdings überhaupt nicht vor. Über die Gründe können wir nur spekulieren, wobei die Autorin vermutet, dass das Pferd für die damaligen Menschen als Fortbewegungsmittel eine Selbstverständlichkeit darstellte, die zu besprechen ihnen nicht notwendig erschien.

Die klassische Jagdweise der Parforcejagd, eine Art der Hetzjagd zu Pferde, die schon seit den Kelten bekannt ist, beschreibt Gaston Phoebus anschließend im dritten Buch, wobei besonders die detaillierte Ausführung über die Auswahl und das Aufspüren des jagdbaren Wildes auffällt. Komplettiert wird sein Werk mit Ausführungen zur Fangjagd und zum Jagen mittels Bogen und Armbrust. Sein Wissen ist heute noch in der modernen Jagdwissenschaft allgegenwärtig und aktuell.

Bei allen ernstzunehmenden Darstellungen eines ausgewiesenen Jagdexperten findet sich teilweise auch Kurioses und Eigenartiges in den Schriften. Darunter fallen beispielsweise die Heilmittel fĂĽr Krankheiten von Hunden, die jedem Kurpfuscher alle Ehre machen wĂĽrden. Dennoch sind seine präzisen Naturbeobachtungen, die zur hohen Qualität des „Livre de la chasse“ und der starken Verbreitung des Buches beitrugen, auch heute noch Teil des modernen Wissensstandes.

Darstellung der Handschrift im „Jagdbuch des Mittelalters“

Nach einem kurzen Vorwort des Verlages präsentiert sich das Jagdbuch des Gaston Phoebus in nahezu originalgetreuer Wiedergabe und ansehnlicher Druckqualität, die auch kleine Details gestochen scharf erscheinen lässt.

Auch die Seitennummerierung des Buches wurde bei der Reproduktion beibehalten, was das Auffinden von Abbildungen fĂĽr jene Leser schwierig macht, die mit der Systematik von Handschriften nicht vertraut sind. So werden die einzelnen Kapitel mit der Seitennummer und dem Vermerk „r“ fĂĽr „recto“ (= Vorderseite oder in Schriftsystemen mit der Leserichtung von links nach rechts die rechte Seite) beziehungsweise „v“ fĂĽr „verso“ angegeben, was eigentlich RĂĽckseite, in unserem Schriftsystem links bedeutet.

Am Ende des Buches befindet sich ein ausfĂĽhrlicher Kommentar von Wilhelm Schlag und Marcel Thomas zum ursprĂĽnglichen Autor Gaston Phoebus selbst, seinen HintergrĂĽnden sowie zu den einzelnen Kapiteln selbst.

Fazit

Diese hochqualitative Reproduktion vermittelt durch die Augen des französischen Grundherrn und Naturliebhabers Gaston Phoebus einen sehr guten Einblick in die hohe Kunst der Jagd. Für Mittelalterinteressierte steht hier jedoch nicht das Bildmaterial als mögliche Vorlage für historisch korrekte Gewandungen, sondern die Philosophie und Lebensweise eines Adeligen und seines Hofes im Spätmittelalter im Vordergrund. Die Leserschaft erfährt hier Wissenswertes, Interessantes und manchmal auch Kurioses über die Eigenschaften von Tieren, die verschiedenen Jagdweisen genauso wie über die dazu notwendige spätmittelalterliche Ausrüstung.

So lesenswert und anschaulich sich dieses Buch auch gestaltet, so hätte die Autorin Aussagen und Sichtweisen doch gerne persönlich aus dem Munde Gaston Phoebus‘ erfahren. Die Schrift des Codex ist sogar bei vorhandenen Französischkenntnissen kaum zu entziffern, sodass eine detailgetreue Ăśbersetzung des Originaltextes sehr hilfreich und notwendig wäre.

Der beiliegende Kommentar geht zwar sinngemäß auf die Inhalte der Texte ein, bietet jedoch nur einen Überblick über die einzelnen Themen. Eine Übersetzung bleibt dem Leser leider verwehrt. Dabei wären gerade die persönlichen Bemerkungen von Gaston Phoebus für ein tieferes Verständnis seiner Denkweise förderlich.


Bibliographische Angaben

Glanzlichter der Buchkunst 4 / Das Jagdbuch des Mittelalters: Ms. Fr. 616 der Bibliothèque Nationale in Paris
276 Seiten Reproduktionen, davon 87 Seiten halbseitige farbige Abbildungen
64 Seiten Kommentar von Wilhelm Schlag und Marcel Thomas
21,1 x 17,4 x 2,5 cm
Gebunden mit Schutzumschlag und Karton
Erscheinungsjahr: 1994
ISBN: 3-201-01612-8
Richtpreis: 89,00 Euro

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1. Kommentar von Martl am 09.01.2012 um 10:17

Super gelungene
Rezension!! Danke für die detaillierte Info!

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