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NHM Wien
Detail einer Borte der Hallstattzeit.

NHM Wien
Färben mit Purpurschnecken

NHM Wien
Installation der Akademie für Angewandte Kunst

Agnes Zankl
Präsentation unterschiedlicher Färbepflanzen und Farbresultate

Agnes Zankl
Historische Modeschau unter Mitwirkung einiger Aktiven aus dem Bereich Living History als Teil der Ausstellungseröffnung

Agnes Zankl
Wollvlies unterschiedlicher Schafrassen


Ausstellung: Hallstattfarben im NHM
Keine Sensationen, aber anschauliche und begreifbare Wissenschaft.
Anita Arbesser, Agnes Zankl, Roland, Firiel
20.02.2012 10:15

"Über 2.500 Jahre lang wurden im prähistorischen Bergwerk von Hallstatt durch das Salz nicht nur Textilien konserviert, es blieben sogar deren Farben erhalten. Die einzigartigen Funde bildeten die Grundlage für vielfältige interdisziplinäre Forschungsprojekte. Mit Farbstoffanalysen, Färbeexperimenten und Methoden der experimentellen Archäologie wurde versucht, den Entstehungsprozess der Stoffe und Farben nachzuvollziehen. Die Ergebnisse werden im Rahmen der Ausstellung erstmals einem breiten Publikum vorgestellt. Dazu präsentieren Studentinnen der Universität für angewandte Kunst Arbeiten, die im Dialog mit der Wissenschaft entstanden sind und von den prähistorischen Färbe- und Webtechniken inspiriert wurden." (Quelle: NHM)
 

Eine ganz besondere Kombination aus experimenteller Archäologie und jungem Kunsthandwerk in Zusammenarbeit mit der Akademie der Angewandten Kunst Wien, der Universität für Bodenkultur Wien sowie der Cultural Heritage Agency of the Netherlands präsentiert das Naturhistorische Museum Wien mit seiner neuen Ausstellung "Hallstattfarben". Mit dieser neuen Idee zeigt das Museum, dass es auch mehr kann, als Schaukästen aufzustellen.

Schon bei der Eröffnung am 31. Januar wurde bewiesen, dass Archäologie mehr ist, als staubige Scherben aus dem Boden zu holen. Hier wird Geschichte nachempfunden und historisches Leben rekonstruiert. Ein im Grunde idealer Ansatz, um besonders Living History Darstellern und - Interessierten etwas zu bieten.

Experimentelle Archäologie
zur Schließung von Wissenslücken


Die Idee, so erklärte man in den Reden der Eröffnung, war die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. Von der Ausgrabung über die Deutung bis hin zur Wiederbelebung und zum Schließen etwaiger Lücken durch das wissenschaftliche Experiment. Doch nicht nur das. Man beschritt im Rahmen dieser Auseinandersetzung auch neue Wege. In Zusammenarbeit mit der Akademie der angewandten Kunst Wien brachte man altes Handwerk auf Kurs der Moderne, ließ junge kreative Köpfe über das Erfahrene reflektieren und ihre Ideen neu umsetzen.
Alle Ebenen dieser Aufarbeitung werden in der Ausstellung gezeigt. Funde liegen neben Rekonstruktionen, historisch korrekte Arbeitsweise findet ihr Gegenstück in neuen, experimentellen Herangehensweisen an das Thema Pflanzenfarbe.
Dem Gedanken der lebenden Geschichte ging man auch bei der Eingangspräsentation nach, bei der viele Varianten historischer Kleidung in einer Modenschau zu sehen waren. Die Ergebnisse der modernen Umsetzung des Themas möchte man übrigens am 22. März im Rahmen einer „Catwalk-Show“ zeigen.

Vom Schaf zum fertigen Kleidungsstück

Zugegeben, für erfahrene Darsteller und Begeisterte für historisches Handwerk sind keine Sensationen zu finden, ist die Thematik der Textilverarbeitung doch schon sehr gut aufgearbeitet. Gerade von Karina Grömer, einer der großen Triebfedern dieser Ausstellung, gab es ja schon vorher großartige Arbeiten zum prähistorischen Textilhandwerk.

Wer jedoch noch mehr Informationsbedarf zu diesem Thema hat, findet in dieser Ausstellung im Grunde alles, was es zu wissen gibt. Vom Schaf bis zum fertigen Kleidungsstück wird hier jeder Arbeitsschritt äußerst anschaulich erklärt und anhand entsprechender Fundstücke auch wissenschaftlich untermauert - und das in einer Form, die sich vom staubigen Image der Geschichtsforschung entfernt. Farbenfroh im wahrsten Sinne des Wortes hebt sich der Ausstellungsraum von den ehrwürdigen Mauern des Museums ab.

Highlight: Originale Textilfunde der Hallstattzeit

Besonders begeistert zeigten sich die bei der Eröffnung anwesenden Huscarl-Redakteure von den tatsächlichen Hallstatt-Textilfunden, die in den Vitrinen sehr zahlreich aufzufinden sind. Die etwa 3000 Jahre alten Gewebe sind durch die konservierende Wirkung des Salzes von einzigartiger Qualität. Daneben gibt es immer wieder einzelne rekonstruierte Verarbeitungsschritte zum Original, so dass die Herstellungsweise des Artefakts zu seiner Entstehungszeit gut nachvollziehbar ist.

Die farbstoffanalytische Untersuchung der prähistorischen Hallstatt-Textilien mit Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie erlaubt einen Blick in die Anfänge der Textilfärberei. So nützten die Menschen der Urgeschichte bereits sehr früh Garne, Stoffe, aber wohl auch Vlies mit Gerbstoffen, rot und gelb färbende Beizenfarbstoffe  sowie das blau färbende Färberwaid.
Ein wichtiger Teilbereich des Projektes "Hallstattfarben" war die Rekonstruktion konkreter, farbstoff-analysierter Bänder aus dem Salzbergwerk. Dabei wurden die einzelnen Arbeitsschritte vom Vlies primitiver Schafrassen über Spinnen und Weben bis zum fertigen Bandgewebe durchgeführt. Zur Herstellung einer dieser brettchengewebten Borten wurden etwa 130 Stunden Arbeitszeit benötigt.
Die für die Rekonstruktion der Textilien benötigten Pflanzenfärbungen wurden von der Universität für Bodenkultur durchgeführt, welche anhand zahlreicher Experimente sowie durch intensives Studium von Primärquellen und Fachliteratur unterschiedliche Färbeverfahren entwickelten.

Durch das Salz, aus dem die Textilfunde gegraben wurden, sind die Farben der Hallstatttextilien auch heute noch so strahlend, als kämen sie geradewegs aus dem Färbekessel, und die Gewebe gleichen vielmehr modernen maschinell gewebten Stoffen als den Rekonstruktionsversuchen, die man bisher kennt. Selten bekommt man historische Farbproben so unverändert zu sehen. Die Nähe zur Geschichte und die Einsicht in den hohen technischen Wissenstand des eisenzeitlichen Textilhandwerks, die diese Stücke vermitteln, sind beeindruckend.

Modernes von Altem inspiriert

Abgerundet wird die Ausstellung von Werken von Studenten der Akademie für Angewandte Kunst Wien. Inspiriert von den prähistorischen Färbe- und Webtechniken im Dialog mit der Wissenschaft entstanden moderne Kunstobjekte, in welchen beispielsweise die für die Hallstattzeit typischen Ornamente und Symbole wie Dreieck, Ente oder Pferd aufgegriffen wurden.

Schwerpunkt mehr auf Pflanzenfärbung
denn Hallstatt-Spezifika


Leider wird bei der Ausstellung etwas zu wenig auf die Spezifika der Hallstatt-Kultur selbst eingegangen. Das Gezeigte war vielmehr ein Umriss historischer Färberei von der Bronzezeit bis beinahe in die Moderne – somit könnte man fast meinen, der Name der Ausstellung wäre etwas irreführend.
Trotzdem sprechen die Autoren die Empfehlung aus, die Ausstellung unbedingt zu besichtigen oder an einer der begleitenden Veranstaltungen teilzunehmen. Denn wert ist ein Besuch des Naturhistorischen Museums allemal, wurde doch erst kürzlich die Abteilung für Dinosaurier neu eröffnet.
 
 


Rahmenprogramm:

NHM Hinter den Kulissen
4.3.2012 um 11:00h "Nur alte Fetzen... Archäologische Textilien unterm Mikroskop" | Karina Grömer
 
NHM Forschung aktuell
7.3.2012 um 18:30h "Bunte Farbenpfacht, wissenschaftlich erforscht" | Karina Grömer und Regina Hofmann-de Kaijzer
 
NHM Thema
4.3.2012 um 15:30h "Und jetzt wird's bunt. Textilfärberei vor 3.000 Jahren" | Iris Ott
11.3.2012 um 15:30h "Bunt gefärbt vor 3.000 Jahren" | Regina Hofmann-de Kaijzer
18.3.2012 um 15:30h "Und jetzt wird's bunt. Textilfärberei vor 3.000 Jahren" | Barbara Hirsch

Hallstattfarben.
Sonderausstellung des Naturhistorischen Museums Wien
Saal 12
Ab 1. Februar 2012 bis 6. Januar 2013

Weiterführende Links:




Isi's Spezereyen




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